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"Eine generelle Maskenpflicht sehe ich kritisch"

Riesas OB Marco Müller (CDU) ist nach zwei Wochen Quarantäne zurück im Rathaus. Die SZ hat ihn zu Corona und den Regeln befragt.

Marco Müller (CDU) ist Oberbürgermeister von Riesa und am Freitag nach zweiwöchiger Quarantäne zum ersten Mal ins Rathaus zurückgekehrt.
Marco Müller (CDU) ist Oberbürgermeister von Riesa und am Freitag nach zweiwöchiger Quarantäne zum ersten Mal ins Rathaus zurückgekehrt. © Sebastian Schultz

Herr Müller, Sie sind den ersten Tag nach der Quarantäne wieder im Rathaus. Wie geht es Ihnen?
Danke der Nachfrage – nach wie vor geht es mir gut. Meine Frau, unser Sohn und auch ich waren ja von Anfang an symptomfrei.

Haben Sie die Quarantäne gut überstanden? 

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Ich bin sehr froh, dass die Quarantäne zu Ende ist, wir uns wieder frei bewegen und unserer Arbeit normal nachgehen können. Sogar unser Sohn freut sich, dass er endlich wieder in die Schule darf! Meine Quarantäne war bis einschließlich 12. November angeordnet, meine Frau durfte aber bereits am Dienstag wieder ihrer Arbeit nachgehen. Sicherheitshalber hat sie nochmals einen Schnelltest gemacht, um als Kinderärztin kein Risiko einzugehen – der war erfreulicherweise negativ.

Blieb Ihnen Gelegenheit, den Garten in Ordnung zu bringen?

Tatsächlich haben wir unseren Garten winterfest gemacht– das habe ich aber in erster Linie dem Einsatz meiner Frau zu verdanken. Mir blieb dazu leider wenig Zeit. Natürlich habe ich auch mal eine Pause eingelegt – die haben wir dann aber genutzt, um mit unserem Sohn eine Runde Kniffel zu spielen bzw. ihm bei den Hausaufgaben zu helfen.

Haben Sie unterdessen die Qualität der Riesaer Lieferdienste getestet?

Unsere Versorgung war jederzeit gesichert – wir wurden von Familie, Freunden und Nachbarn immer mit Lebensmitteln ausgestattet - und auch mal mit dem einen oder anderen Besonderen überrascht. Und auch den Lieferservice verschiedener Riesaer Gastronomen haben wir gerne in Anspruch genommen. Das war eine der schönen Erfahrungen in dieser Zeit - dass man Hilfe bekommt und sich auf andere verlassen kann, wenn es drauf ankommt.

Was fiel beim Zwangsaufenthalt zuhause bei der Arbeit schwer, was war vielleicht sogar leichter als im Rathaus?

Trotz der Quarantäne hatte ich eine sehr enge Verbindung zum Rathaus – ich habe Telefontermine durchgeführt, Videokonferenzen abgehalten und jeden Tag Post und Akten bearbeitet. Ich war also an allen Vorgängen nah dran und habe die notwendigen Entscheidungen getroffen.

Gefehlt hat mir tatsächlich der persönliche Kontakt zu den Mitarbeitern – ich würde mich als Teamplayer bezeichnen. Und wenn man sich beim Gespräch in die Augen schauen kann, ist es doch eine andere, persönlichere Atmosphäre. Als Fazit bleibt für mich: aus dem Homeoffice kann man gut arbeiten, meine erste Wahl ist es aber nicht. Persönliche Gespräche führen, mit den Bürgern nicht nur über die sozialen Medien oder Telefon zu kommunizieren und den Fortschritt unserer wichtigen Projekte persönlich in Augenschein nehmen und Probleme vor Ort klären zu können, das ist mir eindeutig lieber.

Wie fängt der erste Tag im Rathaus an: Sind alle Kollegen da - oder gibt es neue Ausfälle durch Corona oder Quarantäne?

Der erste Tag im Rathaus wird von vielen persönlichen Gesprächen mit den Führungskräften und Mitarbeitern geprägt sein. Das Rathaus selbst ist glücklicherweise von einem „großen Einschlag“ verschont geblieben – aktuell haben wir nach meinem Kenntnisstand zwei positive Coronafälle und vier Mitarbeiter als Kontaktpersonen in Quarantäne.

Bei manchem Riesaer ist der Eindruck entstanden, Sie hätten sich zuletzt mit öffentlichen Wortmeldungen zum Thema Corona zurückgehalten. Täuscht der Eindruck? 

Ich habe mich während der Zeit meiner Quarantäne in der Tat öffentlich etwas zurückgehalten - ich wollte aus dem Homeoffice keine Ratschläge erteilen. Fakt ist, dass wir eine hochdynamische Entwicklung der Fallzahlen registrieren müssen. Nicht alle haben das Glück, symptomfrei zu bleiben. Ich kenne eine Vielzahl von erkrankten Menschen – auch mit schwerer und sehr schwerer Symptomatik und lebensbedrohlichen Zuständen. Meine Eltern selbst waren auch erkrankt – ihnen ging es zwei Wochen lang nicht gut.

Wie bewerten Sie die aktuellen Vorschriften im Umgang mit dem Virus?

Auch wenn man vorbehaltlos und ehrlich die Sinnhaftigkeit, Geeignetheit und Angemessenheit einiger Corona-Schutzregelungen hinterfragen muss, kann ich mit Verschwörungstheorien nichts anfangen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es den handelnden Personen darum geht, Leben und Gesundheit der Menschen zu schützen und größeren Schaden von uns allen abzuwenden. Natürlich mache ich mir auch Gedanken darüber, wie hart die Regelungen die Gaststätten, Hotels, Fitnessstudios, Reisebüros und Einzelhändler treffen. Ich kann viele Fragen absolut nachvollziehen. 

Welche meinen Sie damit?

Auch mir erschließt sich nicht, warum z. B. unsere Gastronomen, die viel Überlegungen und Geld in Hygienemaßnahmen investiert haben, schließen müssen. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass die Ansteckungsgefahr bei einem schönen Abendessen in Familie höher sein soll als beim Shopping in der Dresdner Altmarktgalerie. Ebenso ist die generelle Maskenpflicht auf Teilen der Riesaer Hauptstraße kritisch zu betrachten - und nicht mit dem Andrang in einer Berliner Fußgängerzone zu vergleichen.

Man muss jedoch berücksichtigen, dass diese ernste Situation für uns alle neu ist, tagaktuelle Abwägungen und schwierige Entscheidungen erfordert - die dann nicht auf den konkreten Fall passen. Die Herausforderung ist aber groß: auf der einen Seite muss man vermeiden, eine Vielzahl unübersichtlicher Regelungen zu erlassen, auf der anderen Seite aber dem Anspruch gerecht werden, möglichst zielgenau Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen. Deshalb ist meine Ortspolizeibehörde auch angehalten, mit gesundem Menschenverstand und Augenmaß gegenüber unseren Bürgern zu agieren.

Ein Blick in die Medien zeigt: Der Ton wird rauer. So hatte die SPD-Chefin Saskia Esken Demonstranten als "Covidioten" bezeichnet und dafür Hunderte Strafanzeigen kassiert. Wie sehen Sie das?

Bedauerlich finde ich, dass wir uns in unserer Gesellschaft zunehmend schwertun, eine kontroverse Debatte zuzulassen und sachlich zu führen. Das teilweise unterirdische Niveau der Streitkultur vor allem in den sozialen Medien hat sicher jeder schon miterlebt. Wir brauchen aber sachliche Argumentation und konstruktive Debatten statt polemischen Geschreis und Hass-Attacken. Coronakritikern sollte man zuhören und inhaltlich begegnen, anstatt sie pauschal als Covidioten zu bezeichnen.

Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam gut durch diese schwierige Zeit kommen und zusammenstehen. Bleiben Sie vorsichtig und gesund!

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