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Übung macht den Sprengmeister

Lange war es ruhig auf dem Sprengplatz bei Jacobsthal. Seit Dezember knallt es wieder. Um große Bomben geht es dort weniger.

Diese Staubwolke auf dem Sprengplatz in Jacobsthal ist aus sicherer Entfernung zu sehen.
Diese Staubwolke auf dem Sprengplatz in Jacobsthal ist aus sicherer Entfernung zu sehen. © Klaus Dieter Bruehl

Jacobsthal. Der Wolf trägt wohl Ohrenstöpsel. Oder er hat sich daran gewöhnt, dass es hier, am westlichen Rand der Gohrischheide, ab und zu laut knallt. "Der Wolf ist schon bis an den Sprengplatz herangekommen und hat sein Revier markiert", erzählt Holger Klemig. Der Leiter der Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung (KMZE) Zeithain hat mehrfach entsprechende Spuren und Duftmarken von Isegrim entdeckt.

Möglicherweise ist das hiesige Rudel in diesem Teil der Gohrischheide sogar zu Hause. Das wäre erstaunlich. Denn andere Bereiche des Waldes sind wesentlich abgeschiedener und vor allem ruhiger.

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Seit Dezember wird die Idylle am Waldrand zwischen Jacobsthal und Fichtenberg regelmäßig gestört. Auf dem Sprengplatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes der sächsischen Polizei wurde nach langer Zeit fast täglich Munition gesprengt.

Zum Üben reicht diese Kiste mit alten Gewehrgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Es sind etwa 20 Kilogramm Munition.
Zum Üben reicht diese Kiste mit alten Gewehrgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Es sind etwa 20 Kilogramm Munition. © Klaus Dieter Bruehl

Das hatte zu Unmutsäußerungen aus der Bevölkerung geführt. Nicht nur aus dem nahen Jacobsthal hat es Kritik gegeben, sondern auch aus Dörfern jenseits der Gohrischheide. So rief zum Beispiel vor ein paar Wochen eine Familie aus Nieska in der Riesaer SZ-Lokalredaktion an und berichtete, dass die Druckwellen der Explosionen so stark seien, dass die Gläser im Schrank klirren.

Das hält Holger Klemig durchaus für möglich. "Es gibt Tage, da hört man den Knall bis kurz vor Meißen", so der Sprengmeister. Das könne bei sogenannten Inversionswetterlagen auftreten, wenn warme Luftmassen über kalten Luftmassen liegen und der Schall wie ein Pingpong-Ball weit fortgetragen wird. Auch die Windrichtung sei entscheidend, wo der Knall gehört wird. Manchmal weht der Wind für die einen Dörfer günstig, für die anderen nicht.

Mittlerweile wurden die Sprengungen reduziert, bestätigt Klemig. Nur noch dienstags und donnerstags wird geknallt. Meistens dreimal hintereinander im Abstand von einer Minute. Das sei auch dringend notwendig, so der Sprengmeister. "Wir hatten drei trockene Jahre, in denen wir überhaupt nichts machen konnten", sagt er. Mit der Trockenheit steigt auch die Waldbrandgefahr. Dann ist Sprengen tabu.

Sprengmeister Holger Klemig steht vorm Zündbunker auf dem Sprengplatz-Gelände.
Sprengmeister Holger Klemig steht vorm Zündbunker auf dem Sprengplatz-Gelände. © Klaus Dieter Bruehl

Der Sprengplatz bei Jacobsthal existiert bereits seit Mai 1953. "Hier ist unsere letzte Chance, wo wir Munition loswerden können", so Klemig. Allerdings kommt das hier eher selten vor. Das Entschärfen und Zerstören der meist aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Munition ist nicht dessen Hauptaufgabe. Das geschieht meistens in der Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung in Zeithain. Der Sprengplatz ist vor allem für die Ausbildung gedacht.

"Irgendwo müssen ja unsere Leute üben", sagt Klemig. Das betreffe nicht nur die Auszubildenden, sondern auch die erfahrenen Sprengmeister. "Denn wenn irgendwo Munition gefunden wird und noch vor Ort gesprengt werden muss, dann muss jeder Handgriff sitzen", sagt er.

"Und das ist noch nicht mal eine Seltenheit", ergänzt Andreas Weiner, Pressesprecher des Polizeiverwaltungsamtes Dresden, dem der Kampfmittelbeseitigungsdienst in Zeithain unterstellt ist. Im vergangenen Jahr gab es 42 Einsätze, bei denen ein Transport in die KMZE Zeithain zu unsicher gewesen wäre und die Munition am Fundort gesprengt werden musste. Entschärfungen, meist von größeren Fliegerbomben, sind da eher die Ausnahme. Letztes Jahr mussten die Zeithainer Spezialisten dazu drei Mal gerufen werden. Das sorgt zwar jedes Mal für große Schlagzeilen, doch das Sprengen kleinerer Granaten kommt häufiger vor.

In solche zwei Meter tiefen Krater wird die Munition gelegt und mit Sand überschüttet, bevor sie gesprengt wird. Drei solcher Löcher werden für Übungszwecke befüllt. Deshalb sind auch drei Explosionen zu hören.
In solche zwei Meter tiefen Krater wird die Munition gelegt und mit Sand überschüttet, bevor sie gesprengt wird. Drei solcher Löcher werden für Übungszwecke befüllt. Deshalb sind auch drei Explosionen zu hören. © Klaus Dieter Bruehl

Dass an den Übungstagen momentan vormittags und nachmittags gesprengt wird, liegt an Corona. Damit nicht zu viele Mitarbeiter gleichzeitig üben, werden sie in Gruppen aufgeteilt. "Es wäre schlecht", sagt Klemig, "wenn alle in Quarantäne sind und irgendwo in Sachsen Munition gefunden wird." Im vergangenen Jahr verbuchte der Kampfmittelbeseitigungsdienst 386 Einzelfunde. Also durchschnittlich einen pro Tag.

Bis Ende April sind die Sprengtage angemeldet. Polizei, Rettungsleitstelle, Förster, die Gemeinde Zeithain und der Ortschaftsrat Jacobsthal wissen Bescheid. "Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht und es zu zeitig zu trocken wird", sagt der KMZE-Leiter. Denn Übung macht den Sprengmeister.

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