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"Weihnachten sind auch Tränen geflossen"

Ein ganzes Jahr ohne Auftritte macht der Artistenfamilie vom Zirkus Aeros zu schaffen. Direktor Bernhard Schmidt macht sich vor allem Sorgen um seine Kinder.

Marlon Schmidt bei der Kameldressur im Winterlager. Trotz Zwangspause muss regelmäßig trainiert werden.
Marlon Schmidt bei der Kameldressur im Winterlager. Trotz Zwangspause muss regelmäßig trainiert werden. © KDB

Röderau. Das Weihnachtsfest hat seine Familie in diesem Jahr ganz anders gefeiert als sonst, sagt Bernhard Schmidt. Ruhig, besinnlich, in den eigenen vier Wänden. Normalerweise bleibt dafür wenig Zeit. Denn die Familie hat auch an Heiligabend noch Auftritte zu bewältigen, beim Weihnachtszirkus in Leipzig. Da geht es nach den Geschenken direkt an den nächsten Auftritt oder dessen Vorbereitung.

Bernhard Schmidt zeigt auf dem Tablet-Computer ein Foto, auf dem der geschmückte Weihnachtsbaum mitten im Zirkuszelt zu sehen ist. Wenn die Schmidts in Leipzig ihre letzten Auftritte der Saison absolvierten, dann waren auch immer Artisten von weit her dabei, oft aus dem Ausland. Schmidt erinnert sich an eine Silvesterfeier, bei der Artisten aus Kolumbien für Stimmung sorgten.

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Im Corona-Jahr war das alles anders. Die Artisten sitzen in ihrer jeweiligen Heimat, die Zirkus-Mannschaft ist auf ihren Kern geschrumpft. "Wir haben Weihnachten noch nie im Wohnwagen gefeiert", erzählt das Oberhaupt der 20-köpfigen Zirkusfamilie. "Da sind auch viele Tränen geflossen." Denn auch wenn das Fest für ihn aus privaten Gründen zu den schönsten bisher gehörte: Über allem schwebt die Angst um den Zirkus Aeros.

Am 6. Januar 2021 ist es ein Jahr her, dass der Zirkus seinen letzten Auftritt hatte. Die Corona-Krise trifft die Familie mit aller Härte. Wegen der Einschränkungen hätte der Zirkus Aeros in diesem Jahr im Sommer nur 32 Zuschauer in sein Zelt lassen dürfen. "Das hätte sich nicht gelohnt", erklärt Bernhard Schmidt. Die Kosten für den Betrieb sind einfach deutlich höher. Der Alltag im Zirkus besteht derzeit vor allem daraus, sich um die Tiere zu kümmern: Füttern, Saubermachen, kleinere Reparaturen; dazu noch Proben, um im Zweifel direkt loslegen zu können. Langweilen sich die Zirkusleute nicht, ohne Auftritte? Bernhard Schmidt schüttelt den Kopf. "Es ist eher ein ungutes Gefühl."

Marvin Schmidt tritt sonst als Clown und Jongleur im Zirkus Aeros auf. "Wir langeweilen uns hier zu Tode", sagt er.
Marvin Schmidt tritt sonst als Clown und Jongleur im Zirkus Aeros auf. "Wir langeweilen uns hier zu Tode", sagt er. © KDB

Bei der jüngeren Generation sieht es da schon etwas anders aus. "Wir langweilen uns hier zu Tode", sagt Marvin Schmidt. Der 25-Jährige unterhält das Publikum sonst als Clown und Jongleur. "Ich habe immer eine gute Show gemacht, habe mir dafür eigene Requisiten gebaut", erzählt er. "Das war halt mein Leben." Jetzt gibt es nicht viel zu tun, die Bühne fehlt ihm.

Zirkusdirektor Bernhard Schmidt nimmt die Situation dagegen aus anderen Gründen mit. Weil die Perspektive fehlt. Regelmäßig bekommt er Anrufe von den Artisten. "Sie wollen wissen, wann es weitergeht, wann sie auftreten können", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Ich kann sie verstehen. Die wollen auch Sicherheit. Aber ich weiß es doch auch nicht." Noch bis weit in den Oktober hinein war er zuversichtlich, zumindest beim Weihnachtszirkus in Leipzig auftreten zu können. "Einen Monat habe ich mit dem Gesundheitsamt das Hygienekonzept abgestimmt", sagt Schmidt. Am Ende war alles für die Katz, weil die erneuten Einschränkungen auch solche Veranstaltungen nicht mehr zuließen. "Das ging ja nicht nur uns so, sondern auch den Gastronomen." Schmidt hofft nun darauf, dass er die Veranstaltungen im Februar oder März nachholen darf. Sicher ist das nicht, gerade erst hatte Ministerpräsident Kretschmer einen längeren Lockdown ins Spiel gebracht.

Es ist ein Jahr, wie es der Zirkus Aeros seit seiner Gründung Ende des 19. Jahrhunderts nicht erlebt hat. "Wir hatten die Lage noch nie. Man kriegt langsam Angstzustände." Bernhard Schmidt betreibt den Zirkus in siebter Generation. "Ich weiß nicht, ob die achte ihn noch weiterführen kann." Um seine Kinder macht er sich Sorgen. Sie sind in das Zirkusleben hineingeboren, haben keinen anderen Beruf gelernt. "Was sollen sie machen – Straßen kehren?", fragt der Zirkusdirektor mit ernstem Blick.

Bernhard Schmidt leitet den Zirkus in der 7. Generation. Er wünscht sich vor allem eine klare Perspektive, wann er wieder auftreten kann.
Bernhard Schmidt leitet den Zirkus in der 7. Generation. Er wünscht sich vor allem eine klare Perspektive, wann er wieder auftreten kann. © KDB

Die Novemberhilfe reicht nicht mal fürs Heu

Um wenigstens ein wenig Geld zu bekommen, hat er staatliche Hilfen beantragt. Auffanghilfen, um TÜV und Versicherung für die Fahrzeuge zahlen zu können; er selbst bekommt 390 Euro Grundsicherung. "Aber für die Tiere gibt es nichts." Auch die Novemberhilfen, mit denen die Schließungen kompensiert wurden, nützen ihm wenig. Im November verdiene der Zirkus normalerweise wenig, weil dann die Weihnachts-Auftritte in Leipzig vorbereitet werden, sagt der Direktor. Er zeigt einen Bescheid: Rund 1.180 Euro wurden ihm zugesagt. Einen Moment später zeigt er eine Rechnung für das Tierfutter im dritten Quartal – über 1.800 Euro. Weitere Unterstützung hat er beantragt. Doch ehe die kommt, wird Zeit vergehen.

Ohne die vielen Sach- und Geldspenden der vergangenen Monate würde es wohl noch schlimmer aussehen. Doch zuletzt sei die Aufmerksamkeit für den Zirkus und damit auch die Spendenbereitschaft gesunken. "Es ist viel, viel weniger geworden." Dabei kommen nun zu Wasser- und Futter- auch noch Heizkosten. Den Zirkusleuten blieb nicht viel übrig, als auch in den umliegenden Städten und Gemeinden von Tür zu Tür zu gehen und um Unterstützung zu bitten. "Wir waren noch nie so mittellos", sagt Bernhard Schmidt. Seine Familie könne im Grunde fast alles gebrauchen: Getränke, Lebensmittel, Diesel und Heizöl, Futter. Am besten geht es wohl noch den gut 30 Tieren. Im Lager stapelt sich das Heu. "Ehe ich die Tiere hungern lasse, verkaufe ich ein Fahrzeug", sagt der Zirkus-Chef.

Für das Jahr 2021 hat Bernhard Schmidt drei Wünsche: "Dass es weitergeht, wie gewohnt; dass alle gesund bleiben – und dass man uns nicht vergisst, wenn es dann weitergehen kann."

Konto- und Kontaktdaten für Spender gibt es auf der Internetseite des Zirkus.

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