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Wie schmeckt das Schulessen in Riesa?

Mehr als drei Jahre lang haben Wiebke Helmcke und ihre Kollegen das Mittagessen in den Schulen unter die Lupe genommen. Jetzt zieht sie ein Fazit.

Wie steht's ums Schulessen in Riesa? In einer Studie hat sich die Vernetzungsstelle
Schul- und Kitaverpflegung mehr als drei Jahre lang dieser Frage gewidmet.
Wie steht's ums Schulessen in Riesa? In einer Studie hat sich die Vernetzungsstelle Schul- und Kitaverpflegung mehr als drei Jahre lang dieser Frage gewidmet. © dpa-Zentralbild

Riesa. Das Essen in den Kindereinrichtungen sorgt regelmäßig für Kritik - nicht nur in Riesa. Aber wie steht es eigentlich wirklich um die Verpflegung der Schüler und Kita-Kinder in der Mittagspause? Die Vernetzungsstelle Schul- und Kitaverpflegung Sachsen wollte diese Frage beantworten. Im Gespräch erklärt Projektleiterin Wiebke Helmcke, was herauskam.

Frau Helmcke, dreieinhalb Jahre lang haben Sie sich mit der Riesaer Schulverpflegung beschäftigt. Haben Sie auch selbst probiert?

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Ja, hab ich! Wir waren an vielen Schulen unterwegs. Und bei der Bestandsaufnahme haben wir in einigen Schulen Probe gegessen.

Und wie war Ihr Eindruck?

Wir haben eine schöne Vielfalt erlebt! In glückliche Gesichter schauten wir vor allem bei den Nudelgerichten. Die Kartoffeln waren auch aus Sicht der Schüler manchmal etwas zu hart. Einige vegetarischen Gerichte hingegen sind gut gemacht. Auch sind immer mal wieder kleine Gemüsestücke im Reis oder Kartoffelpüree versteckt - das hat uns gut gefallen.

Wie lief die Untersuchung praktisch?

Dazu gehörten Befragungen von Schülern, aber auch Begehungen vor Ort mit einer Checkliste. Die Stadtverwaltung war beteiligt, es gab Gespräche mit der Schulleitung, Schülerinnen, Ausgabekräften und pädagogischen Fachkräften.

Was waren beispielsweise Kriterien auf der Checkliste?

Zum Beispiel: Ist das Essen warm genug? Wie ist die Atmosphäre in den Speiseräumen? Wie ist es mit der Lautstärke? Sind Desinfektionspläne vorhanden? Wie ist es mit der Wartezeit an der Essensausgabe? Was passiert im Bereich Ernährungsbildung?

Und da haben alle Schulen gern mitgemacht?

Nun - Riesa war ein Modellprojekt, das 2017 neu gestartet ist. Da gab es bei einigen Einrichtungen anfangs schon etwas Skepsis, weil einige gar nicht wussten, was alles zum Thema "Schulverpflegung" gehört, beziehungsweise, welcher Aufwand mit dem Projekt entsteht. Aber wir waren dann bei allen Grundschulen, auch an der freien Trinitatisschule, am Städtischen Gymnasium und am Heisenberggymnasium, an den Oberschulen Am Sportzentrum und Am Merzdorfer Park, an den Förderschulen. Auch einige Kitas haben wir besucht.

Wiebke Helmcke ist Projektkoordinatorin bei der Vernetzungsstelle Schul- und Kitaverpflegung.
Wiebke Helmcke ist Projektkoordinatorin bei der Vernetzungsstelle Schul- und Kitaverpflegung. © Soulpicture

Und was fiel dabei auf?

Die Kitas in Riesa sind schon ziemlich gut aufgestellt! Da gab es nur Feinheiten, die man noch verbessern kann. Wir haben einen Speiseplancheck gemacht, und nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung kam etwa bei einer Kita raus, dass sie schon sehr gut dabei sei - sie sollte lediglich noch eine Fleischportion weniger anbieten und Milchprodukte mit geringerem Fettgehalt. Dann gab es noch Optimierungsvorschläge zum Thema Frühstück und Vesper: Zum Beispiel muss nicht jeden Tag die Marmelade mit auf dem Tisch stehen. Weil viele Kitas ihre eigenen Küchen haben, haben sie größere Möglichkeiten, direkt Einfluss zu nehmen. Die Köche dort sind ebenfalls auf Zack!

Bei den Schulen ist es in Riesa nun aber so, dass die meisten zentral von Gastro Selle beliefert werden. Wie läuft es da?

Im Moment sind wir in einer gewissen Ausnahmesituation: Statt wie gewohnt drei Menülinien, werden derzeit nur zwei angeboten. Da ist es besonders wichtig, die beiden Menüs aufeinander abzustimmen: So dass man an manchen Tagen nicht nur die Wahl zwischen süß und deftig hat, sondern vielleicht zwischen süß und einem ebenso beliebten, aber leichterem Essen, wie etwa einem Nudelgericht. Die Fleischmenge ist noch relativ hoch. Aber da sind wir im Dilemma: Das wird häufig von den Kindern ausgewählt, obwohl wir uns etwas anderes wünschen: Esst viel Obst und Gemüse! Aber die Akzeptanz bei den Schülern ist noch nicht überall da. Schülerbefragungen zeigen uns aber wiederum, dass mit steigendem Alter der Wunsch nach vegetarischen Gerichten steigt.

Wie kann man das ändern?

Gastro Selle experimentiert ab und zu: Obst klein schneiden, als Stückobst oder verarbeitet in Desserts. Der Gemüsefavorit scheint der Möhrensalat zu sein, weil der ein bisschen süß ist. Auch die Schulen könnten im Bereich Ernährungsbildung noch aktiver werden - und die Schulverpflegung als „Ort des Geschehens“ für sich nutzen. So misst man an der Schule an der Goethestraße aktuell, wie viel Lebensmittel am Tag weggeworfen werden. Die Schüler erfahren, wieviel Schulessen durch Tellerreste im Müll landet, hinterfragen die Gründe, reflektieren das eigene Verhalten. Schulleiter Strobel berichtete uns, dass die Schüler mit viel Eifer und Stolz Schülerbefragungen auch selbst ausgewertet haben und dabei nebenbei die Prozentrechnung geübt haben. Der Schlüssel liegt im Prinzip darin, nicht über Gesundes und Ungesundes zu sprechen, sondern Gesundes erlebbar und attraktiv zu machen.

Sie sagten, dass Selle aktuell nur noch zwei statt drei Menülinien anbietet. Sicher wegen Corona, oder?

Ja, da gab es ja zeitweise Schulschließungen. Außerdem bestellten viele Eltern kein Essen, dadurch musste auch die Produktion umgestellt werden. Das haben ganz viele andere Anbieter in der Situation auch gemacht. Die Firma Selle hat sehr gut reagiert: Die Versorgung wurde die ganze Zeit über aufrecht erhalten. Schüler und Eltern konnten das Essen auch abholen oder sich per Assietten liefern lassen. Das war eine Herausforderung, die Selle gut gemeistert hat.

Wer sich unter Eltern umhört, merkt: Der Preis spielt für manche eine nicht zu unterschätzende Rolle. 50 Cent oder ein Euro mehr pro Kind und Tag sind für manchen viel Geld. Sollte Schulessen aus ihrer Sicht grundsätzlich kostenlos sein?

Der Preis des Schulessens ist ein oft diskutiertes Thema. Aus Sicht vieler Eltern wäre es sicherlich eine Erleichterung, wenn alle Schüler ein kostenfreies Schulessen bekommen könnten, wie an den Berliner Grundschulen. Über das Bildungs- und Teilhabepaket werden die Essenskosten zwar übernommen; es kneift aber die Eltern, die knapp über der Einkommensgrenze liegen. Andere wiederum können sich das Schulessen ohne Probleme leisten, wären sogar bereit mehr zu zahlen.

Sind Sie jetzt mit Ihrem Projekt in Riesa fertig?

Nach dreieinhalb Jahren hatten wir jetzt eine kleine Abschlussrunde. Die Vernetzungsstelle wird als beratender Ansprechpartner weiter zur Verfügung stehen, natürlich nicht mehr in der Intensität wie bisher. Das ist auch nicht nötig: Viele Schulleiter und die Stadtverwaltung sind bei dem Thema jetzt fit, und wissen, wo sie ansetzen müssen!

Haben Sie Beispiele für mich?

Ja, einige Schulleiter haben das Thema Verpflegung immer mal wieder in der Schulkonferenz auf der Tagesordnung. Befragungen wurden durchgeführt und zum Teil selbstständig ausgewertet. An der Schule Lichtblick wurden Schallschutzelemente in der Mensa angebracht. Dadurch ist es viel leiser beim Essen geworden. Außerdem werden in Riesaer Schulen sukzessive Trinkbrunnen angebracht, damit die Kinder nicht zwei Liter Wasser mit in die Schule schleppen müssen. Da hat sich die Stadt wunderbar drum gekümmert! Beim Hort "Regenbogen" können Schüler sogar Gurkenscheiben oder frische Minze aus dem horteigenen Garten mit ans Wasser tun. Es gibt an einigen Stellen sicher noch Optimierungsbedarf- grundsätzlich hat sich in Riesa aber eine schöne Zusammenarbeit zwischen Anbietern, Stadt und vielen Schulen entwickelt!

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Dass es sich lohnt, am Ball zu bleiben und in kleinen, aber stetigen Schritten das Thema voranzubringen. Ein gemeinsames Verständnis von Qualität braucht Zeit, auch viel Aufklärungs- und Motivationsarbeit. Wir wissen nun, wieviel Zeit zum Beispiel die Schulleitung aufbringen kann, sich mit dem Thema Schulverpflegung zu beschäftigen. Wie kann eine "Schulessen-AG" funktionieren? Wo liegen die Grenzen? Was sind praktikable Alternativen? Da haben wir viele Praxiserfahrungen gesammelt, die wir jetzt in einer kostenlosen Broschüre „Gemeinsam Qualität in der Kita- und Schulverpflegung entwickeln“ als Handlungsempfehlungen für Träger von Kitas und Schulen veröffentlichen.

  • Informationen zum Thema unter www.toolbox-verpflegung.de und bei der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung in Sachsen: www.vernetzungsstelle-sachsen.de.

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