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"Überraschend viele Protestierer"

Auf einer Riesaer Demo von Corona-Skeptikern tauchen 170 Leute auf. Der Revierleiter hat dafür eine Erklärung.

Andreas Wnuck ist Leiter des Polizeireviers Riesa. Im Gebäude an der Klosterstraße herrscht Maskenpflicht - außer bei ausreichend großem Abstand wie hier im großen Besprechungsraum.
Andreas Wnuck ist Leiter des Polizeireviers Riesa. Im Gebäude an der Klosterstraße herrscht Maskenpflicht - außer bei ausreichend großem Abstand wie hier im großen Besprechungsraum. © Sebastian Schultz

Riesa. Andreas Wnuck ist Leiter des Polizeireviers Riesa, das mit rund 100 Beamten für den Altkreis Riesa und Lommatzsch verantwortlich ist. Sächsische.de sprach mit ihm über die aktuelle Sicherheitslage - und Corona-Proteste in Riesa.

Herr Wnuck, die montäglichen Corona-Protest-Spaziergänge in Riesa schienen zuletzt eingeschlafen. Und nun waren plötzlich laut Polizeiangaben wieder 170 Leute auf dem Rathausplatz. Wie das?

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Das war aus meiner Sicht eine Verkettung besonderer Umstände. Auffällig war, dass viele Familien mit Kindern im Alter von sechs, sieben Jahren da waren. Offenbar hatten die sich am Protest gegen die Schließung von Kitas und Schulen beteiligen wollen, der sich aktuell durch das Ablegen von Schuhen vor den Rathäusern äußert. In Ermangelung einer eigenen Demonstration sind die Leute dann mit zu der von Madeleine Feige angemeldeten Kundgebung gegangen. So waren dort plötzlich 170 Leute - damit hatten wir nicht gerechnet. Ich denke, dass sich viele Bürger gar nicht bewusst waren, dass sie sich dem Protest einer Populistin anschließen, wo beispielsweise dort abgespielte Videos Bill Gates für Corona verantwortlich machen. Das kam sogar den Kollegen von der Bereitschaftspolizei komisch vor - und die sind einiges gewohnt. Ein großer Teil der Leute hat sich dann auch recht schnell wieder von dort entfernt.

Wie geht es aus Ihrer Sicht mit den Demonstrationen in Riesa weiter?

Diese Einschätzung fällt schwer. Für nächsten Montag ist schon wieder eine Veranstaltung auf dem Rathausplatz angemeldet, aber nicht von Frau Feige. Die kommt sicher noch. Am Montag zuvor waren übrigens 37 Leute bei ihrem Protest dabei, das ist ein Wert gewesen, der zu erwarten war. Dort sind dann auch immer mitreisende Anhänger dabei.

Wie stark hat der Corona-Protest Ihre Kollegen im Polizeirevier im vergangenen Jahr beschäftigt?

Außerordentlich. Wir hatten insgesamt 22 Einsätze, die insgesamt mehr als 2.000 Mann-Stunden für uns bedeuteten. Das kann ein Revier wie das unsere nicht allein zusätzlich leisten, da werden wir dann von der Bereitschaftspolizei unterstützt.

Laut Polizeiangaben waren zu der Kundgebung am Montag auf dem Riesaer Rathausplatz 170 Leute gekommen.
Laut Polizeiangaben waren zu der Kundgebung am Montag auf dem Riesaer Rathausplatz 170 Leute gekommen. © Eric Weser

Und wie verhalten sich die Protestierer?

Der harte Kern tritt recht provokativ auf. Die Kollegen der Bereitschaftspolizei sind sehr professionell, was das angeht - und beziehen solche Provokationen nicht auf sich. Der größere Teil der Teilnehmer will seinen Unmut über die Corona-Maßnahmen kundtun, bleibt dabei aber friedlich. Einzelne Verstöße gibt es etwa gegen die Vorschrift, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen oder den Mindestabstand einzuhalten. Ein erhöhtes Gewaltpotenzial ist nicht festzustellen. Unsere Kollegen suchen auch immer wieder das Gespräch mit den Teilnehmern, um zu erklären, warum auch nicht angemeldete "Spaziergänge" rechtlich als "Versammlung" eingeordnet werden, für die Auflagen gelten.

Vor Weihnachten hatte es im Riesaer Revier größere Ausfälle durch Corona gegeben. Wie ist aktuell die Lage bei der Belegschaft?

Wir haben momentan einen einzigen Corona-Fall und zwei Kollegen in Quarantäne. Das sieht sehr gut aus - im Vergleich zum Dezember, wo es bei uns verheerend war. Damals war nach einem größeren Einsatz sogar ein halber Zug von der Bereitschaftspolizei infiziert. Das zeigt, wie wichtig der Infektionsschutz ist.

Kommen wir zu den gerade veröffentlichten Zahlen der Kriminalstatistik. Im Kreis Meißen gab es 2020 insgesamt eine Zunahme bei der erfassten Kriminalität. Im Revier Riesa auch?

Nein, bei uns ist sie gegen den Landkreis-Trend um fünf Prozent zurückgegangen. Dafür gibt es aber nicht den einen, alles erklärenden Grund - da spielt zum Beispiel das Anzeige-Verhalten mit rein oder beispielsweise, dass es anderswo Hotspots der Kriminalität gibt. Auffällig ist, dass sich die Phänomene der Kriminalität verschieben.

Wie meinen Sie das?

Es gibt mehr Delikte im häuslichen Bereich, aber vor allem auch bei der Computerkriminalität. Wenn jetzt viel mehr Leute zuhause sitzen und im Internet bestellen, steigt auch die Zahl der Betrugsfälle, etwa bei Ebay oder auf anderen Plattformen.

Gibt es denn im Lockdown überhaupt noch die professionellen, durchreisenden Täter bei uns?

Die haben wir auch noch! So etwa jetzt beim Diebstahl von Technik im Wert von 100.000 Euro aus einem Zeithainer Solarpark. Da gehen wir von ost- oder außereuropäischen Tätern aus. Und auch beim Stichwort Kfz-Diebstahl merken wir, dass anderswo gestohlene Fahrzeuge bei uns durchkommen. Erst kürzlich ist uns ein in Hessen gestohlenes Auto untergekommen.

Und wie steht es um die Aufklärungsquote?

Die ist mit 69,9 Prozent im Revierbereich sehr hoch! Auch höher, als im Landkreis-Durchschnitt. Die Kollegen haben sehr fleißig und konsequent ermittelt, das zahlt sich aus. So konnten beispielsweise viele Autoaufbrüche in Riesa und Einbrüche im Umfeld des Zeithainer Wohngebiets Nikopol aufgeklärt werden. Bearbeitet wurden die Fälle zwar von der Kriminalpolizei in Meißen, aber unsere Kollegen aus dem Streifendienst hatten zuvor nicht nur konkrete Vermutungen zu den Tatverdächtigen, sondern haben mit Eifer DNA-Spuren an den Tatorten gesammelt. Eine sehr gute Arbeit!

Hat die sich auch in Gerichtsurteilen ausgezahlt?

Die beiden ermittelten Täter bei den Autoaufbrüchen sitzen meines Wissens nach noch ein. Auch die Haupttäter der Zeithainer Einbruchs-Serie wurden bestraft. Jedenfalls ist dort jetzt Ruhe eingekehrt - die Kriminalität in Zeithain ist um zwölf Prozent zurückgegangen.

Und wie ist das bei den Fällen von Computerbetrug?

Da liegt die Aufklärungsquote bei sehr guten 70 Prozent - und wir haben noch nicht alle Fälle fertig bearbeitet. Klassischerweise sind das Leute, die sich Technik mit falschen Kontodaten bestellen oder online selbst zum Beispiel Handys anbieten, die sie sich dann bezahlen lassen - aber nie verschicken. Da trifft man immer wieder auf dieselben Leute, auf die teils gleich elf, zwölf Fälle kommen.

© SZ Grafik

Gibt es im Revierbereich lokale Schwerpunkte außerhalb der Stadt Riesa und des Wohngebiets Nikopol, etwa in Gröditz?

Ja, das sogenannte Musikerviertel dort beschäftigt uns seit Jahren. Deshalb gibt es dort auch einen Kriminalpräventiven Rat unter Beteiligung des Bürgerpolizisten. Dort gab es auch von 2019 zu 2020 einen Zuwachs an Kriminalität. Klassischerweise geht es dort um Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Körperverletzungen. Das gibt es in Plattenbausiedlungen häufiger - und die Delikte konzentrieren sich oft auf ganz bestimmte Personen. Der Anteil ausländischer Straftäter ist 2020 in Gröditz übrigens zurückgegangen - von zuvor 15 Prozent auf acht Prozent.

Und die anderen Orte im Revierbereich: Lommatzsch, Strehla, Glaubitz ...

Da gibt es nichts, was besonders auffällig wäre. Da gibt es im Jahr so wenige Delikte, dass es sich schon statistisch bemerkbar macht, wenn ein besonders auffälliger Einwohner mal von einem Ort in einen anderen umzieht.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?

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Ich wünsche mir, dass der Respekt vor dem Anderen und seiner Meinung wieder Einzug hält. Wenn Polizisten bei einer Kundgebung ständig als "Regierungsbüttel" betitelt werden, ist das für die jungen Kollegen nicht einfach. Natürlich können die Bürger erwarten, dass die Polizei professionell auftritt - aber sie sollten nicht vergessen, dass in jeder Uniform auch ein Mensch steckt. Aber ich bin optimistisch, dass das wieder besser wird.

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