merken
PLUS Riesa

Was sich von DDR-Technik lernen lässt

Waschmaschinen und Kühlschränke können heute per W-Lan kommunizieren. Geräte von früher haben andere Vorteile, sagt ein Riesaer Experte.

Firmenchef Jens Vogel erklärt im Verkaufsraum eine Bosch-Waschmaschine. Kunden können auch unter Corona-Bedingungen dort einkaufen - aber nur mit Termin.
Firmenchef Jens Vogel erklärt im Verkaufsraum eine Bosch-Waschmaschine. Kunden können auch unter Corona-Bedingungen dort einkaufen - aber nur mit Termin. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Früher war man schon froh, wenn die Waschmaschine einen Schleudergang hatte. Heute unterhalten sich Waschmaschine und Trockner elektronisch miteinander. Wenn der Kunde das wünscht. "Moderne Geräte lassen sich problemlos mit dem heimischen W-Lan vernetzen", sagt Jens Vogel. Aber wozu? Der Trockner merkt dann von allein, was für ein Programm die Waschmaschine da gerade wäscht - und kann sein eigenes Programm darauf abstimmen. "Die Wäsche umladen muss ich allerdings noch von Hand", sagt der Riesaer.

Der Elektro-Ingenieur hat seinen eigenen Haushalt technisch aufgerüstet: Schließlich muss er wissen, was da technologisch abgeht in der Branche. Seit Jahrzehnten gibt es im Geschäft der Vogels am Riesaer Stadtrand Haushaltstechnik. Gegründet von Klaus Vogel ist seit dessen Tod vor vier Jahren nun Sohn Jens der Chef. Und er verkauft und wartet nicht nur "smarte" Waschmaschinen und Trockner, sondern auch kleinere Geräte wie Kaffeemaschinen. Wobei die Corona-Folgen in den weltweiten Lieferketten nicht nur bei ihm derzeit einige Lücken in die Regale gerissen haben. "Damit die Kunden nicht lange warten müssen, verkaufe ich auch mal Ausstellungsstücke."

StadtApotheken Dresden
Die StadtApotheken Dresden sind für Sie da
Die StadtApotheken Dresden sind für Sie da

Die StadtApotheken Dresden unterstützen Sie bei einer gesunden Lebensweise und stehen Ihnen sowohl mit präventiven als auch mit therapeutischen Maßnahmen, Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten zur Seite.

Einen Blick in die Werkstatt erlaubte Klaus Vogel der SZ im Mai 1989 (die damals seinen Vornamen verwechselte). Bohrmaschinen aus dem VEB Elektrowerkzeuge Sebnitz repariert sein Sohn auch heute noch.
Einen Blick in die Werkstatt erlaubte Klaus Vogel der SZ im Mai 1989 (die damals seinen Vornamen verwechselte). Bohrmaschinen aus dem VEB Elektrowerkzeuge Sebnitz repariert sein Sohn auch heute noch. © Foto SZ, Repro: Klaus-Dieter Brühl

Wer solange im Geschäft ist, wie Familie Vogel, versteht es, mit Knappheit umzugehen. Am 1. Juni 1971, vor genau 50 Jahren, macht sich der Senior selbstständig. "Zu DDR-Zeiten gab es ja nichts, da musste man Material horten", denkt der Sohn zurück. Damals ging es aber nicht um Föne oder Küchenmixer, sondern um die ganz großen Geräte. "Mein Vater hat Industrie-Elektromotoren repariert - von einem bis 20 Kilowatt", sagt Jens Vogel, der quasi im Unternehmen aufwuchs.

Bedarf gab es seinerzeit in Riesa reichlich: im Stahlwerk etwa, im Zündwarenwerk, in der Seifenfabrik, der Spinnerei. Damit hatte sich Vogel Senior schon in seiner Lehre beschäftigt - bei Hans Gross am Riesaer Elbberg. 1971 machte er seinen eigenen Betrieb am Alten Pausitzer Weg auf - wo er auch ein halbes Jahrhundert später noch seinen Sitz hat.

Bis zur Wende gab es im Stahlwerk und Rohrwerk viel zu tun, teilweise auch noch in den 90ern. "Heute werden solche Maschinen eher ausgetauscht, als repariert", bedauert Jens Vogel. Auf die Reparatur von Bohrmaschinen aus DDR-Produktion hatte man sich schon zuvor spezialisiert. Nach 1989 nahm das Familienunternehmen dann Haushaltsgeräte ins Sortiment auf. Denn da sah der Markt plötzlich ganz anders aus, statt Mangel herrschte Überfluss. Bekannte Marken wie Bosch, Miele, Siemens fanden ihren Weg nach Riesa.

Seniorchef Klaus Vogel vor seinem Geschäft - eine Aufnahme etwa Ende der 90er Jahre. Im Mai 2017 ist der Firmengründer gestorben.
Seniorchef Klaus Vogel vor seinem Geschäft - eine Aufnahme etwa Ende der 90er Jahre. Im Mai 2017 ist der Firmengründer gestorben. © Foto: privat, Repro: Klaus-Dieter Brühl

Und heute, mit Corona, ist schon wieder alles anders - und das Einkaufen für Kunden nur noch mit Termin möglich. "So was war nicht vorauszusehen", sagt der gelernte Elektromaschinenbauer, der in den 80ern in Berlin noch ein E-Technik-Studium drangehängt hatte. Eigentlich hatte der Fünf-Mitarbeiter-Betrieb für das Jubiläum einen Aktionsverkauf geplant, daraus wird so natürlich nichts.

Was damals ebenfalls noch nicht vorauszusehen war: Heute reden nicht nur Waschmaschine und Trockner miteinander, sondern auch Kühlschrank und Smartphone. "Wenn ich gerade am Supermarkt vorbeikomme, kann ich vom Handy aus mit einer im Kühlschrank installierten Kamera schauen, was ich noch einkaufen sollte", sagt der 53-Jährige. Die Waschmaschine schickt eine Nachricht aufs Handy, dass man bald Waschmittel kaufen muss; der Trockner meldet sich selbstständig, wenn der Wasserbehälter ausgeleert werden sollte. Hätte man das in den 70ern in der Konsum-Warteschlange prophezeit, hätte man wohl mehr als skeptische Blicke geerntet.

Fabrikneu, aber Jahrzehnte alt: Jens Vogel zeigt einen sogenannten Anker für eine Bohrmaschine aus den 80er Jahren. Repariert wird grundsätzlich jedes Werkzeug, was einen Stecker hat - wenn es wirtschaftlich ist.
Fabrikneu, aber Jahrzehnte alt: Jens Vogel zeigt einen sogenannten Anker für eine Bohrmaschine aus den 80er Jahren. Repariert wird grundsätzlich jedes Werkzeug, was einen Stecker hat - wenn es wirtschaftlich ist. © Klaus-Dieter Brühl

Aber eines können heutige Haushaltsgeräte von der DDR-Technik lernen: deren Langlebigkeit. Vor allem sehr günstige Elektrogeräte halten oft nur wenige Jahre. Wie soll es auch anders sein, wenn der Ingenieur den Entwicklungsauftrag kriegt, eine Maschine zu konstruieren, die nur 35 Euro kosten darf? Und dann lohnt sich bei Kleingeräten oft eine Reparatur nicht, weil viele Verbindungen nicht mehr geschraubt, sondern nur geklebt werden. "Ich nehme nur ins Sortiment auf, was ich auch guten Gewissens verkaufen kann", sagt der Vater zweier Töchter.

Angesichts steigender Rohstoffpreise - etwa beim Kupfer - hofft Jens Vogel, dass Kunden und Hersteller wieder dazu kommen, auf halt- und reparierbare Technik zu setzen. "Ich gehe davon aus, dass sich auf Dauer Geräte durchsetzen, die man 15 bis 20 Jahre nutzen kann". Heute werde viel zu viel weggeschmissen. Für die in Sebnitz hergestellten Bohrmaschinen hat Vogel übrigens noch heute originale Ersatzteile da. Hin und wieder sei eine Reparatur gefragt - und auch 30 Jahre nach Einstellung der Produktion noch ohne großen Aufwand möglich.

Mehr lokale Nachrichten gibt's hier: aus Riesa | Großenhain | Meißen | Radebeul.

Die Bohrmaschine Smalcalda ist ein Klassiker der DDR-Produktion. Anders, als der Name vermuten lässt, wurde dieses Fabrikat in Sebnitz hergestellt.
Die Bohrmaschine Smalcalda ist ein Klassiker der DDR-Produktion. Anders, als der Name vermuten lässt, wurde dieses Fabrikat in Sebnitz hergestellt. © wikimedia.org/Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0

Mehr zum Thema Riesa