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Was 2,2 Promille wirklich bedeuten

Ein Riesaer wird betrunken am Steuer erwischt. Zwei Jahre später ist er 6.000 Euro ärmer - und noch immer aufs Fahrrad angewiesen.

Seit fast zwei Jahren ist der Riesaer Matthias K. (Name geändert) aufs Fahrrad angewiesen. Seit einem Alkoholverstoß ist sein Führerschein weg. Was der 55-Jährige seitdem erlebt hat, gleicht einer Odyssee.
Seit fast zwei Jahren ist der Riesaer Matthias K. (Name geändert) aufs Fahrrad angewiesen. Seit einem Alkoholverstoß ist sein Führerschein weg. Was der 55-Jährige seitdem erlebt hat, gleicht einer Odyssee. © Sebastian Schultz

Riesa. Gerade mal 500 Meter lang war die letzte Autofahrt von Matthias K.* (Name geändert). Dann stoppte ihn im Riesaer Ortsteil Merzdorf eine Polizeistreife. „Das war ein Zufallstreffer. Offenbar bin ich nachts um halb elf auffällig langsam gefahren.“ Und ab diesem Augenblick wurde der Alltag des Riesaers auf den Kopf gestellt. Denn beim Pusten kam ein Wert von 1,8 Promille raus. 

Keine wirkliche Überraschung für den Selbstständigen, der zuvor zuhause seine Abrechnungen gemacht hatte und dabei innerhalb einiger Stunden reichlich Bier und Wein und zuletzt noch etwas Sekt getrunken hatte. Dann ging es für ihn im Polizeiwagen zur Blutabnahme, die einen offiziellen Alkoholwert von 2,2 Promille ergab. „Dann ging das Theater los.“

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Fast zwei Jahre ist die Polizeikontrolle nun her. Aber an den Folgen seiner Trunkenheitsfahrt vom Oktober 2018 trägt der 55-Jährige heute noch. Und er möchte davon erzählen. „Es kann sich doch kein normaler Mensch vorstellen, was dann für ein Theater losgeht.“ Den Führerschein behielten die Beamten gleich ein. Den hat Matthias K. bis heute nicht wieder gesehen. 

Es folgten ein Besuch beim Rechtsanwalt und ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft: 14 Monate Fahrverbot, 2.200 Euro Geldstrafe waren das Resultat für den Promilleverstoß, der jenseits der 1,6 Promille nicht mehr als Ordnungswidrigkeit, sondern als Straftat zählt – auch beim ersten Mal.

450 Euro für sechs Urinproben

Aber bei diesen gut 2.000 Euro sollte es beileibe nicht bleiben. „Bis heute habe ich 6.000 Euro für meinen Verstoß ausgegeben. Und eine Fahrerlaubnis habe ich immer noch nicht“, sagt K. Dafür liegt bereits eine ganze Odyssee hinter ihm: ein Lehrgang beim TÜV in Dresden beispielsweise, der für eine Verkürzung der Sperrfrist sorgen sollte. „Vier Gespräche in einer Runde mit sechs Leuten waren das“, erinnert sich der Riesaer. „Ersttäter mit Drogen oder Alkohol im Straßenverkehr.“ Behandelte Fragen: Wie kam es zum Vorfall? Wie wirkt Alkohol? Wie viel steckt in einer Flasche Bier? „Da lernt man schon was, das war nicht umsonst“, sagt K. Und eine Verkürzung der Sperrfrist von 14 auf elf Monate brachte der Lehrgang auch – kostete allerdings auch 400 Euro.

Die nächsten 450 Euro wurden für ein freiwilliges Alkohol-Screening fällig. „Das zu absolvieren, wurde mir im Kurs empfohlen.“ Was Matthias K. damals nicht wusste: Verschiedene Anbieter – etwa TÜV oder Dekra – verlangen dafür auch unterschiedliche Preise. Bei ihm kassierte der Meißner Anbieter 75 Euro pro Urinprobe, von denen er insgesamt sechs machte. Zweck der Sache: Glaubwürdig zu machen, dass man auch ein Jahr lang ohne Alkohol auskommt. Und so kommt zu einem nicht vorhersehbaren Zeitpunkt eine SMS, dass man wenige Stunden später seinen Urin abgeben muss – unter Aufsicht, wie bei einer Dopingprobe.

Psychologengespräche über Urlaub und Sex

Und dann war das erste Jahr nach der verhängnisvollen Autofahrt rum. Zeit für Matthias K., sich nach einem Termin für die vorgeschriebene medizinisch-psychologische Untersuchung, kurz MPU, im Volksmund „Idiotentest“, zu erkundigen. Was er tatsächlich von einem privaten Anbieter bekam, war ein Termin bei einem Verkehrspsychologen in Dresden, in Bahnhofsnähe. Die Lage war wichtig: Denn seit Monaten konnte der Physiotherapeut seine Riesaer Hausbesuche nur noch per Fahrrad machen, Wege nach Dresden oder Meißen mit Bus und Bahn. „Beim Psychologen musste ich mir anhören, ich sei eine Gefahr für die Umwelt! Ich wurde nach Strich und Faden fertiggemacht“, erinnert sich K.

Der Riesaer gibt an, in Dresden beim Gespräch unter Druck gesetzt worden zu sein – und schließlich noch bei der ersten Sitzung einen sogenannten VIP-Vertrag mit dem Psychologen unterschrieben zu haben, der neun Einzelsitzungen enthielt – und weitere 1.400 Euro kostete. 

Zufrieden war Matthias K. mit den Inhalten allerdings im Nachgang überhaupt nicht. „Der wollte mit mir über Essen, Fußball, Urlaub, Sex sprechen – um Alkohol ging es fast gar nicht“, so seine Erinnerung. Dafür gab es noch den Ratschlag, ein weiteres kostenpflichtiges Alkohol-Screening zu machen. Das waren nochmals vier Urinproben innerhalb eines halben Jahres, dieses Mal zum Preis von je 113 Euro. Andere Verkehrspsychologen, so sein Eindruck mittlerweile, würden besser mit ihren Kunden umgehen.

Laut aktuellster Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) mussten sich 2018 deutschlandweit 87.088 Personen im Rahmen einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) begutachten lassen. Die Zahl ist im Vergleich zum Jahr davor um 1,1 Prozent gesunken.

Der häufigste Grund war wie in den Vorjahren eine Alkoholauffälligkeit, allerdings steigt der Anteil der durch Drogen verursachten Untersuchungen. Zum ersten Mal seit Erfassung der Statistik bilden laut Bast die zusammengefassten drogenbezogenen Untersuchungsanlässe eine größere Anlassgruppe als die erstmals Alkoholauffälliger.

Die Ergebnisse: Knapp 60 Prozent aller begutachteten Personen wurden laut Bast-Angaben als „geeignet“ beurteilt, rund 36 Prozent als „ungeeignet“ und der Rest als „nachschulungsfähig“ eingestuft.

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Einen MPU-Termin allerdings hatte er damit immer noch nicht. Die Untersuchung muss man nämlich, das war K. zuvor nicht bewusst, bei der Führerscheinstelle des Landratsamts beantragen. Der Riesaer ist damit kein Einzelfall – im Kreis Meißen, so das Landratsamt auf SZ-Anfragen, wird die MPU jedes Jahr im Durchschnitt rund 140-mal angeordnet: für Alkoholverstöße jenseits der 1,6 Promille, für mehrfache kleinere Alkoholverstöße, für Drogen am Steuer, für zu viel Flensburg-Punkte.

Und hier kam nun die nächste Hürde: „Erst musste ich einen Fragebogen beantworten“, sagt Matthias K. Angaben zum Privatleben, zur Familie, zum Trinkverhalten, zu Erkrankungen waren gefragt. Dann folgte ein Reaktionstext am Monitor – geometrische Figuren, Farben, helle und dunkle Töne waren zu erkennen und rasch mit einem Drücken auf richtige Tasten und Pedale zu quittieren. „Das wurde immer schneller und schneller, aber ich habe 80 Prozent geschafft – ein guter Wert“, sagt der Riesaer. Dritter Punkt war ein halbstündiges Gespräch mit einem Psychologen. Der wollte Angaben zum Trinkverhalten, zu den Ursachen, zum künftigen Verhalten.

Aus diesen Gründen wird in Deutschland eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet. Die Bundesanstalt für Straßenwesen führt darüber Statistik. Die Zahlen beziehen sich auf 2018.
Aus diesen Gründen wird in Deutschland eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet. Die Bundesanstalt für Straßenwesen führt darüber Statistik. Die Zahlen beziehen sich auf 2018. © SZ Grafik; Quelle: Bundesanstalt für Straßenwesen

Und was waren im Fall von Matthias K. eigentlich die Ursachen für den erheblichen Alkoholwert? „Ich habe mir immer viel Arbeit mit nach Hause genommen. Und wenn ich mich abends am Schreibtisch um Anmeldungen, Termine, Quittungen gekümmert habe, trank ich Bier, Wein und Sekt dazu.“ War das schon Abhängigkeit? „Psychisch schon“, sagt K. „Körperlich zum Glück noch nicht.“ Womöglich, so ein Psychologe, habe sich der Riesaer schon von Kind auf zu sehr unter Druck gesetzt, im Beruf, im Sport. „Dabei hatte ich eine super Kindheit.“

Letztes Kapitel bei der MPU war die ärztliche Untersuchung: Blutabnahme, Blutdruck, Balancieren auf einem Bein, Arme vor und Augen zu. Insgesamt dauerte das ganze vier Stunden – und brachte die nächste Rechnung: 630 Euro.

"Es ist gut, dass ich erwischt wurde"

Die nächsten Kosten kommen dann auf der Zulassungsstelle. Ist alles bestanden, muss die Fahrerlaubnis neu beantragt werden. Mit neuem Erste-Hilfe-Lehrgang, neuem Sehtest – wie bei einem Fahranfänger. „Dann bekomme ich ein neues Dokument ausgestellt. Mein alter Führerschein ist wohl schon geschreddert“, vermutet K., der seiner Familie, seinen Freunden und Kunden von Anfang an gestanden hat, warum er so plötzlich kein Auto mehr fährt.

Alles zusammen, Strafe, Gebühren, Fahrkarten, Anwaltskosten, hat der Riesaer mittlerweile 6.000 Euro für seine Straftat ausgegeben. Und muss nach wie vor jeden Tag, Sommer wie Winter, mit dem Fahrrad zu seinen Kunden fahren, im Schnitt 400 Kilometer im Monat. „Ich warte noch auf das Ergebnis der MPU.“ 

Seine Lehre aus dem Vorfall hat er längst gezogen: Wer trinkt, darf nicht fahren. „Ich bin noch heute heilfroh, damals keinen Unfall gebaut zu haben.“ Laut der Bundesanstalt für Straßenwesen ist das Risiko, einen Unfall zu verursachen, schon bei 1,6 Promille 18-mal so hoch wie nüchtern. „Es ist gut, dass ich betrunken von der Polizei erwischt wurde.“

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