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Wie viele Ausländer arbeiten wirklich?

Bei der Integration in den Arbeitsmarkt bleiben "Erfolgsgeschichten die Ausnahme", hatte Riesas OB erklärt. Was sagen die Zahlen?

Eine Erfolgsgeschichte? Die Wanderausstellung "Integrationsgeschichten" war wochenlang in der Riesaer Elbgalerie zu sehen. Zu dem Thema gibt es unterschiedliche Meinungen.
Eine Erfolgsgeschichte? Die Wanderausstellung "Integrationsgeschichten" war wochenlang in der Riesaer Elbgalerie zu sehen. Zu dem Thema gibt es unterschiedliche Meinungen. © Sebastian Schultz

Riesa. Wochenlang waren sie in der Riesaer Elbgalerie zu sehen: Großformatige Farbbilder von Arbeitern, die offenkundig aus dem Ausland kommen und stolz Dienstkleidung, Helme und Staubschutzmasken tragen. Die Schau gehörte zum Angebot der "Interkulturellen Woche" im Kreis Meißen, die deutschlandweit von einer Organisation der Evangelischen Kirchen ausgerichtet und im Elbland von der Diakonie Meißen umgesetzt wurde.

Doch wie gut ist die Integration von Ausländern in den Arbeitsmarkt seit 2015 wirklich gelungen? Dazu hatte es zuletzt Aufregung gegeben: Im SZ-Interview hatte Riesas Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) erklärt, dass Erfolgsgeschichten "die Ausnahme" blieben. 

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Wörtlich sagte er im September: "Ich kann die institutionellen Aussagen bezüglich der überwiegend erfolgreichen Integration in den Ersten Arbeitsmarkt persönlich leider nicht bestätigen." Viele Unternehmer hätten seine Wahrnehmung bestätigt: Auch sie hätten es wiederholt mit ausländischen Mitarbeitern versucht. "Aber zu oft fehlte es den Asylbewerbern an persönlichen Voraussetzungen, den Erfordernissen des hiesigen Arbeitsmarkts gerecht zu werden."

Im Stadtrat hatte es daraufhin Kritik gegeben. Müller hätte lieber positive Beispiele für Integration hervorheben sollen, hieß es etwa von den Linken. Der OB selbst hingegen hielt daran fest, dass ein "stakkato-artiges Wiederholen" der Erzählung von gelungener Integration nicht die Lebensrealität wiedergebe - jedenfalls nicht in Riesa.

Das Thema ist offenbar ein Heikles – aber was sagen die Zahlen dazu? Ein Leser wünschte sich einen Faktencheck: Wie viele Ausländer leben in Riesa und im Landkreis? Wie viele von ihnen sind im erwerbsfähigen Alter? Wie viele arbeiten, befinden sich in Maßnahmen oder sind arbeitslos?

Spannende Fragen - die allerdings aufgrund verschiedener Zuständigkeiten (Arbeitsagentur, Landratsamt, Landesamt für Statistik) und unterschiedlicher Statistik-Führung nicht im Handumdrehen zu beantworten sind. Die SZ ist dem Thema nachgegangen.

Gerüstet für den Job: Ein Beispiel aus der Integrations-Ausstellung.
Gerüstet für den Job: Ein Beispiel aus der Integrations-Ausstellung. © Sebastian Schultz

Wie viele Ausländer leben seit 2015 im Landkreis?

Mit der Flüchtlingsbewegung 2015 hat sich die Zahl der Ausländer im Kreis Meißen sprunghaft nach oben entwickelt: Waren es Ende 2014 laut Statistischem Landesamt noch knapp 4.200, stieg die Zahl innerhalb eines Jahres auf mehr als 6.600. Das ist ein Anstieg um mehr als 50 Prozent. Seit 2016 geht die Zahl pro Jahr um einige Hundert nach oben – während die Einwohnerzahl im Landkreis insgesamt gleichzeitig sank. Ende 2019 waren es im Landkreis knapp 7.800 Ausländer, was einem Anteil von gut drei Prozent an den Einwohnern entspricht. In der Stadt Riesa, wo der Landkreis überdurchschnittlich viele Ausländer unterbringen ließ, leben mittlerweile rund 1.500 Ausländer, ein Anteil von mehr als fünf Prozent.

Auffällig ist der Unterschied in der Altersstruktur: Während bei den Ausländern im Landkreis der weitaus größte Teil zum erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) zählt, ist bei den deutschen Einwohnern fast jeder Dritte bereits im Rentenalter.

Ob die Zahlen allerdings immer zu 100 Prozent korrekt sind, dafür legt man beim Statistischen Landesamt lieber nicht die Hand ins Feuer. Sicherheitshalber heißt es: "Einschränkungen bei der Genauigkeit der Ergebnisse können aus der erhöhten Zuwanderung und den dadurch bedingten Problemen bei der melderechtlichen Erfassung Schutzsuchender resultieren."

Wie viele Ausländer arbeiten im Landkreis?

Für die Arbeitsmarktstatistik ist die Arbeitsagentur in Riesa zuständig, die das Gebiet des Landkreises Meißen betreut. Von dort erhält man jährlich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und die Zahl der Geringfügig Beschäftigten. In beiden Bereichen ging die Zahl der Ausländer deutlich nach oben: Waren Ende 2014 nicht einmal 1.500 Ausländer im Kreis Meißen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, hat sich diese Zahl bis Ende 2019 mehr als verdoppelt – auf knapp 3.700 Ausländer. 

Allerdings wäre es ein Trugschluss, das allein mit dem Thema Migration zu erklären: Den mit Abstand größten Teil der ausländischen Arbeitnehmer im Landkreis machen die mehr als 1.000 Polen aus, fast jeder dritte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Ausländer kommt aus dem Nachbarland. Mit großem Abstand folgen Rumänen (345) und Tschechen (241). Erst danach kommt mit Syrien (150) ein typisches Asyl-Herkunftsland, das nur knapp vor Ungarn (124) liegt.

Mehr als zwei Drittel der ausländischen Arbeitnehmer in dieser Gruppe gelten als Fachkraft/Spezialist/Experte, die anderen als Helfer. Typische Sparten sind das Verarbeitende Gewerbe, Verkehr und Lagerei und das Baugewerbe.

Dazu kommt die Gruppe der Geringfügig Beschäftigten. Auch dort stieg die Zahl der Ausländer – aber bei weitem nicht so stark. Hier finden sich gut 350 Ausländer, ein Anteil von drei Prozent an allen geringfügig Beschäftigten im Landkreis.

© SZ Grafik

Wie viele Ausländer im Kreis Meißen sind arbeitslos?

Wenig überraschend - genauso wie die Zahl der arbeitenden Ausländer stieg auch die der arbeitslosen an. Hier hilft die Statistik der "gemeldeten erwerbsfähigen Personen" der Arbeitsagentur. Demnach waren im August 2020 knapp Ausländer als arbeitslos gemeldet, womit sie rund zehn Prozent aller Arbeitslosen im Landkreis ausmachen. Zum Vergleich: Im August 2015 hatte der Ausländeranteil an den Arbeitslosen noch 2,9 Prozent betragen.

Bei den arbeitslosen Ausländern liegen die Syrer deutlich vorn, gefolgt von Afghanen und Irakern. Auf Platz 4 und 5 folgen Polen und die Russische Föderation.

Eine spannende Frage: Wie gut sind die arbeitslosen Ausländer vermittelbar, sollte es freie Stellen geben? Die Statistik gliedert die Arbeitslosen nach dem Anforderungsprofil des gewünschten Berufs auf. Und hier gilt nur noch jeder Fünfte als Fachkraft, Spezialist oder Experte. Die anderen zählen unter Helfer oder haben gleich gar keine Angabe zum Anforderungsniveau gemacht.

Ähnlich sieht es beim Thema "abgeschlossene Berufsausbildung" aus: Ein Berufsabschluss ist die absolute Ausnahme unter den arbeitslosen Ausländern. Bei der Schulbildung dominiert die Gruppe "kein Hauptschulabschluss", wobei es aber auch eine größere Gruppe mit Abitur gibt. Auffällig: Zuletzt hat sich der Anteil derer erheblich  erhöht, die keine Angabe zur Schulbildung machen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

Wie viele Ausländer sind in Maßnahmen beschäftigt?

Beim Thema Arbeitsmarkt-Maßnahmen kann die Agentur Angaben zum "Kontext Fluchtmigration" liefern. Mit Stand August 2020 fallen darunter 84 Personen. Dazu zählen sowohl Angebote von der Arbeitsagentur (SGB III) als auch vom Jobcenter des Landkreises (SGB II). Sie verteilen sich auf Maßnahmen, die der "Aktivierung und beruflichen Eingliederung" dienen, der "Berufswahl und Berufsausbildung", der "Aufnahme einer Erwerbstätigkeit" und der "Schaffung von Beschäftigung".

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