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Mehr Familienleben bei den Ulrichs

Darum hat die Diesbarer Winzerfamilie den Schritt nicht bereut, ihre Gaststätte zu schließen. Essen kann man im neuen Weingut aber trotzdem noch.

Familie Ulrich und ihr Koch Karsten Simon stoßen auf den Neubeginn an.
Familie Ulrich und ihr Koch Karsten Simon stoßen auf den Neubeginn an. © Klaus-Dieter Brühl

Diesbar-Seußlitz. Die vier Ulrichs sehen alle entspannt aus: Vater Jan, Mutter Carola, Sohn Richard und Tochter Anne. Das letzte Jahr hat für viele Menschen Einschränkungen gebracht. Für die Winzerfamilie aus Diesbar-Seußlitz war der Lockdown dagegen eher ein Glücksfall.

Im Frühjahr 2020 kündigte sie an, die Gaststätte in "Ulrichs Weindomizil" zum Jahresende schließen zu wollen. Der Hauptgrund war die angeschlagene Gesundheit von Mutter Carola. Mit nur 49 Jahren hatte sie einen Schlaganfall. Das ließ sie ins Grübeln kommen: Wofür der ganze Stress? Zudem hatten Ulrichs wie viele andere Wirte der Region seit Jahren große Sorgen, gute Köche und Kellner zu finden. Das Aus für das Restaurant war die Konsequenz, das die Familie gemeinsam entschied.

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"Es klingt vielleicht für viele seltsam, aber für uns kam Corona zur richtigen Zeit", sagt Carola Ulrich. Denn wegen der Pandemie kamen weniger Gäste, was das Personalproblem minderte. So lief die Gastronomie im Weindomizil langsam und ohne Nebengeräusche aus, auch wenn es viele Stammgäste von Riesa bis Dresden gab, die diesen Schritt bedauerten.

"Das schönste Jahr seit Langem"

Auch Tochter Anne steht nach wie vor hinter dieser Entscheidung. "Das letzte Jahr war eines der schönsten Jahre für unsere Familie", sagt die 20-Jährige. Endlich konnten die Ulrichs mal Weihnachten, Silvester und Ostern gemeinsam verbringen. Das gab es schon lange nicht. Denn Feiertage sind für Wirte Arbeitstage bis spät in die Nacht hinein.

Jan Ulrich, der anfangs von der Schließung des Restaurants nicht begeistert schien, ist es jetzt umso mehr. "Ich kann auch endlich mal wieder in den Weinberg", sagt der viel prämierte Winzer. Die letzten Jahre habe er meist beim Keltern und im Büro zugebracht. Wieder an der frischen Luft zu sein und den Trauben beim Reifen zuzusehen, hatte er schon vermisst.

"Auch für unsere Pensionsgäste ist es entspannter", sagt Jan Ulrich. "Sie können jetzt sitzen bleiben." Als es noch das Restaurant gab, wurde das Frühstücksbüfett gegen 10 Uhr weggeräumt, um Platz für die Mittagsgäste zu machen. Vor allem an den Wochenenden gab es viele Bestellungen und Tischreservierungen. Das ist nun Vergangenheit. Wer kommt, kann sich hinsetzen, wohin er will.

Neuer Koch und entspannte Atmosphäre

Denn Essen gibt es immer noch im neuen Weingut Ulrich. Allerdings mit einer deutlich reduzierten Speisekarte. Jeden Tag stehen nur zwei Gerichte darauf. "Ganz nach der Laune unseres neuen Kochs", sagt Carola Ulrich lächelnd. Sie konnte dafür Karsten Simon gewinnen.

Der Coswiger, der wie das Winzerpaar Jahrgang 1970 ist, führte bis letztes Jahr das spanische Restaurant "Simons Taverne". Es hatte in Coswig und Umgebung einen sehr guten Ruf. Aber auch Karsten Simon hatte zuletzt mit allerlei Sorgen zu kämpfen, was auch auf die Gesundheit ging. Deshalb sei er froh gewesen, als er das Angebot aus Diesbar-Seußlitz erhielt. Hier kann er einfach nur das tun, was er so liebt: kochen.

Er kümmert sich um die Käse- und Wurstplatten, die zu Wein, Saft, Wasser und - wenn gewünscht - auch Bier gereicht werden. Für das überschaubare Tagesangebot von zwei Speisen kann er viel kreativer sein, als es ihm vorher möglich war. "Ich mag diese entspannte Atmosphäre und hoffe, unsere Gäste spüren sie auch", sagt der 51-Jährige.

Dabei verwendet er nur Zutaten aus der Region. Fleisch und Wurst stammen von den Schafen und Galloway-Rindern, die die Ulrichs auf den Elbwiesen bzw. im Brummochsenloch weiden lassen. Die Kühe werden von Sohn Richard betreut. Der 25-Jährige ist Landwirt und hat jedem Tier der kleinen Galloway-Herde einen Namen gegeben. Sie besteht zurzeit aus Helene, Frau Fischer, Christine, Sabine und dem jungen Stier Elvis. "Bis vor Kurzem gab es noch Bud und Spencer", sagt Richard Ulrich. Aber die werden jetzt als Knacker auf Tellern serviert.

Dass man im neuen Weingut Jan Ulrich weiterhin einkehren kann, spricht sich nach und nach herum. Zwar muss man sich die Getränke und die kleineren Snacks selbst am Tresen abholen. Dafür ist auf der Terrasse mit Blick auf die Elbe deutlich weniger Hektik. "Das Feedback nach dem Lockdown ist nicht schlecht", sagt der Winzer, der sich nun wieder mehr um seinen Wein kümmern kann.

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