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"Wir liefern auch Toilettenpapier"

Normalerweise versorgt der Gastroservice Selle von Riesa aus täglich mehrere Tausend Menschen mit Essen. In Corona-Zeiten ist manches anders.

Während das tägliche Schulessen durch Corona stark zurückgegangen ist, wurde das Angebot der Nach-Hause-Lieferung ausgebaut: Fahrerin Kati Wolf fährt für den Gastroservice Selle nun auch Dinge des täglichen Bedarfs aus.
Während das tägliche Schulessen durch Corona stark zurückgegangen ist, wurde das Angebot der Nach-Hause-Lieferung ausgebaut: Fahrerin Kati Wolf fährt für den Gastroservice Selle nun auch Dinge des täglichen Bedarfs aus. © Kristin Richter

Riesa. Herr Selle, wie viele Essensportionen haben Ihre Kollegen denn heute gekocht?

Nur einen Bruchteil der üblichen Menge: So sind es für die Notbetreuung in Schulen und Kitas heute nur 200 Portionen gewesen. Üblich wären sonst 1.600 bis 1.800. Immerhin: Weil ein anderer Caterer vorübergehend die Belieferung eingestellt hat, haben wir derzeit einige Einrichtungen als Kunden dazu bekommen. Wir hoffen, die von unserem Essen überzeugen zu können, so dass es vielleicht ein dauerhafter Auftrag wird. Das hatte beim ersten Lockdown im Frühjahr auch in zwei Fällen geklappt.

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Seit Kurzem ist an den Gymnasien wieder Unterricht. Merkt man das bei Ihnen?

Ja, aber wenig. Bislang ist kein regulärer Unterricht über den ganzen Tag, sondern es gibt eher nur kurzzeitige Konsultationen. Wer um 11 Uhr schon wieder nach Hause geht, braucht in der Schule kein Mittagessen. Den Großteil der Schulversorgung macht nach wie vor die Notbetreuung in Horten, Grundschulen, Kitas aus.

Wie läuft das praktisch, wenn in den Einrichtungen nur ein Bruchteil der Kinder betreut wird?

Wenn nur drei oder vier Kinder kommen, können wir natürlich kein Personal für die Essensausteilung abstellen. Dann kommen die Gerichte in der Assiette. Mittlerweile hat sich das eingespielt. Anfangs gab es in den Kindergärten schon größere Unsicherheiten: Wer darf sein Kind in die Notbetreuung geben? Wer nicht? Das wurde in den Einrichtungen selbst teils unterschiedlich gehandhabt. Wir mussten darauf reagieren.

Wenn die Abnahmemenge sich so deutlich verringert hat, werden Sie wohl auch Kurzarbeit haben, oder?

Ja. Etwa 30 bis 40 Prozent unser rund 100 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Auch bei uns selbst ist Flexibilität gefragt: Wir haben auch Mitarbeiter, die nicht auf Arbeit kommen können, weil sie zuhause Kinder zu betreuen haben, etwa Essensausfahrer oder Kantinenbeschäftigte.

Aber sind Sie denn nicht als Essenslieferant systemrelevant? Da müssten die Kollegen doch den Stempel für die Notbetreuung bekommen ...

Ja. Aber ein Stempel reicht ja nicht - die Frage ist, ob der Partner auch einen von seinem Arbeitgeber bekommt. Da geht es uns wie anderen Arbeitgebern auch.

Hat denn in Zeiten des Lockdowns das Thema Essen auf Rädern zugenommen?

Es ist stabil geblieben. Offenbar nutzt manche Familie das Homeoffice und die Kinderbetreuung zuhause, um gleich auch zusammen zu kochen. Das ist ja auch gut und richtig so. Aber wenn man sich anschaut, was viele Frauen derzeit zuhause leisten müssen, kann eine Essenslieferung auch eine echte Entlastung sein. Wir haben jedenfalls bei Facebook schon ein Dankeschön von einer Mutter bekommen, weil sie sich im Homeoffice durch uns wenigstens nicht um das tägliche Kochen kümmern muss. Übrigens haben wir schon beim ersten Lockdown unser Liefer-Angebot angepasst.

Inwiefern?

Wir liefern längst nicht mehr nur das Mittagessen aus, sondern auch Fleischwaren aus unserer eigenen Fleischerei, Getränke sowieso, neuerdings aber auch Lebensmittel wie Mehl, Zucker oder Bohnen. Wir liefern auch Toilettenpapier, wenn das gewünscht ist. Oder Wundpflaster. Was bestellt wird, ist Dank unserer Lieferanten spätestens am zweiten Tag da. Man muss also nicht zwingend in die Läden laufen, die derzeit ja oft ziemlich voll sind.

Man munkelt, dass mancher den täglichen Einkauf auch als sozialen Treffpunkt betrachtet ...

Das mag menschlich verständlich sein. Aber solche Ansammlungen sind natürlich auch ein gewisses Infektionsrisiko, dem man sich nicht zwingend aussetzen muss. Mein Eindruck ist jedenfalls, dass beim ersten Lockdown die Leute mehr zuhause geblieben sind als jetzt.

Holger Selle (47) ist Geschäftsführer der des Riesaer Unternehmens Gastroservice Selle. Es ist aus der einstigen Stahlwerks-Kantine hervorgegangen.
Holger Selle (47) ist Geschäftsführer der des Riesaer Unternehmens Gastroservice Selle. Es ist aus der einstigen Stahlwerks-Kantine hervorgegangen. © Lutz Weidler

Beliefern Sie denn auch Leute unter Quarantäne - und Corona-Erkrankte?

Ja, beides! Als Caterer haben wir mit dem Thema Hygiene ja schon immer zu tun. Unsere Fahrer waren schon von Beginn an mit Mundschutz unterwegs, als das von vielen noch belächelt wurde. Und Desinfektionsfläschchen hatten wir schon früher in der Erkältungszeit im Einsatz. Kunden mit Corona müssen uns das vorher nur sagen, dann bekommen wir eine kontaktlose Belieferung hin - samt Bezahlung per Einzugsermächtigung.

Ein anderes Standbein von Gastro-Selle ist der Kantinenbetrieb. Damit dürfte es nach der jüngsten Corona-Schutzverordnung des Freistaats auch schwierig sein, oder?

Ja. Seit dem 11. Januar dürfen Kantinen nur noch in Ausnahmefällen offen bleiben, wenn das Essen am Arbeitsplatz gar nicht möglich ist. Die Kantine im Stahlwerk läuft deshalb weiter, weil zwischen Schrottplatz und Schmelzofen nun wirklich keiner Mittag essen kann. Unsere eigene Kantine ist groß genug, um den Dienstleistern bei Feralpi das Mittagessen zu ermöglichen. Aber die Kantinen in der Arbeitsagentur und der Berufsakademie sind jetzt natürlich zu, da können sich die Mitarbeiter von uns Assietten liefern lassen.

Gab es bei Ihnen im Unternehmen selbst eigentlich Personalausfälle durch Corona?

In der Küche hatten wir zum Glück keinen Coronafall. Aber in Quarantäne als Kontaktperson musste schon mal jemand. Da ist man dann als Unternehmer gefordert, schnell mit dem Personal nachzusteuern.

Merkt man die Pandemie bei der Verfügbarkeit von Zutaten?

Nein, es gibt keine Versorgungsengpässe! Man bemerkt allerdings, dass die Touren der Lieferanten umgestellt wurden, weil manche weniger Lebensmittel abnehmen und die Gaststätten weitgehend geschlossen sind.

Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wie denken Sie, dass es weitergeht?

Jammern hilft nicht! Immerhin können wir noch arbeiten, anders als die Friseure, deren Läden seit sechs Wochen zu sind. Wir machen das, was wir können - und freuen uns, Essen liefern zu können. Und ich hoffe, dass Mitte Februar die Schulen wieder aufmachen können. Nicht nur, damit wir wieder mehr Essen liefern können, sondern auch im Interesse der Schüler und Familien selbst. Aber das hängt natürlich von den Infektionszahlen ab.

Wird es dann wieder Essen wie vor Corona geben?

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