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Messerstecherei mit tragischen Folgen

Ein Syrer verliert beim Streit mit einem Landsmann ein Auge – der Täter wird wegen Notwehr freigesprochen.

Vor dem Riesenhügel in Riesa eskalierte im November 2018 ein Streit derart, dass am Ende ein Beteiligter auf einem Auge erblindete.
Vor dem Riesenhügel in Riesa eskalierte im November 2018 ein Streit derart, dass am Ende ein Beteiligter auf einem Auge erblindete. © Sebastian Schultz

Riesa. Es kommt im Riesaer Amtsgericht nicht oft vor, dass zur Urteilsverkündung die Justizwachtmeister hereingerufen werden, um durch ihre Präsenz allzu harsche Reaktionen auf die richterliche Entscheidung zu verhindern. „Ich hatte den Eindruck, dass der Geschädigte wegen des Verhandlungsverlaufs stinksauer war“, erklärt Richter Herbert Zapf. Kein Wunder – der junge Syrer büßte bei dem verhandelten Delikt schließlich die Sehfähigkeit auf dem linken Auge ein. 

Dann aber kam selbst die Staatsanwältin zu der Überzeugung, hier liege eine Notwehrhandlung vor. Der Vater des 21-Jährigen hatte sich zuvor schon mit dem Appell ans Gericht gewandt, den Täter zu bestrafen. Seine Schuld stehe doch zweifelsfrei fest. Dann musste er jedoch mit anhören, dass die Sachlage ganz anders war. Am Ende bewahrten Vater und Sohn aber die Fassung; der befürchtete Tumult blieb aus.

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Gerüchte um Tod des Geschädigten

Was war an diesem Novemberabend des Jahres 2018 auf dem Vorplatz des Riesaer „Riesenhügels“ passiert? Der 20 Jahre alte Angeklagte, nennen wir ihn Adil, saß mit einem Freund und einigen Mädchen auf einer Bank in der Nähe der Elbquellen-Skulptur. Der spätere Geschädigte Omar (Name geändert), kam mit zwei Freunden an der Gruppe vorbei. Adil und Omar waren einander schon in der Vergangenheit nicht grün gewesen. Letzterer fühlte sich von seinem Kontrahenten gehänselt und beleidigt, und auch am Riesenhügel flogen wieder Beschimpfungen hin und her. Schließlich gerieten beide Gruppen aneinander. Es wurde erst gerangelt, dann geschlagen, und schließlich kam es zu dem Messerstich in Omars Auge. In den sozialen Netzwerken kursierten nach dem Vorfall zeitweise sogar Gerüchte, wonach der Geschädigte gestorben sei.

Wie genau es zu der folgenschweren Verletzung kam, darüber gingen die Schilderungen vor Gericht natürlich weit auseinander.  Er habe das Messer aus Angst hervorgeholt, sagt Adil. Zum einen, weil Omar auf ihn losgegangen sei. Zum anderen, weil Omars deutscher Freund auf Adils Kumpel einprügelte. Er habe seinen Kontrahenten mehrfach aufgefordert zu gehen und ihn in Ruhe zu lassen. Der aber ließ nicht locker, und beim Herumfuchteln mit dem Messer sei dieses schließlich im Auge gelandet. Bei der Stichwaffe handelt es sich übrigens um ein Schweizer Taschenmesser mit einer etwa sieben Zentimeter langen ausklappbaren Klinge.

War es Notwehr oder nicht?

Die andere Version lautet so: Ja, gibt der deutsche Freund Paul (Name geändert) zu, er selbst habe mit der körperlichen Auseinandersetzung angefangen. Daraufhin zog der Angeklagte sein Messer. Das wurde ihm von Paul, so dessen Schilderung, aus der Hand gewunden und fiel zu Boden. Als die Angreifer schon wieder gehen wollten, habe Adil das Messer aufgehoben, sei hinter Omar hergelaufen und habe ihn ins Auge gestochen. Danach sei die ganze Gruppe getürmt.

Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass Zeugenaussagen nach körperlichen Auseinandersetzungen einer Gruppendynamik unterliegen. Schuld sind immer die anderen, und das Gericht muss sich mühsam zur Wahrheit durcharbeiten. In diesem Falle aber gibt es einen nahezu neutralen Zeugen. Der dunkelhäutige junge Mann gehörte zwar zu Omars Gruppe, hatte sich aber nicht an der Auseinandersetzung beteiligt, sondern zu schlichten versucht. Und er bestätigt, dass die Gewalt vom Geschädigten ausging, und dass Adil eher aus Angst mit dem Messer herumfuchtelte denn aus Verletzungsabsicht. Und dass der Messerstecher das Opfer zuvor tatsächlich aufgefordert hatte, ihm nicht zu nahe zu kommen.

Ein klarer Fall von Notwehr, findet nicht nur der Anwalt des Angeklagten, sondern auch die Staatsanwaltschaft und schließlich das Schöffengericht. Er habe außerdem etlichen Zeugen Pauls Version nacherzählt, erklärt Richter Herbert Zapf. Und dabei beobachtet, wie erstaunt sie darauf reagierten. Das habe ihn überzeugt, dass die Geschichte nicht stimmt und der Angeklagte wohl recht hat. 

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