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"Wir müssen ein neues Image aufbauen"

Gunnar Hoffmann will Oberbürgermeister werden. Im Interview erklärt er, was er anders machen will als Marco Müller.

Gunnar Hoffmann im Schlosspark Jahnishausen. Der 51-Jährige tritt als parteiloser Kandidat an und möchte neuer Oberbürgermeister in Riesa werden.
Gunnar Hoffmann im Schlosspark Jahnishausen. Der 51-Jährige tritt als parteiloser Kandidat an und möchte neuer Oberbürgermeister in Riesa werden. © Sebastian Schultz

Herr Hoffmann, Sie haben als Treffpunkt für unser Gespräch den Schlosspark in Jahnishausen vorgeschlagen. Warum?

Wir reden sehr viel über Innenstadt, was wichtig und gut ist. Aber wir haben auch sehr viele Ortsteile, die nicht nur sehr schön sind, sondern in denen es auch viele Menschen und Vereine gibt, die sich für deren Erhalt engagieren.

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Was würden Sie hier denn anders machen?

Ich bin der Meinung, dass man sich als Stadt hier mehr engagieren könnte. Es ist jetzt nicht so, dass ich alle Lösungen direkt habe, vor Ideen strotze und sage: Das ist es jetzt! Es geht auch nicht immer um Geld. Es wäre wichtig, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, und dann Ideen zu entwickeln und etwas Machbares umsetzen.

Ich hätte gedacht, dass Sie den Park ausgewählt haben, weil hier so viel Grün wächst ...

Ich freue mich natürlich, dass es das hier gibt. (lacht)

..., denn das Thema liegt Ihnen offenbar ja sehr am Herzen?

Riesa ist eine Stadt mit sehr, sehr wenig Grün, auch wenn die Verwaltung das anders darstellt. Wir haben nicht den typischen Grüngürtel, den andere Städte haben. Es stimmt mich nachdenklich, wenn alte Bäume für eine Kiss-and-Ride-Zone weichen müssen.

Man könnte Ihnen jetzt entgegenhalten, dass wir einen schönen Stadtpark haben.

Den haben wir, ohne Zweifel. Verglichen mit anderen Städten ist das aber trotzdem zu wenig. Es wohnen auch nicht alle Menschen in Laufnähe zum Stadtpark. Sobald man ins Auto steigen muss, um ins Grüne zu kommen, ist irgendwas verkehrt. Abgesehen davon, könnte unser Stadtpark trotzdem noch attraktiver sein.

Sie wollen als Oberbürgermeister 10.000 Bäume in zehn Jahren pflanzen lassen.

Das klingt viel - ist es aber nicht. Wir haben die Flächen 2020 kategorisiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass noch mehr geht - man muss es nur wollen.

Ein weiteres Ziel aus Ihrem Wahlprogramm: Riesa soll wachsen - auf 40.000 Einwohner im Jahr 2040. Wie wollen Sie das denn schaffen?

Da gibt es sicher großes Schmunzeln. Die Bevölkerungsprognose sagt ja derzeit, dass wir 2030 nur noch 24.000 Einwohner haben. Aber nur, wenn alle Rahmenbedingungen gleich bleiben. Eben diese müssen wir ändern. Dazu gehört es, die Stadt familienfreundlicher zu machen. Junge Riesaer zwischen 18 und 30 gehen in die Großstädte, aber die jungen Familien ziehen ins Umland, nach Röderau, Hirschstein und so weiter. Die verlieren wir, weil wir Dinge nicht richtig machen.

Zum Wahlkampfauftakt pflanzte Gunnar Hoffmann gemeinsam mit dem amtierenden Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) einen Baum. Aufforsten will Hoffmann auch, wenn er gewählt werden sollte. Sein Ziel: 10.000 neue Bäume.
Zum Wahlkampfauftakt pflanzte Gunnar Hoffmann gemeinsam mit dem amtierenden Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) einen Baum. Aufforsten will Hoffmann auch, wenn er gewählt werden sollte. Sein Ziel: 10.000 neue Bäume. © Sebastian Schultz

Aber welche?

Wir haben zu wenig Bauland, wir haben zu wenig hochwertigen, großen Wohnraum. Es will halt nicht jeder nach Weida ziehen. Wir tun zu wenig in Richtung Stadtentwicklung für junge Familien. Dazu gehört auch Barrierefreiheit. Die ist für alle gut, selbst für das Kind mit dem Roller. Auch Grün in der Innenstadt und ein Spielplatz im Stadtpark gehören dazu - was übrigens geht, auch im Hochwassergebiet. Es geht ja auch mit einem Erdhügel mit Kletterstegen aus Holz, Heckenlabyrinthen, Kletterbäumen ...

Bekommen wir damit allein den Trend umgekehrt?

Der erste Punkt wäre, die Familien zu halten, die da sind. Der nächste, junge Familien für Riesa zu begeistern. Dazu brauchen wir Projekte, die Riesa zu einer coolen, hippen Stadt machen, wie die Entwicklung des Grube-Stadions oder der Umbau des Muskator-Areals zum Mekka der Adrenalinhungrigen. Wo sich Menschen wohlfühlen, fühlt sich auch die Wirtschaft wohl. Wir haben gute Bedingungen: den Hafen, die ICE-Anbindung, die Bundesstraßen, den Verkehrslandeplatz. Infrastrukturell sind das Vorteile gegenüber vergleichbaren Städten - und trotzdem geht bei denen mehr los. Da entwickelt sich Kreativwirtschaft, da sind Start-Ups. Die haben irgendwann die Weichen richtig gestellt. Aber dieser Zug ist an Riesa komplett vorbeigefahren.

Was könnten Sie denn als Oberbürgermeister in der Hinsicht machen?

Man muss sich als weltoffen für Unternehmen und Menschen darstellen. Bei solchen Debatten wie zur Regenbogenflagge kann sich ein Oberbürgermeister durchaus äußern. Es ist eine Chance für Klein- und Mittelstädte, dass die Mieten in den Großstädten exorbitant teuer werden. Für Start-Ups ist es wurscht, wo sie sitzen - solange die Internetverbindung stimmt. Das wäre noch ein wunder Punkt in Riesa. Die Hüblermühle auf dem Muskatorgelände wäre für Ateliers geeignet. Wir müssen das nur publik machen, und die Künstler rennen uns die Bude ein! Aber es muss jemand vorangehen und sagen: Wir haben das, kommt zu uns! Das ist eine Aufgabe für einen Oberbürgermeister.

Braucht es mehr Risikofreudigkeit in Riesa?

Ja, unbedingt. Vor allem Weitblick. Man muss Konzepte für die Zukunft haben: Mein inneres Auge muss mir Riesa in 15 Jahren zeigen. Das ist schwierig, weil in Förderzyklen gedacht wird. Eigentlich muss ich das Ganze umdrehen: Die Konzepte müssen schon in der Schublade liegen, wenn das Förderprogramm aufgemacht wird.

In den vergangenen beiden Jahren wurde viel über die Schulen geredet. Von denen hätte die Stadt in naher Zukunft zu viel, wenn sie weiter schrumpft. Wie stehen Sie zur Debatte um die Grundschulstandorte?

Wir müssen schauen, was für die Stadt am besten ist. Die meisten Schüler besuchen Grundschulen in der Innenstadt.

Sie hätten sich also eher für den Erhalt der Breitscheidschule ausgesprochen?

Aus meiner Sicht wäre sie erhaltenswert. Aber ich würde gern über das Schulkonzept als Ganzes diskutieren. Das ist leider bisher nicht passiert. Dazu würde ich mich gern mit den Schulleitern und den Eltern zusammensetzen.

Sie haben in der Vergangenheit schon öfter bemängelt, dass der Stadt eine Vision fehlt. Da denke ich auch ein wenig an das Sportimage der Stadt. Ist das mittlerweile überholt?

Riesa hat mehr Sportler und Sportbegeisterung zu bieten, als alle Städte im Umland. Die Frage ist, inwieweit entfaltet das noch Außenwirkung. Es ist nicht mehr der große Glanz, der sich entfaltet, und ich bemerke, dass das von außen eher belächelt wird. Wir müssen ein neues Image aufbauen. Eines einer kreativen, bunten, jungen Stadt.

Auf dem Muskatorgelände könnte sich Gunnar Hoffmann ein "Mekka der Adrenalinjunkies" vorstellen - vielleicht auch, um dem Sportstadt-Image neues Leben einzuhauchen. Für die Hüblermühle im Vordergrund seien auch Künsterateliers mit Elbblick vorstellbar.
Auf dem Muskatorgelände könnte sich Gunnar Hoffmann ein "Mekka der Adrenalinjunkies" vorstellen - vielleicht auch, um dem Sportstadt-Image neues Leben einzuhauchen. Für die Hüblermühle im Vordergrund seien auch Künsterateliers mit Elbblick vorstellbar. © Lutz Weidler

Sie hatten auch einen Wahlkampftermin vor dem Grubestadion. Welche Ideen haben Sie für die Brache?

Da sind auch viele Ideen auch von anderen eingeflossen. Wenn man die Diskussion verfolgt, wünschen sich die meisten einen Sport- und Freizeitpark. Ich bin der Meinung, dass das mit relativ wenig Aufwand möglich ist. Die Leute brennen für ihren Fußball und wollen die Erinnerung wachhalten. Man könnte dafür den Eingangsbereich erhalten. Das ist wichtig. Denn mein Eindruck ist: Das letzte bisschen kollektives Selbstbewusstsein, das die Riesaer noch haben, ist das Thema Sport.

In erster Linie sprechen Sie Dinge an, wo investiert werden muss. Wo würden Sie denn im Gegenzug sparen?

(lacht) Böse Frage! Natürlich kann man überall einsparen. Die Frage ist, muss man's? Wir müssen uns hier nur umschauen: Man muss nicht jede Wiese dreimal im Jahr mähen. Dann könnte ich ein paar Papierkörbe oder Bänke für das Geld aufstellen. Ganz viel wäre gespart, wenn man mit Weitsicht arbeitet. Es ist natürlich schwer, wenn man neu einsteigt.

Was meinen Sie?

Ich glaube, der Investitionsstau ist kaum aufzulösen. Vielleicht müssen wir anders denken: Nicht was eine Investition kostet, ist entscheidend, sondern welchen Nutzen sie uns bringt. Da sind wir schnell beim Einsatz von Mitteln. Man kann sich trefflich streiten, ob es richtig ist, dass Hauseigentümer eine von reichlich vier Millionen Euro aus der LZP-Förderung für Dach- und Fassadensanierung bekommen. Für mich hätte es Sinn gemacht, Gebäude an der Hauptstraße zu kaufen, den Weg Richtung Hof auf- oder ein Haus abzubrechen und die Fläche zu entwickeln: mit Grün oder einem Spielplatz, um die benachbarten Häuser aufzuwerten. Das kann funktionieren, aber dafür braucht es Mut.

Wie kann die Verwaltung schneller werden, Fördermittel zu akquirieren?

Wir sind bei vielen Themen einfach zu spät. Man schimpft immer aufs Bauamt. Das ist vielleicht zu kurz gesprungen. Das Amt braucht die richtigen Prioritäten und dringend Verstärkung. Die Frage ist: Wo kann ich digitalisieren und Prozesse verschlanken, damit ich Leute freikriege? Vielleicht hat man dann jemanden frei, der sich nur um die Akquise von Fördermitteln kümmert. Das ist schwer, ein Riesenposten - aber enorm wichtig. Wir kommen nur mit eigenem Geld keinen Schritt mehr weiter.

Angenommen, Sie sind nach dem 4. Juli Oberbürgermeister: Im Stadtrat stellt die CDU, Herrn Müllers Partei, die stärkste Fraktion. Wie wollen Sie dagegen anregieren?

Dagegen wäre der falsche Weg. Ich bin im Stadtrat sicher als Kritiker bekannt. Aber hoffentlich auch als einer, der Lösungen finden will. Mir ist es völlig egal, aus welcher Partei jemand ist. Aufgabe eines Bürgermeisters ist es, Fraktionen zusammenzubringen. Das blöde Gegeneinander hilft auch dem Bürger nicht. Den interessiert, dass der Fußweg vorm Haus gemacht ist, dass er Kita und Schule in der Nähe hat und vernünftig von A nach B kommt. Ich hab mir bisher nicht überall Freunde gemacht, klar. Aber die Aufgabe ist: nach vorn schauen und gemeinsam agieren.

Sie sind also optimistisch, was die Wahl angeht?

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Absolut. Sonst müsste ich nicht antreten. Ich bin einer, der eine Verwaltung wie ein Unternehmen führen will - und auch kann. Das wird ein steiniger Weg. Aber mein Bauch sagt mir, dass es in der Verwaltung viele motivierte Leute gibt, die einfach noch keine Chance hatten, ihre PS auf die Straße zu bringen.

Und wenn es nicht klappen sollte, dann ... ?

... bin ich immer noch Geschäftsführer eines Unternehmens. Dann geht's dort weiter mit Vollgas.

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