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Riesaer reden übers Reizthema Einheit

Anwohner sprechen mit SPD-Politikerin Petra Köpping darüber, was nach dem Herbst 1989 passierte. Die Sozialministerin zeigt Verständnis, aber sie mahnt auch.

Nach der Wende buhlten zig Parteien um die Gunst der Wähler im Osten. Das Foto zeigt Wahlplakate von damals in Riesa. Für Politik und Demokratie hätten viele aber nach der Wende kaum Zeit gehabt, merkte eine Riesaerin jetzt bei einer Diskussion an.
Nach der Wende buhlten zig Parteien um die Gunst der Wähler im Osten. Das Foto zeigt Wahlplakate von damals in Riesa. Für Politik und Demokratie hätten viele aber nach der Wende kaum Zeit gehabt, merkte eine Riesaerin jetzt bei einer Diskussion an. © Brühl

Riesa. Der Osten, da ist Petra Köpping sicher, hat keine Schwierigkeiten mit Strukturwandel und Veränderungen. "Der weiß nur, was das bedeutet!" Welche Opfer Familien bringen mussten. Wie viele weggehen mussten, um Arbeit zu finden. Das seien Erfahrungen, die man nutzen könne. Denn mittlerweile gebe es anderen Regionen mit ähnlichen Problemen – etwa die Kohlereviere im Westen der Republik.

Eigentlich sollte Petra Köpping (SPD) bei der Debatte im Riesaer Mehrgenerationenhaus physisch anwesend sein. Wegen ihrer engen Terminkette war Sachsens Sozialministerin am Ende per Video zugeschaltet. Mit auf dem Podium: Andreas Näther (2.v.l.), Historik
Eigentlich sollte Petra Köpping (SPD) bei der Debatte im Riesaer Mehrgenerationenhaus physisch anwesend sein. Wegen ihrer engen Terminkette war Sachsens Sozialministerin am Ende per Video zugeschaltet. Mit auf dem Podium: Andreas Näther (2.v.l.), Historik © Klaus-Dieter Brühl

Insofern könne der Westen vom Osten lernen. Zumal er das bei anderen Themen wie der Kinderbetreuung schon getan habe, so Sachsens zugeschaltete Sozialministerin vorm Riesaer Publikum.

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Eigentlich wollte die SPD-Frau physisch da sein. Eng getaktete Termine machten es unmöglich. Die Riesaer Organisatoren sind ob der kurzfristigen Änderung verschnupft. Aber dennoch froh, dass die Genossin zumindest per Leinwand anwesend ist.

Vom Sofa in Grimma aus blickt Köpping in ihre Kamera und spricht. Doch sie verfolgt auch aufmerksam, was da in Riesa so erzählt wird. Denn reden sollen vor allem die Menschen im Publikum. "Unser Weg bis hier – die deutsche Einheit aus Sicht der Riesaerinnen und Riesaer", ist das Treffen überschrieben.

Das Publikum zeigt auch keine Scheu. Hätte man mehr Einblicke in die Verhältnisse im Westen gehabt, hätte man die Linie "Wir verändern diese DDR" beibehalten, sagt eine Frau. Mit der Kraft, die die Menschen gezeigt hätten, hätte man einiges ändern können.

Es lief bekanntlich anders. Die DDR trat der BRD bei. Und das, obwohl die Menschen durchaus hätten ahnen können, dass West-Verhältnisse auch erhebliche Schattenseiten bereithalten, sagt Historiker Clemens Villinger, der mit auf dem Podium sitzt. Aber das sei auch eine Tragik der DDR-Medienpolitik gewesen, meint er: Wenn nämlich etwas Wahrhaftiges berichtet wurde – wie im Fall der sozialen Folgen des Kapitalismus –, habe das mangels Glaubwürdigkeit der Berichterstattung insgesamt keiner mehr geglaubt.

Hinzu kommt, das scheint auch das Riesaer Publikum so zu sehen, dass Ende der 1980er der Freiheitshunger groß war. Und dass es auch die Erwartung gab, dass es bald eine gerechtere Gesellschaft geben würde. Eine, die Leistung belohnt. Eine, in der es den Menschen besser geht.

Erwartungen, die sich längst nicht für jeden erfüllten. Zwar sind einige Diskutanten der Meinung, vieles sei besser geworden und es gehe ihnen persönlich durchaus gut. Doch SPD-Stadtrat Andreas Näther, der zur Wendezeit am Runden Tisch in Riesa aktiv war, berichtet von Stahlwerkern, die ihn und andere Veränderungswillige schon kurz nach der Wende gerüffelt hätten: "Ihr habt uns die DDR weggenommen."

Auch im Publikum blickt mancher 30 Jahre nach der Wende mit einer Mischung aus Ungläubigkeit, Enttäuschung und Zorn auf bestimmte Entwicklungen. Sie sei erschrocken, wie schlecht die Bezahlung noch immer ist, sagt eine Frau, die nach eigenem Bekunden nach gut 30 Jahren im Westen kürzlich zurückgekehrt ist. Beim hiesigen Lohnniveau sei es kein Wunder, dass junge Menschen abwanderten.

Petra Köpping will Probleme nicht verhehlen – hält aber gegen, die Schuld allein beim Westen zu suchen. Es mangele dem Osten auch an Selbstbewusstsein. "Warum schaffen wir es nicht, Gewerkschaften stark zu machen oder Tarifbindung zu organisieren?" Da müsse man sich ebenso an die eigene Nase fassen, wie auch bei demokratischen Prozessen. Die müssen so gestaltet sein, dass Bürger nicht den Eindruck bekommen, etwas übergestülpt zu kriegen.

Andreas Näther wendet ein, dass Demokratie ist im Osten eben nicht gelernt wurde. Man habe zwar Demos organisieren können, sagt er mit Blick auf die Wendezeit. Aber wie man dranbleibt oder Mehrheiten organisiert, das habe niemand gewusst. Aus dem Publikum wird angemerkt, dass die Leute nach der Wende schlicht mit anderen Dingen beschäftigt waren. "Die hatten keine Zeit, sich mit Politik oder Demokratie zu beschäftigen, die haben nur noch Lebenserhaltungsmaßnahmen getroffen."

Fast zwei Stunden diskutieren Podium und Publikum über die Entwicklungen in den vergangenen 30 Jahren. Und das ist gut, resümiert Petra Köpping. Auch wenn das nicht jeder so sehe. Sachsens MP Michael Kretschmer (CDU) wolle zum Beispiel von so etwas überhaupt nichts hören. "Er denkt, das ist eine Negativdiskussion und rückwärtsgewandt." Köpping findet hingegen, dass man ohne Geschichte keine Zukunft gestalten könne.

Die Podiumsdebatte mit Petra Köpping, Andreas Näther, Clemens Villinger, unter Moderation von Wolfgang Porsche, gibt es hier beim Online-Videoportal Youtube in voller Länge (Länge: ca. 1 Stunde 50 Minuten).

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