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Wie sich der Kreis Meißen auf den Blackout vorbereitet

Ohne Strom bleiben Radios aus, Handynetze brechen zusammen. Der Kreis Meißen will wissen, wie man trotzdem noch die Einwohner informieren kann.

Von Christoph Scharf
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Bei einem Stromausfall schließen umgehend auch die Supermärkte - schon wegen der elektronischen Kassensysteme, die dann ausfallen.
Bei einem Stromausfall schließen umgehend auch die Supermärkte - schon wegen der elektronischen Kassensysteme, die dann ausfallen. © Arvid Müller

Landkreis Meißen. Großflächige Stromausfälle? Diese Gefahr schien nach der Wende gebannt zu sein. Stromnetze wurden modernisiert, Kraftwerke auf aktuellen Stand gebracht. Doch zuletzt häuften sich die Vorfälle - nicht nur wie gerade eben beim ersten Herbststurm des Jahres, der in Frankreich 250.000 Haushalten den Strom kappte. In Riesa reichte 2020 ein Defekt in einem einzigen Umspannwerk, um die gesamte Stadt für Stunden lahmzulegen. In Heidenau sorgte eine auf einem Hochspannungsmast gekletterte Frau für eine Sicherheits-Abschaltung, die einen flächendeckenden Blackout verursachte. Und in Dresden genügte ein metallbeschichteter Heliumballon, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, an deren Ende große Teile der Landeshauptstadt ohne Strom waren.

Der gleichzeitige Ausstieg aus Kernenergie und Kohle dürfte das deutsche Stromnetz auch nicht unbedingt sicherer machen. Da kommt ein Forschungsprojekt des Bundesbildungsministeriums zur rechten Zeit, an dem sich der Landkreis Meißen - als einzige Kommune im Osten überhaupt - beteiligt. "Die Frage ist, wie man die Bürger noch informieren kann, wenn die Kommunikationsnetze bei einem längerfristigen Stromausfall nicht mehr funktionieren", sagt Manfred Engelhard. Der Leiter des Dezernats Verwaltung stellte das Projekt "Krisenkommunikation", kurz "Krikom", den Kreisräten beim jüngsten Kreistag im Riesaer Stern vor.

Ein technischer Defekt in diesem Riesaer Umspannwerk hatte vergangenes Jahr die Stromversorgung in der kompletten Stadt lahmgelegt.
Ein technischer Defekt in diesem Riesaer Umspannwerk hatte vergangenes Jahr die Stromversorgung in der kompletten Stadt lahmgelegt. © Sebastian Schultz

Projektpartner sind der Landkreis Meißen und die Hochschule Magdeburg-Stendal. Aber auch das Rote Kreuz, die Elblandkliniken, die Landesdirektion, die Leitstelle Dresden, die Polizeidirektion, die Landesfeuerwehr- und Katastrophenschutzschule, der Landesfeuerwehrverband, die TU Dresden sind dabei. Die Stadt Großenhain und die Gemeinde Thiendorf sollen mitmachen, außerdem die Berliner Firma Kom Re AG - ein Blackout-Spezialist.

Aus dem Kreis Meißen ist zudem die Varo Energy GmbH eingebunden, die in Nossen ein großes Tanklager für Heizöl, Diesel, Benzin und Additiven betreibt. Die Produkte werden per Bahn mit Kesselwagen angeliefert und mit Tank-Lkws verteilt. Aber wie funktioniert das, wenn mal doch der Strom ausfällt? Und wie kann man die Menschen informieren, wo unter solchen Umständen überhaupt noch Benzin erhältlich ist?

Im Tanklager Bodenbach bei Nossen lagert genug Benzin, Diesel und Heizöl für die gesamte Region. Der Betreiber macht jetzt bei einem Krisen-Vorsorge-Projekt des Landkreises mit.
Im Tanklager Bodenbach bei Nossen lagert genug Benzin, Diesel und Heizöl für die gesamte Region. Der Betreiber macht jetzt bei einem Krisen-Vorsorge-Projekt des Landkreises mit. © Lutz Weidler

Zwar gibt es eine ganze Reihe technischer Möglichkeiten für Kommunikation: der Digitalfunk für Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei etwa. Der sollte auch noch funktionieren, wenn das Handynetz unter Überlastung zusammenbricht - oder weil bei einem großflächigen Stromausfall nach und nach die Handymasten ihren Geist aufgeben. Allerdings ist der Digitalfunk nur für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) gedacht - normale Bürger erreicht man damit nicht. Und die können ohne Strom auf Dauer auch keine Notrufe mehr absetzen.

Über E-Mail, Fax und Fernsehen braucht man beim Blackout auch nicht zu reden. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt deshalb, dass Bürger immer ein "batteriebetriebenes Rundfunkgerät und Reservebatterien oder ein Kurbelradio" im Haus haben sollten.

Allerdings dürften per Radio kaum lokale Durchsagen kommen. Wo gibt es im Landkreis Meißen noch Benzin? Wie gelangen die Informationen von den Krisenstäben zur Bevölkerung? "Eine Idee ist beispielsweise, Infotafeln in Rathäusern und bestimmten Einkaufscentern anzubringen", sagt Manfred Engelhard. Digitale ortsfeste Bekanntmachungen seien eine Variante, Info-Apps für Mobiltelefone eine andere - die allerdings noch ein funktionierendes Mobilfunknetz voraussetzt.

Ziel sei es, die unterschiedlichen Akteure zu vernetzen - Verwaltungen, Polizei, Feuerwehr, die Krisenstäbe wichtiger Firmen - und die Bürger. "Der Informationsfluss muss auch ohne Strom gegeben sein. Schon deshalb, um die Verbreitung von Fake News zu vermeiden", sagt der Dezernent.

Die Kommunikation von Feuerwehr und Polizei klappt auch ohne Handynetz - hier der Funkmast am Riesaer Polizeirevier. Aber der Digitalfunk erreicht nicht den normalen Bürger.
Die Kommunikation von Feuerwehr und Polizei klappt auch ohne Handynetz - hier der Funkmast am Riesaer Polizeirevier. Aber der Digitalfunk erreicht nicht den normalen Bürger. © Lutz Weidler

Momentan befinde man sich noch in der ersten Phase des Projekts - der Konzeptphase. Daran sind 14 Kommunen bundesweit beteiligt, vor allem aus Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland - und als einzige Ost-Kommune der Landkreis Meißen. "Da sind wir schon stolz drauf", sagt Engelhard. Hier geht es darum, ein Strategiekonzept zu erarbeiten, das in der zweiten Phase umgesetzt wird.

Das wird aber nicht allen Teilnehmern gelingen - denn dann bleiben von den 14 Kommunen nur noch fünf übrig. Diese dürfen dann in eine Erprobungsphase, die bis vier Jahre dauern wird. "Da gibt es dann reichlich Bundes-Fördermittel", sagt Engelhard. Und was im Kreis Meißen erprobt würde, könnte bundesweit als Modell dienen. "Ich bin schon gespannt."