merken
PLUS Riesa

Wegen einer Fuhre Kies ausgerastet

Ein Lkw-Fahrer will im Zeithainer Kieswerk einen vermeintlichen Vordrängler bestrafen. Dann fahren zwei Lastwagen zusammen.

Bernhard R. hat sich in Zeithain Kies geholt. Dann eskalierte die Situation - so dass er jetzt in Riesa vor Gericht stand.
Bernhard R. hat sich in Zeithain Kies geholt. Dann eskalierte die Situation - so dass er jetzt in Riesa vor Gericht stand. © Foto: Lutz Weidler

Zeithain/Riesa. Bei harmloseren Delikten greift die Staatanwaltschaft oft zum schriftlichen Strafbefehl. Akzeptiert der Beschuldigte diesen, so ist er auch ohne mündliche Hauptverhandlung rechtskräftig verurteilt. Der Strafbefehl kommt bei vielen Verkehrsdelikten zum Einsatz. Eine Folge kann der Entzug der Fahrerlaubnis sein oder eine Geldstrafe.

Letzteres war bei einem Lkw-Fahrer der Fall, der im November 2020 im Zeithainer Kieswerk einen Unfall verursacht hatte. Aber Bernhard R. wollte die knapp 1.000 Euro nicht zahlen und ging in Widerspruch. Das steht jedem Beschuldigten zu. Für das Gericht hat das oft eine aufwendige Beweisaufnahme zur Folge, obwohl die Sachlage eigentlich klar ist.

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Erschwerend kommt in diesem Fall hinzu, dass der Angeklagte jegliche Aussage verweigert. Auch das ist sein gutes Recht. Mit missmutiger Miene sitzt der 63-Jährige im Verhandlungssaal des Riesaer Amtsgerichts, schweigt und lässt die Prozessbeteiligten zunächst rätseln, worauf er bei der Verhandlung hinauswill.

Kies aus Zeithain - ein begehrtes Gut. Aber muss man deshalb gleich einen anderen Lkw rammen?
Kies aus Zeithain - ein begehrtes Gut. Aber muss man deshalb gleich einen anderen Lkw rammen? © Sebastian Schultz

Bernhard R. hatte sich am 11. November 2020 an der Pforte des Zeithainer Kieswerkes angemeldet, um eine Ladung Material abzuholen. Als er mit seinem Sattelauflieger an der Verladestation ankommt, schneidet ihm ein Doppelkipper, der im innerbetrieblichen Transport unterwegs ist, den Weg unters Silo ab. Das bringt den Kraftfahrer derart in Rage, dass er seinen Lkw unmittelbar vor den vermeintlichen Vordrängler setzt und dann langsam rückwärts auf ihn zu fährt.

Als der Abstand zwischen beiden Transportern nur noch einen Meter beträgt, stoppt Bernhard R., steigt aus und will dem Kipper-Piloten klarmachen, dass er beim Verladen zuerst dran sei. Der aber verweist darauf, dass der Verladevorgang bereits im Gange sei.

Nach dem Wortgefecht steigt R. wieder in die Fahrerkabine und legt den Rückwärtsgang ein. Ob gewollt oder ungewollt fährt er so nahe auf den Kipper auf, dass bei diesem die Motorhaube eingedrückt wird. Der Kipperfahrer, nennen wir ihn Ringo N., ruft sofort die Polizei an, weshalb die Sache zu einer Angelegenheit der Justiz wird.

Da sich der Schaden in Grenzen hält – eine neue Motorhaube kostet mit Einbau etwa 3.000 Euro – will die Staatsanwaltschaft den Fall auf kurzem Wege bereinigen: mit besagtem Strafbefehl. Aber Bernhard R. legt über einen Anwalt Einspruch ein. Da der Angeklagte nicht reden will, fragt Richterin Ingeborg Schäfer den Rechtsbeistand, wie denn seine Verteidigungsstrategie nun eigentlich aussehe.

Nun, sein Mandant habe ihm erzählt, dass nicht er rückwärts, sondern Ringo N. vorwärts gefahren sei. Das allerdings erscheint dem Gericht sehr unwahrscheinlich. Zum einen, weil der Kipper-Pilot mit dem Anlagenfahrer auf der Verladestation über Funk verbunden war. Dieser kann sich im Zeugenstand an den verblüfften Ausruf erinnern: „Jetzt fährt der mir auch noch in die Karre!“ Zum zweiten hatte die Polizei bei der Unfallaufnahme die Ladung des Kippers fotografiert. Wäre dieser während des Beladevorgangs nach vorn gefahren, hätte man das an der Form des Materialhügels erkennen können.

Richterin Schäfer macht der Verteidigung deshalb unmissverständlich klar, dass sie deren Auffahr-Version für absurd hält. Ob der Angeklagte seinen Einspruch gegen den Strafbefehl nicht lieber zurückziehen wolle? Es folgen eine kurze Beratungspause und die erwartbare Rücknahme. „Wozu dann der ganze Aufstand?“, fragt Ingeborg Schäfer in Richtung Anklagebank. Jetzt ist es an der Richterin, missmutig in die Runde zu blicken.

Mehr zum Thema Riesa