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Wird diese Wiese zu oft gemäht?

Anwohner fordern mehr Wildwuchs auf einer Grünfläche in Merzdorf. Die Antwort aus dem Rathaus überrascht.

Michael Seifert ist einer der Merzdorfer, die sich über allzu gründliche Mäharbeiten der AGV an der Canitzer Straße ärgern.
Michael Seifert ist einer der Merzdorfer, die sich über allzu gründliche Mäharbeiten der AGV an der Canitzer Straße ärgern. © Sebastian Schultz

Riesa. Beim Anblick der kleinen Wiese zwischen Canitzer Straße und Döllnitz könnte mancher Hobbygärtner neidisch werden: Saftig grün ist das Gras, nirgends ein kahler Fleck zu sehen. Und ordentlich gestutzt auf nur wenige Zentimeter. Mitte Mai war die städtische AGV hier ihrem Auftrag nachgekommen.

Dass es auf der Fläche zwischen dem Parkplatz des Seifenwerks und der Wiesenstraße nun so ordentlich aussieht, gefällt aber längst nicht jedem - und wirft bei einigen Anwohnern Fragen auf. Einer von ihnen ist Michael Seifert. Ein paar Tage nach der Rasenmahd steht er am Rand des Areals. Einen kleinen Streifen in Richtung Straße hat die AGV noch stehen gelassen, fast schulterhoch stehen hier einige Grashalme schon. Er würde sich wünschen, dass die Grünfläche weitgehend sich selbst überlassen bleibt, sagt er.

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Wer wenig mäht, spart nicht zwangsläufig Geld

Mit der Meinung ist Seifert nicht allein. Nicole Martick schreibt per Mail, sie erfreue sich immer am Grillenzirpen, wenn sie entlang der Wiese mit dem Hund Gassi gehe. "Im krassen Gegensatz dazu steht dann die totale Stille nach dem Mähen." Die Merzdorferin Cornelia Schewe erzählt am Telefon, die Wiese werde ohnehin für nichts anderes genutzt. Dann könne man das Biotop dort erhalten. "Wir wollen doch als Stadt umweltbewusst sein. An dieser Stelle ist das leicht umsetzbar, da könnte man das Naturgrün auch mal wachsen lassen." Geredet werde beispielsweise so viel übers Vogelsterben. "Aber Bienen und Käfer brauchen auch mal höhere Gräser. Außerdem ist so eine Wiese auch Versteck, beispielsweise für Hasen und Igel."

Ganz zu schweigen davon, dass die Stadt sicher Kosten sparen könne, wenn sie die Wiese einfach sich selbst überlässt. Einen etwas anderen Vorschlag macht Michael Seifert: "Man könnte auch überlegen, ob man an dieser Stelle eine Blühwiese anlegt. Ich könnte mir das gut vorstellen."

Einfach nicht mehr mähen - eigentlich eine simple Idee. Eine Nachfrage im Rathaus nach der Wiese fördert Überraschendes zutage. Die Wiese gehöre in der Tat der Stadt - werde aber schon jetzt lediglich zweimal im Jahr gemäht, teilt Sprecher Uwe Päsler mit. "Normalerweise im Juni und im September." Dass die AGV diesmal früher dran war, just nachdem die Deutsche Gartenbaugesellschaft den "mähfreien Mai" ausgerufen hatte, begründet die Stadt mit dem feuchten Frühjahr. Das Gras sei stärker gewachsen, der Schnitt deshalb schon eher vollzogen worden - um den Aufwand gering zu halten.

Blick auf die Blühwiese am Riesapark im Juli 2020. So eine Fläche könnten sich auch die Merzdorfer an "ihrer" Wiese vorstellen. Ganz billig ist das aber nicht.
Blick auf die Blühwiese am Riesapark im Juli 2020. So eine Fläche könnten sich auch die Merzdorfer an "ihrer" Wiese vorstellen. Ganz billig ist das aber nicht. © Sebastian Schultz

Theoretisch möglich wäre es, den Mähturnus noch einmal zu reduzieren und das Gras nur einmal im Jahr zu stutzen. Das wäre womöglich aber sogar teurer, argumentiert die Stadt. Denn damit steige der Aufwand für die beauftragte Firma. "Je älter das Gras ist, umso fester ist es, und es lässt sich schwerer schneiden. Das führt zu erheblichem Verschleiß der Technik. Zudem ist ein Mehraufwand für die Beräumung der Wiesen zu leisten. Außerdem ist nicht jede herkömmliche Technik dafür einsetzbar." Die Faktoren summieren sich und würden die Kosten nach oben treiben.

Hälfte aller Riesaer Wiesen wird extensiv gemäht

Im Fall solcher extensiv bewirtschafteten Wiesen nehme man diese höheren Kosten aber in Kauf - im Sinne der Biodiversität, so Uwe Päsler, "aber man muss eben immer konkret entscheiden, wo es sinnvoll ist". Begonnen habe man damit etwa vor fünf Jahren. Das betreffe mittlerweile drei Hektar Land - fast die Hälfte der städtischen Wiesen. Als Beispiele nennt Päsler aufgegebene Kleingärten an der Rostocker Straße und Teilbereiche in Parks, etwa im Merzdorfer Park und in Jahnishausen. Auch die Streuobstwiese an der Apfelplantage und die "Hundewiese" an der Elbe würden nur selten gemäht.

Dass der Grünschnitt dann mitgenommen wird, hat ebenfalls seinen Grund. Sonst bestünde die Gefahr, "dass die Samen der ohnehin schon 'starken' Gräser- und Staudenarten aus dem Mähgut ausfallen und die Artenvielfalt dann noch stärker dominieren". Das sei auch unter Naturschutzexperten so Konsens.

Eine Blühwiese an der genannten Stelle hält man in der Stadtverwaltung ganz prinzipiell für denkbar. Allerdings gebe es eine Reihe von Faktoren, die eine schnelle Umsetzung wohl verhindern werden. Der wichtigste ist das Geld: Um eine Wildblumenwiese anzulegen, wie sie etwa zuletzt am Riesapark entstanden ist, muss der Boden umgeackert und von Unkräutern befreit werden. Auf einer kleinen Fläche am Gebsergäßchen hatte die Stadt das schon einmal versucht. "Hier wurde von der AGV, vorwiegend in Handarbeit, eine Fläche von 160 Quadratmetern bearbeitet und zur Wildblumen- und Kräuterwiese umgestaltet", sagt Uwe Päsler. Die Kosten hätten damals bei 2.300 Euro gelegen. Die Wiese an der Canitzer Straße habe allerdings eine Fläche von etwa 10.000 Quadratmeter. Momentan seien dafür keine Mittel im Haushalt eingeplant.

Gemischte Reaktionen auf die Blumenwiesen

Kurioserweise würde so einem Vorhaben aber womöglich auch der Naturschutz im Wege stehen. Denn das Gebiet gehört zum Landschaftsschutzgebiet "Döllnitzaue". So ein Eingriff müsste also ausdrücklich von der Naturschutzbehörde genehmigt werden. "Langgraswiesen wie diese sind aber genauso wertvoll für die Insekten und Kleinlebewesen und werden auch von den Naturschutzbehörden befürwortet", heißt es aus dem Rathaus.

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Das erwähnte Blühwiesenprojekt am Gebsergäßchen wurde übrigens mittlerweile beendet, teilt die Stadt mit. Es habe viele Stimmen gegeben, denen die Wiese nicht gefiel. "Es blüht ja nur einige Wochen, den Großteil des Jahres ist es eine Kräuterwiese und nicht das, was viele als 'schön' empfinden", sagt Uwe Päsler. Bei der Wohnungsgesellschaft Riesa (WGR) hat man da bessere Erfahrungen gemacht. Allein in diesem Jahr habe man vier neue Wiesen angelegt, sagt Geschäftsführer Roland Ledwa. "Einige Flächen wurden extra mit speziellem Saatgut nachgesät, einige Flächen lassen wir einfach stehen und schauen, was die Natur macht. Die Flächen werden jeweils nur einmal im Jahr gemäht." Das sei je nach Witterung im August oder September der Fall - und komme gut an: "Die Mieter, die sich bei uns melden, befürworten die Vorgehensweise und freuen sich. Kritik gab es bisher noch keine."

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