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Riesas heikle Partnerschaft

Vor 60 Jahren bekam die Stahlstadt einen französischen Partner - kurz nach dem Mauerbau. Eine Riesaerin hat daran eine persönliche Erinnerung.

Heike Berthold erinnert sich noch heute an eine ganz besondere Brieffreundschaft, die schon Jahrzehnte zurückliegt.
Heike Berthold erinnert sich noch heute an eine ganz besondere Brieffreundschaft, die schon Jahrzehnte zurückliegt. © Sebastian Schultz

Riesa. Das ging nur mit einem kommunistischen Bürgermeister. Mitten in der Hochphase des kalten Kriegs, die Berliner Mauer war noch keine zwei Monate alt, wurde am 6. Oktober 1961 zwischen Riesa und Villerupt in Frankreich eine Städtepartnerschaft unterzeichnet. Wie es vom Riesaer Städtepartnerschaftsverein heißt, hatte die SED schon Anfang der 60er mit der Kommunistischen Partei Frankreichs über Städtepartnerschaften verhandelt.

Und Villerupt passte: Der Bürgermeister hatte das richtige Parteibuch - und die damals 15.000 Einwohner zählende Stadt nahe der Grenze zu Luxemburg wurde wie Riesa durch ein Stahlwerk geprägt.

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Doch von einem richtigen Austausch zwischen beiden Städten konnte in den folgenden Jahrzehnten kaum die Rede sein. Zwar verzeichnet die Riesaer Stadtchronik immer wieder Besuche von Delegationen aus Frankreich. So waren 1983 in den Sommerferien 21 junge Franzosen da, um etwa das Riesaer Heimatmuseum zu besuchen. 1984 kommen französische Ferienkinder für drei Wochen, "lernen Riesa und seine Umgebung kennen und verbringen frohe Ferientage", heißt es in der Chronik.

Und im Jahr darauf besuchen Gäste aus Villerupt "Sehenswürdigkeiten in der Republik, besichtigen Riesaer Betriebe und treffen sich mit Pionieren und FDJlern zu Gesprächen".

Aber umgekehrt, Riesaer in Frankreich? "Das kann damals allenfalls für handverlesene Riesaer möglich gewesen sein", sagt Heike Berthold. Sie selbst gehörte nicht dazu - hat aber eine eigene Erinnerung an die Anfänge der Städtepartnerschaft. Und die hat mit ihren West-Schallplatten zu tun. Im Sommer 1973 waren französische Jugendliche da, untergebracht in der Ernst-Thälmann-Oberschule. Und dort war eine Disco mit den Gästen geplant - wo nicht nur Ost-Musik laufen sollte. Und hier kam die damals 16-Jährige ins Spiel: Sie hatte eine belgische Brieffreundin, die ihr regelmäßig Single-Platten im Briefumschlag nach Riesa schickte. "Die kamen sogar an - und die habe ich heute noch", sagt die langjährige freiberufliche Journalistin.

Aus der Hand geben aber wollte sie die Platten nicht - machte sich also mit Musik von The Sweet und Middle of the Road selbst auf den Weg zur Disco. "Das war ziemlich improvisiert, ganz ohne DJ", sagt die Riesaerin.

Diese Ansichtskarte aus Westberlin erhielt eine Riesaerin in den 70er-Jahren - sicherheitshalber in einen Umschlag verpackt.
Diese Ansichtskarte aus Westberlin erhielt eine Riesaerin in den 70er-Jahren - sicherheitshalber in einen Umschlag verpackt. © Sebastian Schultz

Ob dort auch Französinnen dabei gewesen waren, weiß Heike Berthold heute nicht mehr. "Ich kann mich nur an lauter junge Männer erinnern." Französisch habe von den Deutschen ohnehin kaum einer gekonnt, aber man habe sich irgendwie verständigt. Und dann war da auch noch ein junger Franzose, zwei, drei Jahre älter als Heike Berthold, der konnte etwas Deutsch. "Wir haben Adressen für eine Brieffreundschaft ausgetauscht", sagt die Riesaerin. Klingt einfach - war es damals aber nicht. Denn Villerupt lag im kapitalistischen Ausland. Und Heike Bertholds Vater war Stadtbaudirektor. Und da galten für den privaten Briefverkehr in den Westen besondere Regeln. "Auch wenn mein Vater kein Genosse war."

Also musste die deutsch-französische Brieffreundschaft in der Stadtverwaltung erst genehmigt werden. "Das gelang erst mit dem Hinweis darauf, dass Villerupt doch unsere Partnerstadt war."

Und so landeten im Briefkasten der Familie bald Postkarten aus Frankreich, mit lieben Zeilen in etwas unbeholfenem Deutsch auf der Rückseite. Auf einer Ansichtskarte von Villerupt hat der Absender sein Wohnhaus mit einem kleinen Kreuz markiert, man sieht einen Kirchturm und einen Busbahnhof im Stil der 60er, der heute noch steht. "Das ging dann eine Weile hin und her", erinnert sich die Riesaerin.

Doch schließlich wurde es heikel: Eines Tages ging eine großformatige Postkarte ein, die der Absender vorsichtshalber in einen Umschlag gesteckt hatte: Sie zeigte die Rückseite der Berliner Mauer am Brandenburger Tor - eine Perspektive, die DDR-Bürger nie zu sehen bekamen: grau aufgetürmte Betonplatten, darüber runde Elemente, die das Überklettern verhindern sollten. "Dass die Mauer so aussieht, hätte ich nie gedacht", sagt die Riesaerin, die bei späteren Aufenthalten in der DDR-Hauptstadt allenfalls eine Vormauer zu sehen bekam.

Heikel wurde die Brieffreundschaft aus einem zweiten Grund: Der Franzose leistete mittlerweile seinen Dienst bei den französischen Besatzungstruppen in Westberlin ab - und hatte in seinen Karten auch mal die Möglichkeit eines persönlichen Treffens angedeutet. "Das war zwar reizvoll. Aber es war mir auch etwas zu heiß." Denn ein Treffen mit einem Uniformierten von der anderen Mauerseite? "Ich wollte ja auch noch studieren."

So ließ sie die Brieffreundschaft mit dem Franzosen auslaufen, während ein Briefkontakt zu einer Frau aus der früheren Sowjetunion bis heute hält, Besuche eingeschlossen: Die Weißrussin war Tochter eines sowjetischen Offiziers, der in Riesa in Garnison war.

In Villerupt selbst war Heike Berthold auch nach der Maueröffnung nie, aber in der Provence oder auf Korsika zelten. "Villerupt hat sich nie ergeben." An die Brieffreundschaft über die Grenze hinweg aber erinnert sie sich heute noch gern.

Und die Städtepartnerschaft existiert ebenfalls weiter - auch wenn die Bürgermeister heute verschiedenen Parteien angehören: Während der Riesaer OB CDU-Mitglied ist, wird sein französischer Amtskollege nach wie vor von der Kommunistischen Partei gestellt. Gern wäre er jetzt am Wochenende nach Riesa gekommen, schrieb er gerade: aber in Villerupt gilt es momenten, dringende kommunalpolitische Verwicklungen zu lösen.

  • Weil die französische Delegation ihre Reise nach Riesa kurzfristig absagen musste, wird die Einweihung der Sprachausgabe an der Riesenstatue verschoben: Statt am Sonntag, 3. Oktober, ist sie nun am Dienstag, 5. Oktober 2021, um 14.30 Uhr im Kreisverkehr am Krankenhaus.
  • Der Guinness-Weltrekord-Versuch mit Riesenhorn und Posaunenchor bleibt unverändert am 2. Oktober, 17 Uhr, vor der Rime-Freyler-Halle, Schönbergstraße.

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