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Was Riesa mit Mali verbindet

Der afrikanische Staat hat einen Putsch hinter sich und ist von Terror gebeutelt. Gleichzeitig gibt es eine besondere Verbindung nach Sachsen.

Von Christoph Scharf
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1967 besucht eine Delegation aus Segou das Riesaer Rathaus – in der Mitte Bürgermeister Rudolf Schröder, außerdem unter anderem Vertreter von Rat des Kreises und der SED-Kreisleitung.
1967 besucht eine Delegation aus Segou das Riesaer Rathaus – in der Mitte Bürgermeister Rudolf Schröder, außerdem unter anderem Vertreter von Rat des Kreises und der SED-Kreisleitung. © Stadtmuseum Riesa/Repro Sebastian Schultz

Riesa/Segou. Das springt ins Auge: An der Riesaer Rathaustür treffen zwei Welten aufeinander. Drei schwarze Herren in offenbar farbenfrohen Umhängen und mit traditioneller afrikanischer Kopfbedeckung – dazwischen hellhäutige Männer mit Anzug und Krawatten, eine Dame in gemustertem Kleid, eine mit einem Strauß Blumen.

"Das war 1967, da war eine Delegation aus Segou in Riesa", sagt Kurt Hähnichen vom Städtepartnerschaftsverein "Riesa und die Welt". 55 Jahre ist das her, im Stadtmuseum fanden sich noch Fotos von dieser ungewöhnlichen Begegnung. Im Mittelpunkt stehen der damalige Riesaer Bürgermeister Rudolf Schröder und offenbar Dramane Coulibaly, sein Amtskollege aus Mali.

Susanne Voigt und Kurt Hähnichen vom Verein "Riesa und die Welt".
Susanne Voigt und Kurt Hähnichen vom Verein "Riesa und die Welt". © Sebastian Schultz

Der Freundschaftsvertrag trägt beider Männer Unterschriften. "Ausgehend von der Gemeinsamkeit der DDR und der Republik Mali in der Politik der friedlichen Koexistenz", hieß es in der Einleitung, sei er abgeschlossen worden. Freundschaftskomitees sollten sich bilden, Dokumente, Fotos, Industrieerzeugnisse für Ausstellungen getauscht werden.

Größere Freundschaftsbesuche dürften allerdings schwierig gewesen sein: Gut 7.000 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten, wenn man mit dem Auto in Gibraltar die Fähre nimmt, dann immer an der Atlantikküste weiter südlich fährt und hinter der Sahara links abbiegt.

Heute viermal so groß wie Riesa

Vor 55 Jahren dürften Riesa und Segou ähnlich groß gewesen sein; heute hat die Stadt mit reichlich 130.000 Einwohnern mehr als viermal so viele wie Riesa. Statt mit einem Einwohnerschwund hat die westafrikanische Stadt am Niger aktuell mit ganz anderen Problemen zu kämpfen – France24 berichtete jetzt, dass in Segou russische Söldner gesichtet wurden und zeigt Fotos von einem Konvoi gepanzerter Fahrzeuge und hellhäutiger Männern in Tarnkleidung ohne Nationalitätenabzeichen. Das westafrikanische Land, früher französische Kolonie, wird von Bürgerkrieg und Terrorismus gebeutelt. Das Auswärtige Amt warnt dringend vor Reisen nach Mali.

Während Riesa mit der Segouer Straße, wo zuletzt ein Wohngebiet entstand, eine sichtbare Erinnerung an die Partnerschaft hat, gibt es eine Route de Riesa in Segou offenbar nicht – zumindest findet man keine bei Google. Und auch die Städtepartnerschaft ist mittlerweile offenbar erloschen, zumindest findet sich Segou nicht auf der Liste der sieben Partnerstädte von Riesa.

"Das ist ohnehin für eine Stadt von Riesas Größe sehr viel", sagt Susanne Voigt, Vorsitzende von "Riesa und die Welt". Denn das Abschließen von Städtepartnerschaften sei einfach – die Herausforderung sei, sie mit Leben zu füllen.

Und da ist der Verein ziemlich aktiv – auch in Coronazeiten. Da war etwa zum 60-jährigen Bestehen der Partnerschaft mit Villerupt Ende 2021 eine französische Delegation in Riesa erwartet worden. Und während man hier dafür aufwendig einen Weltrekordversuch vorbereitete, bei dem das womöglich größte Horn der Welt bespielt wurde, sagte die Franzosen nur wenige Tage zuvor ab. "Das war hart für uns", sagt Susanne Voigt.

Reise auch in die USA?

Geklappt hat es dagegen, beim stählernen Riesen im Kreisverkehr am Krankenhaus nicht nur alle Partnerstädte mit Lichtpunkten auf dem Globus zu verorten, sondern auch noch eine elektronische Ansage mit Hintergrundinformationen zu den Städten zu installieren. "Das geht nur, weil wir hier sehr viele gute Kontakte haben", sagt die Vereinschefin. Ob Sparkasse, Rime, Elektro-Köhler – viele Unternehmen würden sich beteiligen, andere helfen ehrenamtlich mit Sachkenntnis. So übersetzen etwa Lehrer Einladungen oder Urkunden für die Partnerstädte auf Französisch.

Auch die Festschrift anlässlich 900 Jahre Riesa geht auf das Konto des Städtepartnerschaftsvereins. Obwohl man etliche Exemplare an Partnerstädte, Sponsoren und Mitwirkende des Festjahrs verteilt habe, habe sich das Buch sehr gut verkauft. "In der Riesa-Information gibt es nur noch Restexemplare", sagt Kurt Hähnichen.

Hier ist die Delegation aus Segou auf einem Rundgang durch das Rohrkombinat Riesa unterwegs.
Hier ist die Delegation aus Segou auf einem Rundgang durch das Rohrkombinat Riesa unterwegs. © Stadtmuseum Riesa/Repro Sebastian Schultz

Für 2022 hofft man auch bei "Riesa und die Welt", dass wieder mehr Veranstaltungen stattfinden dürfen: zehn Jahre Partnerschaft mit Lonato in Italien stehen an, da plant man gemeinsam etwas mit Feralpi. Seit 20 Jahren gibt es eine Partnerschaft mit Sandy City in Utah/USA. Ob eine Reise möglich wird? "Das beraten wir noch." So oder so: Eine Städtepartnerschaft stehe oder falle mit stabilen Ansprechpartnern. "In Rotherham etwa wechselt der städtische Repräsentant jedes Jahr, das ist schwierig", sagt Susanne Voigt über die englische Partnerstadt.

Gerne jedenfalls wolle man dieses Jahr den ausgefallenen Besuch der Franzosen in Riesa nachholen. Und auch die traditionelle Radtour der Freundschaft mit Beteiligten aus beiden Ländern wolle man wieder hinbekommen.

Und auch der Verein selbst besteht seit 20 Jahren: 2002 war er aus dem China-Center Riesa hervorgegangen, der seine Wurzeln in einer Zusammenarbeit von Studienakademie, FVG Riesa und chinesischen Unternehmen hatte. Wird gefeiert? "Mal schauen, was geht", sagt Susanne Voigt. Der Schwerpunkt liege woanders: "Partnerschaften wollen gepflegt werden." Ein konkretes Vorhaben gibt es bereits: die Riesaer Sommerbühne könnte künftig jedes Jahr im Zeichen einer von Riesas Partnerstädten stehen – den Anfang soll Mannheim machen. Dahin ist es auch nicht ganz so weit wie bis nach Segou.