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Wo die Zeit stehen geblieben ist

Marianne von Wolffersdorff kommt gern nach Promnitz. Sie ist vom Schloss und seinen geheimnisvollen Mauern fasziniert.

In einem Dachraum des Schlosses steht dieses originale Ziffernblatt der alten Turmuhr.
In einem Dachraum des Schlosses steht dieses originale Ziffernblatt der alten Turmuhr. © Sebastian Schultz

Promnitz. Die Schlossherrin lebt bescheiden. Wenn Marianne von Wolffersdorff ihren Sohn und ihre Enkelin in Promnitz besucht, dann übernachtet sie in einer kleinen Wohnung im einstigen Turmhaus des Schlosses. Beim Eintritt in die Kammer fallen einem sofort die alten Möbel auf. Es sind keine besonderen Stücke, sondern eher typisch für die Jahre vor und nach dem Krieg. Die Schränke wurden damals noch aus massivem Holz gebaut, damit sie ein Leben lang halten. "Sie stammen von meinen Großeltern", erzählt die zierliche Dame. Hier passen sie rein.

An der Wand klebt ausgeblichene Tapete. Möglicherweise aus DDR-Zeiten, als die LPG das ehemalige Rittergut bewirtschaftete. Wenn nicht sogar noch älter. Die Tapete reißt und löst sich an einigen Stellen ab. Bilder mit Wappen und Landschaftsmotiven lenken davon ab. Vor allem eine eingerahmte Landkarte von Pommern. Es ist ihre alte Heimat.

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Die Eltern betrieben dort ein Hotel in Stettin, das heute zu Polen gehört und Szczecin heißt. Die Familie selbst wohnte in einem burgähnlichen Haus mit Türmchen, erinnert sich Marianne von Wolffersdorff. Vielleicht fühlt sie sich deshalb so wohl hier. Vielleicht aber auch wegen der ehemaligen Bewohner. "Hier waren einst Flüchtlinge aus Schlesien untergebracht", erzählt sie. Das verbindet, denn auch sie und ihre Familie waren Flüchtlinge, die nur das Nötigste mitnehmen konnten.

Marianne von Wolffersdorff sitzt in einem der liebevoll eingerichteten Räume von Schloss Promnitz.
Marianne von Wolffersdorff sitzt in einem der liebevoll eingerichteten Räume von Schloss Promnitz. © Sebastian Schultz

Von der benachbarten Küche aus öffnen Fenster den Blick in den Innenhof des Promnitzer Schlosses. Von hier aus hat man einen herrlichen Überblick über das Rittergut, das ein Vorfahre ihres Mannes im Auftrag von August dem Starken zum Schloss umbauen ließ, damit Sachsens berühmtester Monarch am 26. Juni 1730 nur einen einzigen Abend mit seinen weit gereisten Gästen und dem Dresdner Hofstaat hier feierte.

Überm Sofa in der Küche hängt eine flache Wanduhr. Sie misst die Zeit, die hier seit 70 Jahren stehen geblieben scheint. Auch die Emaille-Töpfe an der Spüle wirken wie aus einer längst vergangenen Ära, in der vieles bescheidener war und die Leute trotzdem mit dem Wenigen, das sie besaßen, zufrieden waren.

Marianne von Wolffersdorff erinnert sich an ihren ersten Besuch in Promnitz. Das Schloss war heruntergekommen. Der damalige Besitzer hatte es nach der Wende von der Treuhand gekauft und nur wenig dran gemacht. "Der Saal war völlig vermüllt", erzählt sie. Teile des Parketts waren aufgequollen, denn wenn es regnete, tropfte das Wasser durch die Decke.

Die Turmhaube (rechts) ist vom Turm (links) heruntergenommen worden und soll restauriert werden.
Die Turmhaube (rechts) ist vom Turm (links) heruntergenommen worden und soll restauriert werden. © Sebastian Schultz

Heute ist noch etwa ein Viertel des originalen Fußbodens eingebaut. Der Rest ist mit Brettern versehen. Der Saal und die anderen Zimmer sind längst aufgeräumt und mit alten Möbeln versehen, die gut in so ein Schloss passen. An den Wänden hängen Porträts von Vorfahren der Familie von Wolffersdorff. Einer von ihnen trägt eine blaue Husaren-Uniform, so wie einst die Reiter des königlichen sächsischen Husaren-Regiments in Großenhain gekleidet waren.

Tapeten fehlen. Die Wände könnten einen einheitlichen Putz gut vertragen. Und dennoch ist Marianne von Wolffersdorff gerade von diesem Raum so fasziniert. "Es ist ein so herrlicher Saal", schwärmt sie. "Er ist traumhaft schön. Man könnte darin die Zeit vergessen." Hier und da sind Malereien und Muster zu erkennen.

Sie geht an eines der großen Fenster und blickt hinaus auf die Elbe und Riesa. "Ach, was haben wir hier für schöne Sonnenaufgänge erlebt", sagt sie und erzählt, dass die ersten Jahre ohne Strom auch viel Romantisches hatten. Da sei sie abends mit einer Kerze durchs Schloss gegangen. Im Schein des kleinen Lichts würden die Gemäuer noch geheimnisvoller wirken, sagt sie.

Diese Holztreppe und andere geheimnisvolle Orte haben Marianne von Wolffersdorff zu einem Kinderbuch animiert, das in diesem Sommer erscheinen soll.
Diese Holztreppe und andere geheimnisvolle Orte haben Marianne von Wolffersdorff zu einem Kinderbuch animiert, das in diesem Sommer erscheinen soll. © Sebastian Schultz

So geht die Hobbyautorin immer wieder auf Entdeckungstouren durchs Schloss und lässt sich zu Geschichten mit Geschichte animieren. So hat sie bereits die Romanze "Promnitz - Ein Wintermärchen" geschrieben und 2015 veröffentlicht. Doch weil es hier so viele mystische Orte gibt, folgt jetzt ein weiteres Buch. Es heißt "Von Elfen und Nebelfrauen" und ist diesmal für Kinder gedacht. Darin erzählt Marianne von Wolffersdorff sieben Märchen, die mit dem ehemaligen Rittergut verbunden sind.

So entstand zum Beispiel das Märchen vom Uhrenmännchen, das in der Turmuhr lebt, oder die Geschichte vom Mädchen, das am Krötenbrunnen einschläft, und einen seltsamen Traum hat. Bei aller Fantasie gibt es aber auch in allen Geschichten einen historischen Hintergrund. Darauf legt die Autorin viel Wert. Denn sie mag das Schloss und seine Geschichte. "Immer, wenn ich wieder wegfahren muss, gehe ich noch mal durch alle Räume", verrät sie. "Das ist wie ein Spaziergang durch die Jahrhunderte."

Bald kehrt sie wieder hierher zurück. Am 1. August möchte Marianne von Wolffersdorff ihr neues Buch auf Schloss Promnitz vorstellen. Um 11 Uhr soll die Lesung mit musikalischer Umrahmung beginnen.

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