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Kaufhaus Troplowitz wird versteigert

Die Historie der Riesaer Hauptstraße 19 steht in Verbindung mit der Shoah. Jetzt soll das Boulevard-Gebäude unter den Hammer kommen.

Die Hauptstraße 19 in Riesa (Mitte) hat eine bewegte Historie. In dem um die vorletzte Jahrhundertwende errichteten Bau befand sich einst das Kaufhaus Troplowitz (kl. Foto), dessen jüdische Besitzer von den Nazis verfolgt und ermordet wurden.
Die Hauptstraße 19 in Riesa (Mitte) hat eine bewegte Historie. In dem um die vorletzte Jahrhundertwende errichteten Bau befand sich einst das Kaufhaus Troplowitz (kl. Foto), dessen jüdische Besitzer von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. © Fotos: Eric Weser (1), Privatsammlung, E. Förster/

Riesa. Als am Mittwoch international an die Opfer des Holocaust erinnert wurde, legten auch Riesaer Politiker Blumen zum Gedenken an die Millionen Toten nieder. OB Marco Müller (CDU) und mehrere Stadträte taten das am Mahnmal vorm Stadtmuseum am Poppitzer Platz. Ein würdiger Ort wäre wohl auch das Gebäude mit der Hausnummer 19 auf der Hauptstraße gewesen. In diesem hatte sich vorm Zweiten Weltkrieg das Kaufhaus Troplowitz befunden. Mitglieder der jüdischen Besitzerfamilie Lenczynski wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten von Anwohnern und Lokalpolitikern schikaniert und mussten das Geschäft Ende 1938 zwangsweise aufgeben. Später kamen sie im Konzentrationslager Auschwitz um. Eine im Riesaer Boulevard eingelassene Gedenktafel vor dem Haus erinnert an die Schicksale.

Mitte Februar steht für das geschichtsträchtige Gebäude ein wichtiger Termin an. Im Dresdner Amtsgericht soll es, inklusive dem zugehörigen 330-Quadratmeter-Grundstück, öffentlich versteigert werden.

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Dach im Anbau eingestürzt

Hintergrund ist eine Zwangsversteigerung. Die kommt oftmals zustande, wenn Immobilienwerte "verflüssigt" werden sollen, um Schulden der Eigentümer zu tilgen. Im Fall der Hauptstraße 19 wird die Zwangsversteigerung hingegen "zum Zwecke der Aufhebung der Gemeinschaft" vorgenommen, wie es in einer offiziellen Ankündigung des Gerichtes heißt. Oft ist auch von einer Teilungsversteigerung die Rede. Hinter den Juristenbegriffen verbirgt sich, dass unteilbares Grund- und Immobilieneigentum in teilbares Geld umgewandelt werden soll. Dieser Auktionserlös kann dann unter den früheren Grundstückseigentümern aufgeteilt werden. Diese Art Versteigerung kommt beispielsweise vor, wenn sich Erbengemeinschaften nicht einig werden, was mit einem Gebäude passieren soll. Dann kann ein Erbe die Teilungsversteigerung beantragen. Im Fall der Hauptstraße 19 waren Einzelheiten zu den Eigentümern und den Gründen der geplanten Zwangsversteigerung nicht zu erfahren.

Indes geben die öffentlich zugänglichen Unterlagen zur Auktion einen Einblick in das knapp 120 Jahre alte, denkmalgeschützte Gebäude. Fotos zeigen, dass sich die Eleganz der Klinkerfassade zumindest hinter den zugeklebten Erdgeschossfenstern nicht fortsetzt. Das Ladenlokal, in dem zuletzt vor einigen Jahren noch ein Schreibwarengeschäft und zuvor auch eine Textilhandelskette ansässig gewesen sind, ist in einem schlechten Zustand. Es gebe Feuchteschäden, weil im hinteren Ladenteil, der sich in einem Anbau befindet, das Dach teils eingestürzt sei, heißt es im Gutachten einer Sachverständigen aus Weinböhla, die das Gebäude im Auftrag des Dresdner Amtsgerichts 2019 unter die Lupe genommen hat.

Den Wert des Hauses plus Grundstück schätzt die Gutachterin zum Stichtag im Herbst 2019 dennoch auf 428.000 Euro. Denn: Ab dem ersten Obergeschoss sei das 1998 sanierte Hauptgebäude insgesamt "in einem guten, vermietbaren Zustand". Vermietet waren zum Zeitpunkt des Gutachtens drei Wohnungen im Haus. Auch eine seit etlichen Jahren ansässige Steuerberatungskanzlei hat im Haus Büroräume.

Zuschüsse für Umbau möglich

Was das baufällige Ladenlokal in der Riesaer Hauptstraße angeht, spricht das Wertgutachten von einer möglichen Umnutzung in Wohnraum. Das sei aber, genauso wie andere Vermietungen, nur durch tiefgreifende Umbaumaßnahmen möglich, schätzt die Gutachterin ein. Diese dürften ins Geld gehen. Allerdings könnte sich der künftige Gebäudeeigentümer wohl einen Teil der Kosten fördern lassen: Weite Teile von Riesas Innenstadt liegen im sogenannten SOP-Gebiet, das mit einer Gesamtfördersumme von einer Million Euro für die Jahre von 2020 bis 2025 Sanierungsanreize setzen will.

Ob es in zweieinhalb Wochen tatsächlich zu einer Versteigerung des Objektes kommt, muss sich zeigen. Nicht immer erscheinen bei den Auktionen im Dresdner Amtsgericht, in dem es 2019 rund 130 Zwangsversteigerungstermine gab, auch tatsächlich Bieter. Möglich auch, dass das Mindestgebot nicht erreicht wird. Einem Merkblatt des Gerichts für Bieter zufolge, muss das Gericht den Zuschlag versagen, wenn das Mindestgebot die Hälfte des Verkehrswerts unterschreitet. (mit SZ/stl)

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Der Versteigerungstermin für das Gebäude ist für Dienstag, 16. Februar 2021, im Dresdner Amtsgericht (Außenstelle Olbrichtplatz 1, Sitzungssaal C301) angesetzt. Weitere Informationen auf dem amtlichen Portal.

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