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Stadtwerke Riesa: "Der Strommarkt ist in Bewegung wie noch nie"

Energie ist an der Börse teuer geworden - und knapp. Ein Gespräch mit Riesas Stadtwerke-Chef René Röthig.

Von Christoph Scharf
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René Röthig ist Geschäftsführer der Stadtwerke Riesa, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt Riesa.
René Röthig ist Geschäftsführer der Stadtwerke Riesa, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt Riesa. © Sebastian Schultz

Herr Röthig, soeben haben die Stadtwerke verkündet, dass die Strompreise für Ihre Kunden stabil bleiben. Wie ist Ihnen denn das unter diesen Umständen gelungen?

In der Tat ist der Strommarkt derart in Bewegung, wie noch nie. Es gab sogar Zeiträume, da waren Produkte an der Börse überhaupt nicht zu beziehen, weil es schlicht gar keinen Anbieter ab. Und der Strom-Großhandelspreis - ohne alle Umlagen und Steuern - hat sich innerhalb eines Jahres zeitweise etwa verdreifacht. Im Gas-Bereich verhält es sich ähnlich. Und ein weiterer erheblicher Kostenfaktor für uns ist die CO2-Bepreisung. Und auch hier hat sich der Börsenpreis pro Zertifikat innerhalb der vergangenen zwölf Monate mehr als verdoppelt. Das kommt ja noch dazu.

Woher bekommen die Stadtwerke überhaupt ihren Strom?

Wir kaufen unseren prognostizierten Bedarf im Zusammenschluss der ostsächsischen Stadtwerke gebündelt an der Börse. So kommen wir auf eine Menge, die tranchierbar ist - sich also in Teilmengen einkaufen lässt. Damit konnten wir zu Zeitpunkten einkaufen, an denen der Preis noch relativ günstig war. Früher war der Strompreis an der Börse oft tendenziell fallend. Da haben einige Anbieter erst im letztmöglichen Augenblick gekauft, um den billigsten Preis zu bekommen. Dieses Konzept der Strom-Discounter geht jetzt natürlich nicht mehr auf. Nun kommt es vor, dass solche Anbieter ihren Kunden kündigen müssen.

Sie kaufen dagegen langfristiger ein. Aber was ist, wenn Sie kurzfristig noch Strom dazukaufen müssen, weil Ihre Kunden mehr abnehmen, als prognostiziert?

Differenzen zwischen der Prognose und dem tatsächlichen Verbrauch gibt es immer. Wir können ja nicht wissen, wann der Kunde den Lichtschalter tatsächlich betätigt ... Strom ist nicht direkt in relevanten Größenordnungen lagerfähig. Wenn man zu viel Energie gekauft hat, die nicht abgenommen wird, muss man sie zu dem Preis verkaufen, der in dem Moment an der Börse gilt. Genauso, wenn man zu wenig hat und kurzfristig nachkaufen muss. Wenn die Ursache dafür alle Anbieter gleichermaßen trifft, zum Beispiel ein extrem kalter Winter, müssen alle zeitgleich Gas nachkaufen - entsprechend stark steigt der Preis. Deshalb versucht man, so genau wie möglich zu prognostizieren. In Riesa sind wir mit unserer Prognose-Genauigkeit sehr zufrieden.

Wie gelingt Ihnen das?

Das liegt unter anderem daran, dass wir in Riesa viele Industrie- und Gewerbekunden haben, die wenig Wetter-abhängig sind. Da ist die Schwankung bei harten oder milden Wintern nicht ganz so stark.

Nun wurde gerade die Umlage für die sogenannten erneuerbaren Energien abgesenkt ...

Damit hat der Gesetzgeber versucht, die extreme Entwicklung im Strompreis etwas abzufedern. Das reicht allerdings nicht vollständig aus, die Kostensteigerungen zu kompensieren. Wir stehen zum Glück mit unserer Tranchen-Einkaufsstrategie auch in der jetzigen Ausnahmesituation ganz gut da - wir haben größere Mengen zu einem Strompreis noch deutlich unter dem jetzigen Niveau eingekauft. Als kommunales Unternehmen, zu dessen Aufgaben auch die Daseinsvorsorge gehört, setzen wir nicht auf Gewinnmaximierung. Diesem Grundsatz folgend, haben wir es für angemessen gehalten, die Strompreise für unsere Kunden stabil zu halten. Wir wollen langfristige faire Kundenbindung statt kurzfristigen Profit. Für den normalen Tarifkunden erhöht sich der Preis nicht!

Und das klappt nur, weil Sie so vorausschauend eingekauft haben?

Wir erzeugen in unseren Heizkraftwerken auch viel eigenen Strom, das stützt uns derzeit sehr.

Aber das Erdgas ist doch auch deutlich teurer geworden ...

Ja! Aber weil wir unseren eigenen Erdgas-Bedarf sehr gut kennen, konnten wir uns da langfristig schon für einen günstigen Preis eindecken. Mit der Mischung Tranchen-Einkauf und Eigenerzeugung konnten wir den Preis stabilisieren. Damit geben wir dem Kunden auch ein Stück weit zurück. Den Versorgungsunternehmen mit privatrechtlichen Eigentümern ist es eigen, den Gewinn zu maximieren. Die darauf entfallenden Steuern kommen dann in der Regel den Großstädten zugute, in denen diese Unternehmen ihre Konzernzentralen haben. Die aktuelle Situation zeigt einmal mehr: Für die Riesaer ist es ein Vorteil, eigene kommunale Stadtwerke zu haben.

Die Strom- und Erdgas-Großhandelspreise sind in den vergangenen Monaten enorm gestiegen. Hat das was mit dem Wiederanlaufen der Wirtschaft nach der Pandemie zu tun?

Beim Gaspreis merkt man deutlich, dass die Wirtschaft jetzt gut wieder angesprungen ist, vor allem auch in Asien. Die Flüssiggas-Tanker, die sonst in Rotterdam anlanden und den Gasmarkt in Europa entlasten, fahren jetzt zum großen Teil nach China. So steht in Europa weniger Menge zu Verfügung - bei steigendem Bedarf. Das wirkt sich auch auf die Strompreise aus, weil relativ viel Strom in Gaskraftwerken erzeugt wird. Durch diese Entwicklung konnten auch wir unsere Gaspreise nicht halten, sondern mussten sie um 1,31 Cent pro Kilowattstunde anheben: Zu groß waren die Preissprünge am Handelsmarkt, wozu 2022 noch die nächste Erhöhung der CO2-Abgabe kommt: Die hat der Gesetzgeber im Brennstoff-Emissionshandels-Gesetz schon festgelegt.