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Was die Volkshochschule ändern will

Mit den Angeboten in Riesa ist nicht jeder einverstanden. Nun soll die Stadt stärker in den Fokus rücken, sagt der Geschäftsführer - und hofft auf Unterstützung der Bürger.

Geschäftsführer René Gubsch und Vorständin Kerstin Köhler vor der Volkshochschule in der Marie an der Klötzerstraße in Riesa.
Geschäftsführer René Gubsch und Vorständin Kerstin Köhler vor der Volkshochschule in der Marie an der Klötzerstraße in Riesa. © Sebastian Schultz

Riesa. Wer das Wort Volkshochschule hört, der denkt an in aller Regel an einen Seminarraum, an Dozenten, die vorn an der Tafel stehen und ihren Schülern etwas erzählen; an Sprach- und Gesundheitskurse. Solche Angebote gibt es nach wie vor, sie sind sogar so etwas wie die Butter- und Brot-Arbeit für die Volkshochschulen im Landkreis Meißen, sagt René Gubsch. "Aber sie sind Segen und Fluch für uns", ergänzt der Geschäftsführer der Einrichtung dann. Denn das Image, das damit verbunden ist, schreckt womöglich manchen ab.

Gubsch schickt sich derzeit an, diesen Eindruck zu verändern - und das geht am ehesten über neue Angebote. Es sei die neue Priorität, Riesa in den nächsten zwei Jahren stärker zu bespielen, nachdem in der Region zuletzt vor allem der Gröditzer Dreiseithof im Fokus der Volkshochschule stand. Dort gebe es mittlerweile eine gute Struktur, sagt René Gubsch.

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Es ist Mittwochvormittag, am Standort in der Marie sind gerade einige Sprachkurse zu Ende gegangen. Die Kursentgelte machen 60 Prozent des Einkommens aus, erklärt der Geschäftsführer. Zumindest die Deutschkurse konnten auch in der Coronakrise stattfinden - dank Videotechnik: Die Kurse wurden geteilt, erklärt Gubsch. "Eine Gruppe saß mit der Dozentin in einem Raum, die zweite in einem anderen - zu dem aber eine Videoverbindung bestand."

Zumindest Deutschkurse konnten schon vor der Wiedereröffnung der Volkshochschulen Mitte Juni stattfinden - in Kleingruppen und dank technischer Hilfsmittel.
Zumindest Deutschkurse konnten schon vor der Wiedereröffnung der Volkshochschulen Mitte Juni stattfinden - in Kleingruppen und dank technischer Hilfsmittel. © Sebastian Schultz

Geht es nach Gubsch, sollen die künftigen Angebote aber nicht mehr bloß am Standort in der Marie stattfinden. Und sie sollen sich auch inhaltlich klar vom bisherigen Programm abheben. In Radebeul habe man so etwas schon erfolgreich umsetzen können, biete beispielsweise regelrechte Themenreihen zur "ökologischen Grundbildung" an: Da geht es um Fledermäuse, da lernen die Teilnehmer etwas über Igel oder sogenannte Tiny Houses - und sind dazu auch viel draußen unterwegs. "Diese Kurse laufen sehr gut in Radebeul und Moritzburg." Das müsse natürlich nicht zwangsläufig in Riesa der Fall sein. Aus der Vergangenheit weiß René Gubsch, dass in Riesa vor allem Kurse im Kunst- und Handwerksbereich stets gut angenommen wurden. "Das soll wieder aufgebaut werden."

Die Nachricht dürfte auch Kerstin Köhler freuen. Riesas Finanzbürgermeisterin sitzt seit einigen Monaten im Vorstand der Volkshochschule. "Weil ich ehrlich gesagt mit dem Kursangebot nicht zufrieden war", sagt sie. Verständlich: Wer auf der Internetseite der Einrichtung das Programm durchstöbert, findet für Riesa derzeit 30 Angebote, das Gros davon Deutschkurse. Für Radebeul sind es mehr als dreimal so viel. Nach der auch wirtschaftlich schwierigen Coronazeit hofft Kerstin Köhler nun auf frischen Wind für die Einrichtung.

Appell an pensionierte Lehrer

Allein will die Volkshochschule das aber nicht stemmen. Vielmehr hofft René Gubsch auf eine stärkere Vernetzung mit Institutionen, Vereinen und Ehrenamtlichen - und hat deshalb zuletzt auch im Riesaer Kulturausschuss vorgesprochen. Was er meint, führt Gubsch am Beispiel Zeithain aus. Über andere Veranstaltungen sei der Kontakt zur Gedenkstätte Ehrenhain entstanden. Die wird nun mit in eine historische Radtour durch die Region eingebunden, geplant ist sie für den Herbst. Von solchen Zusammenarbeiten profitieren also letztlich alle Seiten, glaubt Gubsch.

Ein wunder Punkt, der speziell Riesa betrifft, ist die Verfügbarkeit von Dozenten. Früher waren das häufig ehemalige Lehrkräfte oder Ausbilder, die vor Ort sind. Die fehlen heute offenbar. "Für mich ist das unerklärlich", sagt Kerstin Köhler. "Wo sind im Jahr 2021 die Lehrer, die in Teilzeit in der Gesellschaft aktiv bleiben? Warum gelingt es uns nicht, die zu begeistern?"

Heute müssen vielfach Honorarkräfte aus den Großstädten die Aufgabe zu übernehmen. Um heute aber so jemanden aus Dresden für einen Kurs nach Riesa zu locken, brauche es erst einmal eine bestimmte Teilnehmerzahl. Sonst seien die Kosten nicht zu decken, erklärt René Gubsch. Es ist ein Dilemma: Während ein Kurs in Radebeul wegen der Nähe zu Dresden mit einer bestimmten Teilnehmerzahl kostendeckend angeboten werden kann, benötigt man in Riesa ungleich mehr Leute. Schlimmstenfalls scheitert ein Kurs daran, dass die benötigten sechs bis acht Teilnehmer nicht zusammenkommen.

Ein Seminar in der Kneipe?

Ein Ziel der Volkshochschulen ist es deshalb auch, sich als Angebot der Daseinsvorsorge anerkennen und fördern zu lassen. Es sei bezeichnend, sagt René Gubsch, dass Kurse in Riesa teurer sind als in Stuttgart, und das liege in erster Linie an der Förderung in Baden-Württembergs Hauptstadt. Über Projekte gelinge es dagegen sehr gut, Referenten zu gewinnen. Da könne man auch akzeptable Preise anbieten, weil Honorare anders abgerechnet werden.

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Sowohl der Geschäftsführer als auch Kerstin Köhler können sich zukünftig vorstellen, dass die Volkshochschule in der Stadt etwas präsenter wird - etwa mit einem Atelier an der Hauptstraße. Leerstand gäbe es dort genug. Ohnehin ist laut René Gubsch das Ziel, die Klassenzimmer öfter zu verlassen - und damit das staubige Image. "Man kann sich auch in einer Kneipe treffen - da hat dann sogar der Wirt noch was davon." Die Bandbreite der Themen gäbe auch so etwas her. Denn das sei ja das Schöne an einer Volkshochschule: "Das Spektrum ist gigantisch!" Vielleicht auch bald in Riesa?

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