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Riesa: Mann lebt in öffentlichem WC

Nachdem er Hausverbot im Obdachlosenheim bekommen hat, bewohnt ein Mann die Toilette am Puschkinplatz. Das sorgt für Kritik.

In der öffentlicher Toilette am Puschkinplatz hat ein Mann Quartier bezogen.
In der öffentlicher Toilette am Puschkinplatz hat ein Mann Quartier bezogen. © Eric Weser

Riesa. Fast eine halbe Minute vergeht. Dann dreht sich das kleine rote Zeichen am Schloss. Ein hagerer Mann, geschätztes Alter um die 60, tritt auf die gepflasterte Fläche vor der Toilettentür. Sorgsam mustert der Brillenträger sein Gegenüber, ehe er bestätigt, dass er Bernd ist.

Es ist Mittwochvormittag und es herrscht reger Autoverkehr rund um den Puschkinplatz. Aber nicht nur deshalb ist die röhrende Stimme von Bernd, der eigentlich anders heißt, manchmal nur schlecht zu verstehen. Trotzdem wird klar: Der mit Camouflage-Hose, Rolling-Stones-T-Shirt und schwarzer Schildmütze bekleidete Mann ist offenbar nicht ganz freiwillig hier. Er habe nicht im Obdachlosenheim bleiben dürfen, "weil ich dort mit jemand auf der Bude zusammengelebt hab', der mich wochenlang beklaut hat". Als er denjenigen erwischt habe, habe er ihm eine "vor'n Kopp" gegeben. Daraufhin sei er aus der Einrichtung rausgeflogen. Obwohl er der Geschädigte sei, wie Bernd wenig später noch anfügt.

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Das Riesaer Obdachlosenheim an der Klötzerstraße. Hier ist der Mann nach eigener Darstellung ungerechtfertigt rausgeflogen. Die Einrichtung möchte sich zum Fall nicht äußern.
Das Riesaer Obdachlosenheim an der Klötzerstraße. Hier ist der Mann nach eigener Darstellung ungerechtfertigt rausgeflogen. Die Einrichtung möchte sich zum Fall nicht äußern. © Archivfoto: Eric Weser

Die Geschichte deckt sich mit dem, was an Informationen über Bernd in einer Riesaer Facebook-Gruppe kursiert. Dort sorgte sein Fall diese Woche für Aufsehen, nachdem ein Nutzer bei einem WC-Besuch am Puschkinplatz anscheinend zufällig auf die Habe des Obdachlosen gestoßen war und Fotos davon veröffentlichte. Eine der Aufnahmen zeigt einen Schlafsack, einen karierten Einkaufstrolley und eine Plastetüte, die in dem WC-Häuschen deponiert sind.

Viele Nutzer zeigen sich bestürzt, dass einem Menschen anscheinend nichts anderes geblieben ist, als sich so auf den Fliesen des Pissoirs einzurichten. Kritik gibt es in den Kommentaren in Richtung der Behörden. Etliche Nutzer fordern Hilfe für den Mann. Man dürfe nicht wegschauen, mahnt eine Kommentatorin. Andere Nutzer bieten selbst Unterstützung an. Nach Informationen von sächsische.de denkt ein Nutzer beispielsweise darüber nach, den Obdachlosen auf seiner Hausbaustelle einziehen zu lassen, da es dort neben einem Dach überm Kopf auch warmes Wasser und eine kleine Kochmöglichkeit gibt.

Bernd selbst sagt zu sächsische.de, bei ihm sei bisher noch kein konkretes Hilfsangebot angekommen. Und er wolle auch erstmal in der WC-Anlage bleiben. "Solange bis die nachgeben im Obdachlosenheim." Dort hätten die Verantwortlichen mit seinem Rauswurf einen großen Fehler gemacht, ist er der Meinung.

Doch stimmen die Behauptungen des Mannes? Überprüfen lässt sich das nicht. Das Riesaer Obdachlosenheim möchte sich gegenüber sächsische.de nicht zum Fall äußern. Über aktuelle oder auch ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner gebe man keine Auskunft, lässt die vom Roten Kreuz betriebene Einrichtung auf Nachfrage wissen.

Im örtlichen Polizeirevier ist man darüber informiert, dass jemand in der städtischen WC-Anlage Quartier bezogen hat. Seit einigen Wochen sei das der Fall, sagt Revierchef Andreas Wnuck. Den "Bewohner" würden Riesas Polizisten auch schon "seit vielen, vielen Jahren" kennen. Das Problem sei, dass er keinen festen Wohnsitz habe und Hausverbot im Obdachlosenheim. Auch sei der Mann als jemand bekannt, der viel trinke und sich oft daneben benehme. Gefährlich sei er aber nicht, schätzt der Revierleiter die Lage ein. Was zu tun ist? Das Ganze sei eine soziale Verantwortung der Kommune, so Andreas Wnuck. Den Mann in polizeiliche Verwahrung zu nehmen, sei nur dann nötig, wenn Frosttemperaturen anstünden.

Die Riesaer Stadtverwaltung hat nach eigenem Bekunden bereits reagiert. "Das Problem ist von unserem Ordnungsamt vorerst geklärt worden", sagt Sprecher Uwe Päsler am Mittwochnachmittag. Der Mann sei ins Obdachlosenheim eingewiesen worden – trotz des vom DRK erteilten Hausverbots. "Unter Auflagen wurde er nun vorerst wieder aufgenommen", so Uwe Päsler. Welche Auflagen das sind, führte die Stadtverwaltung nicht aus.

Ob die Lösung von Dauer ist, muss sich nun zeigen.

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