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Hausbesuch bei Gunnar Hoffmann

Der 51-Jährige fordert Marco Müller bei der OB-Wahl heraus. Was treibt ihn an?

Gunnar Hoffmann möchte am 4. Juli Riesaer Oberbürgermeister werden. Zum Hausbesuch empfängt er sächsische.de auf seiner Terrasse.
Gunnar Hoffmann möchte am 4. Juli Riesaer Oberbürgermeister werden. Zum Hausbesuch empfängt er sächsische.de auf seiner Terrasse. © Sebastian Schultz

Riesa. Es grünt und blüht im Garten von Gunnar Hoffmann. Mit Baumpflanzungen im Stadtgebiet machte der OB-Kandidat zuletzt bei Facebook öfter von sich reden. Aber was wächst eigentlich bei ihm selbst hinter dem Haus? "Das hier ist eine Blutpflaume", erklärt der Riesaer. "Die blüht sehr schön für die Bienen." Vor drei Jahren hat er den Baum gepflanzt, Früchte trägt er noch nicht. Da gibt es noch eine Kupferfelsenbirne - dieselbe Art, die die Stadt in den Kästen auf der Hauptstraße gepflanzt hat. "Ein sehr schöner Baum für die Vögel, die fressen die Früchte", sagt Hoffmann. Und dann ist da noch ein Zierapfel - der hat leider den Wurm drin. Verletzte Stellen behandelt der 51-Jährige mit Wachs.

Und dann wären da noch gebastelte Insektenhotels, Stein- und Reisighaufen. "Es braucht seine Zeit, einen Garten wirklich naturnah zu gestalten", sagt der Parteilose, der vor sechs Jahren in Sichtweite des Riesaer Krankenhauses gebaut hat. Aber dazwischen, das ist doch Rollrasen? "Ja, die Kinder brauchen Fläche zum Spielen." Und die Thujahecke ringsum als Sichtschutz, die gilt doch nicht gerade als naturnah? "Aber sehen Sie selbst, da brüten die Spatzen drin."

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Hoffmann selbst ist der Liebe wegen nach Riesa gezogen. Seine Frau, angestellte Radiologie-Assistentin, stammt von hier. Und mittlerweile habe Hoffmann, so sagt er, auch Riesa lieben gelernt. "Vor allem wegen der Leute!" Zuletzt hatte er wegen der Arbeit eine Wohnung in Dresden. Mit den Leuten dort sei er nie warmgeworden. "In Riesa kommt man mit der Bäckersfrau schnell ins Gespräch, in Dresden ist das eher eine Massenabfertigung."

Aber tatsächlich habe das Paar eine Weile abgewogen, ob es in Dresden oder Riesa baut: Den Ausschlag für die Patchworkfamilie hätten die Omas in Riesa gegeben - ein unschlagbarer Faktor bei der Kinderbetreuung, wenn beide Partner arbeiten.

"Unser Beispiel zeigt, dass man durchaus in Riesa wohnen und in Dresden oder Leipzig arbeiten kann", sagt der Geschäftsführer einer Dresdner Ladenbaufirma. "Wenn Großeltern vor Ort sind, kann man abends auch mal tanzen gehen."

Zum Feierabend kommt Hofmann abends selten vor halb acht nach Hause. Noch später wird es, wenn er statt des Autos das E-Bike nimmt. 50 Kilometer auf dem Elberadweg hat er schon mal in anderthalb Stunden geschafft. "Danach hatte ich aber drei Tage lang Knieschmerzen." Üblich seien eher zwei Stunden. "So eine Fahrt auf dem Elberadweg ist unglaublich entspannend, da komme ich gut gelaunt in Riesa an."

Den Feierabend nutzt Hoffmann gern zum Werkeln. "Ich repariere alles, was aus Metall ist." Zuletzt habe er etwa das verrostete Tor im Kindergarten seiner Tochter neu geschweißt. Auch Rasenmäher, Kaffeemaschinen, Staubsauger setze er instand. Auf seiner Wahlkampf-Homepage verkündet Hoffmann, "im Herzen immer Schlosser" bleiben zu wollen.

In seinem ersten Beruf hatte der 51-Jährige Lkws für die Deutsche Bahn repariert. "Da standen nachmittags die ganzen Lkw auf dem Hof, die man tagsüber in Ordnung gebracht hatte. Da wusste man, was man gemacht hat."

Und warum nun die OB-Kandidatur? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Weil bei OB Müller die guten Ideen alle in der Schublade verschwinden!" So sei es etwa mit Hoffmanns Vision einer Outlet-City geschehen, für die er Industrie- und Handwerkskammern, Uni, Fachhochschule, BA habe begeistern können. "Wir hätten Start-ups nach Riesa holen können und wären zu einer Modellstadt für ganz Deutschland geworden." Auch für das Muskatorgelände habe er schon gute Ideen gehabt, bevor die Stadt mit einer "über Nacht gestrickten Bewerbung" angetreten sei. "Ein OB muss Ziele setzen."

Geboren wird Hoffmann 1970 in Meerane, die Jugend verbringt er in Glauchau. "Eine ehrliche Arbeiterstadt - ähnlich wie Riesa." Bei der NVA fährt Hoffmann Schützenpanzer - und hat noch heute den Lkw-Führerschein.

Gunnar Hoffmann lebt in einem Riesaer Wohngebiet in Sichtweite des Krankenhauses. Stolz ist er auf sein Piratenschiff, auf dem die Kinder spielen können.
Gunnar Hoffmann lebt in einem Riesaer Wohngebiet in Sichtweite des Krankenhauses. Stolz ist er auf sein Piratenschiff, auf dem die Kinder spielen können. © Sebastian Schultz

Danach geht es zur Bahn. Als das Unternehmen 1992 seine Geschäftsfelder neu ordnet, wartet Hoffmann nicht auf die Kündigung - sondern wechselt die Branche. Als Vertreter für Kopiersysteme macht er Karriere und wird schließlich bei einer Branchengröße Regionalleiter. "Zuständig war ich für den ganzen Osten, bis nach Rostock." Abends und am Wochenende macht er seinen IHK-Handelsfachwirt und -Betriebswirt. Zuletzt, da lebt Hoffmann schon in Riesa, hängt er noch einen Master of Business Administration dran. "Das lässt sich schwer übersetzen, aber man wird damit Experte für Geschäftsführungsprozesse."

Aber wie kommt man denn von der Kopierbranche zum Ladenbau? "Irgendwann kam ich mit meinem Chef nicht mehr klar", erklärt der Vater dreier Kinder. Ein Kunde, bei dem er gerade eine Reklamation bearbeitete, erzählte ihm, als Geschäftsführer keinen Nachfolger zu finden. Auf das Gespräch kam Hoffmann Monate später zurück - und brachte sich selbst ins Spiel.

Bei Lüning Ladenbau in Dresden ist er bis heute angestellter Geschäftsführer. 20 Mitarbeiter gehören dazu, Architekten, Ingenieure, Bauplaner. Das Geschäft laufe europaweit - von Spanien bis Albanien. Und was macht Corona mit der Branche? "Das Geschäft mit den Großkunden, wie Drogerieketten, läuft weiter. Aber das Geschäft mit kleinen Textil- oder Schuhläden ist komplett weggebrochen." Keiner wisse, ob sich das jemals wieder erhole. "Die Politik kümmert sich doch nur um die großen Unternehmen."

Wichtig sei es - ob in Politik oder Unternehmen -, die richtigen Prioritäten zu setzen: "Um bei mir mit der Wasserwaage die Einfahrt zu vermessen, kommt das Bauamt persönlich zu mir. Und jetzt zahle ich 73 Cent, weil von einem halben Quadratmeter das Regenwasser in den öffentlichen Raum abfließt. Da ist doch der Aufwand für den Brief mit der Rechnung höher", nennt er ein Beispiel, wie es aus seiner Sicht nicht laufen sollte.

Entspannen kann Hoffmann beim Bäumepflanzen oder beim Basteln von Holztieren für den Kindergarten. Dabei verlässt seine Tochter bald die Einrichtung: Das Mädchen ist fünf Jahre alt, dazu kommen ein zehnjähriger Junge und Hoffmanns großer Sohn, der schon 26 ist und seinen Vater bereits zum Opa gemacht hat.

Und da gibt es auch noch zwei Patenkinder in Indonesien. Wie das? "Meine Frau und ich wollten helfen, aber nicht einfach irgendeiner Organisation Geld geben", sagt der Riesaer. Bei der Organisation World Vision wisse man, wo das Geld ankomme. "Die beiden Kinder schreiben uns auch mal Briefe", sagt der Riesaer. "Und irgendwann wollen wir die auch mal bei einem Urlaub besuchen."

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Jetzt aber gebe es genug vor der Haustür zu tun: Das Thema Bäume etwa bewegt Gunnar Hoffmann nach wie vor. "Meißen ist der waldärmste Kreis Sachsens. Und in Riesa reichen die Felder bis an den Stadtrand." Es werde einfach zu viel gefällt. Mehr Stadtgrün sei wichtig, um Riesa attraktiver zu machen - nicht nur im eigenen Garten.

Der Text zum Hausbesuch bei OB Marco Müller (CDU) erscheint im Verlauf der Woche.

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