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Auf Schatzsuche im Grottenpavillon

Einer der vier Pavillons im Tiefenauer Schlossgarten wird zurzeit untersucht. Hier finden sich Farben aus barocker Zeit, die in Dresden längst verlorengegangen sind.

Diplom-Restauratorin Martina Dürrschmidt kratzt behutsam mit einem Spachtel die Farbe an der Decke des Pavillons ab.
Diplom-Restauratorin Martina Dürrschmidt kratzt behutsam mit einem Spachtel die Farbe an der Decke des Pavillons ab. © Klaus Dieter Bruehl

Tiefenau. Die Mund-Nasen-Maske braucht Martina Dürrschmidt nicht wegen Corona. Jedenfalls hier nicht. Eher zum Schutz vor feinem Staub. Die Diplom-Restauratorin steht auf einem Malergerüst und kratzt weiße Farbe von der Decke des Grottenpavillons ab.

Das ist eines von vier Häuschen im Tiefenauer Schlossgarten, die Anfang der 18. Jahrhunderts im Auftrag des kursächsische Oberhofmarschalls Graf Ferdinand August von Pflugk (1662-1712) zusammen mit dem Barockschloss errichtet wurden.

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Von den vier Gartenhäuschen ist der Grottenpavillon im Inneren noch am besten in Originalform erhalten. Seinen Namen erhielt er wegen seiner Innengestaltung. Von der Decke ragen zahlreiche Stalaktiten herunter - wie in einer Tropfsteinhöhle. In zwei Ecken stehen reich verzierte Wasserspiele mit Schalen, Tritonen und Fischen. Die Wasserbecken sind aber seit Jahrzehnten leer. Wenn nicht sogar noch länger.

Das ist der Grottenpavillon in Tiefenau von außen.
Das ist der Grottenpavillon in Tiefenau von außen. © Klaus Dieter Bruehl

Das Wasser, das hier einst plätscherte, hat Schäden im Mauerwerk hinterlassen. Vor allem im unteren Bereich habe es Salzschäden gegeben, bestätigt Martina Dürrschmidt. Zudem erhielt der Grottenpavillon in den 1960er Jahren einen Innenanstrich, der nicht atmungsaktiv ist. Weil hier drin nie geheizt wurde, tat das dem Gemäuer zusätzlich nicht gut.

Dieser Anstrich soll nun runter. Nicht mit einem groben Spachtel, sondern ganz sacht mit einem Skalpell. Das ist die Aufgabe der 61-Jährigen. Sie begibt sich dabei auf eine Art Schatzsuche. Gold und Edelsteine sind es nicht, die sie entdecken möchte, sondern Farbschichten aus vergangenen Epochen.

Als Diplomrestauratorin weiß sie, welche Farben in welcher Zeit gerade in Mode waren. Und so hat sie hier u. a. auch den typischen Anstrich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gefunden. "Die grauen Töne sollten das Erhabene des Klassizismus herausstellen", erklärt sie.

Die blaue Farbe an der Decke stammt noch von der Sanierung in den 1960er Jahren. Darunter befinden sich mehrere historische Anstriche, die es zu entdecken gilt.
Die blaue Farbe an der Decke stammt noch von der Sanierung in den 1960er Jahren. Darunter befinden sich mehrere historische Anstriche, die es zu entdecken gilt. © Klaus Dieter Bruehl

Doch sie ist auf der Suche nach der ursprünglichen Farbenpracht aus der Zeit, als August der Starke Kurfürst und Herzog von Sachsen wurde und dem Prunk des französischen Hofes nacheiferte. Damals war vieles bunter. Martina Dürrschmidt benutzt allerdings lieber die Begriffe "polychrom" oder "mehrfarbig". Denn "bunt" könne nicht annähernd wiedergeben, was die Maler einst ausdrücken wollten.

Damals hatten jede Farbe und jede Form ihre Bedeutung. "Man hat nie etwas einfach so gestaltet", sagt sie, "alles hatte eine tiefe Symbolik." Gerade deshalb sei sie bei jeder Restaurierung stets für die Urfassung, um in die Gedankenwelt der Schöpfer einzutauchen. Im Grottenpavillon in Tiefenau könnte das bald wieder möglich sein, hofft sie.

Etwa 80 Prozent der Wände und 20 Prozent der Decke hat sie bereits erforscht. Aber die Arbeit mit Lupe und Skalpell ist mühevoll und kopfüber unter der Decke auch anstrengend. "Das braucht schon seine Zeit", sagt die Restauratorin, die in Dresden studiert und ihr Atelier im Schloss Großkmehlen hat. Sehr wahrscheinlich warten hier noch mehrere Wochen und Monate Arbeit auf sie.

Ein Triton hält die untere Schale eines von zwei Wasserspielen, die noch im Inneren des Grottenpavillons erhalten sind.
Ein Triton hält die untere Schale eines von zwei Wasserspielen, die noch im Inneren des Grottenpavillons erhalten sind. © Klaus Dieter Bruehl

Sie ist gespannt, was dabei noch herauskommt. Interessant ist zum Beispiel die Wand zwischen den beiden Brunnen. Eine Nische, die oben mit Muscheln verziert ist, deutet darauf hin, dass ursprünglich hier eine Figur davor stand. Möglicherweise auf einem Sockel. Martina Dürrschmidt vermutet, dass es sich dabei um eine junge Dame gehandelt habe. Folge man der gesamten Innengestaltung des Raumes, könnte es sich vielleicht um eine Tochter des griechischen Meeresgottes Poseidon gehandelt haben. "Aber daran forschen wir noch", sagt die 61-Jährige.

In einer Ecke hat sie auch Ruß entdeckt. Er stammt aus den 1930er Jahren, als der Grottenpavillon als Schmiede zweckentfremdet wurde.

Während das Schloss nach dem Krieg gesprengt wurde, blieben die vier Gartenhäuschen erhalten. Die Tiefenauer hatten für den Grottenpavillon schon immer viel übrig und sanierten ihn im Vorfeld der 950-Jahr-Feier im Jahr 1963. Das war auch der Startschuss für die hiesigen Parkfeste, die vor allem in den 70er und 80er Jahren viele Besucher anzogen. Im Grottenpavillon wurden dabei Kaffee und Kuchen serviert. Auch in Zukunft, wenn das Schloss wieder aufgebaut und das Ressort Schloss Tiefenau eröffnet ist, könnte es wieder für kleinere gastronomische Zwecke und Sektempfänge genutzt werden.

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