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Warum war Riesas Wahlergebnis so knapp?

Nur 500 Wählerstimmen trennen die beiden OB-Kandidaten. Dafür haben Politiker unterschiedliche Erklärungen.

Ein Stapel für Müller, ein Stapel für Hoffmann: In den meisten Riesaer Wahllokalen lieferten sich die beiden OB-Kandidaten am Sonntagabend ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Ein Stapel für Müller, ein Stapel für Hoffmann: In den meisten Riesaer Wahllokalen lieferten sich die beiden OB-Kandidaten am Sonntagabend ein Kopf-an-Kopf-Rennen. © Sebastian Schultz

Riesa. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das bis zur Auszählung des letzten Wahllokals spannend blieb. Am Tag nach der Riesaer OB-Wahl stellt sich die Frage, warum Amtsinhaber Marco Müller (CDU) und Herausforderer Gunnar Hoffmann (parteilos) bei den Ergebnissen derart dicht beisammen lagen. Sächsische.de hat sich bei Vertretern der regionalen Politik umgehört.

Überrascht vom engen Wahlausgang waren viele – ob CDU-Kreisvorsitzender Sebastian Fischer, der frühere Riesaer Landtagsabgeordnete Geert Mackenroth (CDU) oder Landrat Ralf Hänsel (parteilos). Lediglich Linken-Kreischef Erik Christopher Richter gibt an, damit schon im Vorfeld gerechnet zu haben.

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Geschafft: Marco Müller kurz nach der Auszählung der Stimmen der Riesaer Oberbürgermeisterwahl am Sonntagabend.
Geschafft: Marco Müller kurz nach der Auszählung der Stimmen der Riesaer Oberbürgermeisterwahl am Sonntagabend. © Sebastian Schultz

"Wenn der Amtsinhaber auf keine von anderen Parteien aufgestellte Konkurrenz trifft und allein gegen einen zwar engagierten, gleichwohl unerfahrenen und weitgehend unbekannten Einzelbewerber antritt, hätte ich eigentlich ein deutlich besseres Ergebnis für den bisherigen Rathauschef erwartet", sagt Geert Mackenroth. Aber Sieg bleibe Sieg –darum gratuliert er Marco Müller.

Sebastian Fischer verweist auf die geringe Wahlbeteiligung als möglichen Grund. "Wir haben einen stark polarisierten Wahlkampf erlebt, was eigentlich oft eine starke Wahlbeteiligung nach sich zieht." Doch es kam anders, nur gut 40 Prozent gaben ihre Stimme ab. Das bedauert Landrat Hänsel: So fehle nun ein Großteil der Wählerstimmen – was sehr schade sei.

Linken-Kreischef Richter interpretiert die Wahl so: Bei einem amtierenden Bürgermeister wisse der Wähler, was er bekomme. Sein Herausforderer dagegen habe angegeben, alles neu machen zu wollen. "Das schreit ja geradezu nach einem knappen Ergebnis." Jetzt müsse Marco Müller seine Wahlversprechen einlösen und auch die Bürger ernst nehmen, die sich bewusst gegen ihn entschieden haben.

Riesas direkt gewählter Landtagsabgeordneter, Carsten Hütter (AfD), nimmt eine Wechselstimmung im Landkreis Meißen wahr. "Und es fiel auf, dass Marco Müller nicht zu seiner Partei stand." Manch Bürger hätte kritisch gesehen, dass man die Buchstaben CDU nur direkt vor dem Wahlplakat stehend wahrnehmen konnte. "Wenn jemand von der AfD angetreten wäre, hätte das Ergebnis anders ausgesehen." Jedoch: Warum trat niemand an? Man habe einen Bewerber gehabt, der von außerhalb stamme – das wäre schwer zu vermitteln gewesen. Ein potenzieller Kandidat aus Riesa dagegen habe seine Selbstständigkeit nicht zugunsten eines OB-Amts aufgeben wollen.

Doch was bedeutet der knappe Ausgang für die Stadt? Immerhin hat fast jeder zweite Wähler dem Herausforderer die Stimme gegeben. Das wird deutlich unterschiedlich interpretiert: Sebastian Fischer sieht darin ein gutes Signal für Riesa; Marco Müller arbeite sachlich und kompetent für die Zukunft der Stadt. Geert Mackenroth deutet die geringe Wahlbeteiligung und das sehr knappe Ergebnis eher als eine "deutliche Unzufriedenheit vieler Menschen in Riesa mit der bisherigen Rathauspolitik". Die Leistungsbilanz habe rund die Hälfte der Wähler erkennbar nicht in jedem Politikfeld überzeugt. "Riesa scheint nahezu gespalten, es fehlte so etwas wie ein 'Wir – Gefühl'", so der frühere sächsische Justizminister.

Landrat Ralf Hänsel wünscht OB Müller für die neue Amtszeit alles Gute. "Marco Müller ist ein erfahrener Kommunalpolitiker, der das Ergebnis der Wahl sicher am besten interpretieren kann." Carsten Hütter sieht es als eine Herausforderung für den wiedergewählten OB, alle Pole im Stadtrat im Sinne einer gemeinsamen Politik für Riesa zusammenzuführen – sonst werde es sehr schwer bei der nächsten Wahl. Im Wahlkampf habe Müller mehrfach Aussagen getroffen, die eher im Ungefähren blieben, meint der AfD-Politiker. "So habe ich nach dem Vor-Ort-Termin im Grube-Stadion eine klare, überprüfbare Aussage vermisst."

Linken-Politiker Erik Christopher Richter stellt fest, dass die Zeiten vor bei seien, bei denen man über die Karte der CDU eine Wahl gewinne. Müller müsse nun seine Amtszeit nutzen, um den Bürgern zu zeigen, was er draufhabe. "Sonst dreht sich das knappe Ergebnis beim nächsten Mal." Geert Mackenroth sieht bei manchem Handlungsfeld in Riesa noch "Luft nach oben", etwa beim Thema Wirtschaftsansiedlung, Infrastruktur, Wohnungsbau, Umgang mit Minderheiten. "Alle im Stadtrat vertretenen Parteien täten gut daran, den Riesaern künftig noch mehr 'aufs Maul zu schauen'", sagt Mackenroth. Ein "weiter so" wäre fatal.

Ihm ist noch ein anderer Aspekt aufgefallen: "In Plauen war der Bewerber, der sich vorher und im Wahlkampf klar zur CDU bekannt hatte, der eindeutige strahlende Sieger. Herr Müller hat ein solches Bekenntnis vermutlich aus taktischen Gründen vermieden – das hat sich nicht ausgezahlt."

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