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Der Mann vom Dach

Jürgen Wagner war als Schornsteinfeger jahrzehntelang auf Häusern unterwegs – und wäre einmal beinahe abgestürzt.

In einem Fenster seines Hauses hat Jürgen Wagner das Logo seines Berufsstandes verewigt.
In einem Fenster seines Hauses hat Jürgen Wagner das Logo seines Berufsstandes verewigt. © Sebastian Schultz

Strehla. Ob er jungen Leute den Job empfehlen würde? Jürgen Wagner muss nicht lange überlegen. „Warum nicht, der Beruf ist interessant!“ Heute noch mehr als früher, schließlich gebe es jetzt zum Beispiel über Handyapps steuerbare Heizungen und andere Finessen, so der Strehlaer.

Als der gebürtige Vogtländer Anfang der 1960er Jahre Schornsteinfeger wird, ist daran nicht zu denken. Die Berufswahl ergibt sich eher zufällig – ein Gartennachbar ist Bezirksschornsteinfegermeister und braucht einen Lehrling. Jürgen Wagner ist ein guter Schüler und turnt gern. Gute Voraussetzungen. Eine richtige Vorstellung vom Beruf habe er nicht gehabt, erzählt der heute 74-Jährige, aber die bekommt er damals schnell: Es geht auf die Dächer in der Gegend, auch in den strengen Wintern. „Wenn ich daran denke...“, sagt Jürgen Wagner und lacht.

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Lehrling Jürgen Wagner (l.) mit seinem alten Meister Helmut Lieberwirth, Mitte der 1960er-Jahre.
Lehrling Jürgen Wagner (l.) mit seinem alten Meister Helmut Lieberwirth, Mitte der 1960er-Jahre. © Sebastian Schultz

Bei Schnee fast vom Dach gerutscht

Er sei ganz froh gewesen, dass die kalte Jahreszeit in der hiesigen Gegend milder sei. Ins Elbland war der junge Handwerker wegen seiner Frau gekommen, die aus Strehla stammt und die er nach der Ausbildung kennengelernt hatte.

Bei aller Milde wäre ein hiesiger Winter ihm beinahe zum Verhängnis geworden: Es lag Schnee auf dem Dach des Wohnblocks an der Werner-Seelenbinder-Straße in Riesa, als Jürgen Wagner dort in rund 15 Meter Höhe unterwegs war, um die Schornsteine zu kehren. Als eine morsche Laufbohle aus Holz brach, fiel er hin, rutschte bäuchlings mit dem Kopf vornweg Richtung Traufe. Gerade noch habe er ein Schneefanggitter greifen können, erinnert sich der Rentner. Sein Körper habe schon über die Dachrinne gehangen. Per Klimmzug habe er sich wieder aufs Dach retten können, sei am Blitzschutz zurückgeklettert – und habe dann noch die restlichen Schornsteine gekehrt. „Als ich durch das Ausstiegsfenster wieder rein bin, dachte ich: Was ist denn mit meinen Beinen los? Da merkte ich: Die schlotterten!“ Solches Glück hatte aber nicht jeder, denkt Jürgen Wagner zurück. Zwei einstige Berufskollegen aus Riesa seien zu Tode gestürzt.

Jürgen Wagner während seiner Dienstzeit in Arbeitskluft. Zu den Kunden kam der Strehlaer lange Zeit per Motorrad
Jürgen Wagner während seiner Dienstzeit in Arbeitskluft. Zu den Kunden kam der Strehlaer lange Zeit per Motorrad © Sebastian Schultz

Mit dem Tod hat Jürgen Wagner in seinem Berufsleben hin und wieder zu tun gehabt. Einmal zum Beispiel, als ein Riesaer in seiner Badewanne in einem Weidaer Wohnblock gestorben war – an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Das Problem sei damals gewesen, dass Türen und Fenster in dem Gebäude mit Moosgummi abgedichtet gewesen seien, erinnert sich Jürgen Wagner. „Zu gut abgedichtet.“ Als der Bewohner sich ein Bad eingelassen hatte, zogen sowohl die Gastherme als auch der Kohleofen im Wohnzimmer Luft aus der Wohnung. Der Kohleofen habe sich aber durchgesetzt. Weil die Fenster und Türen dicht waren, konnte die notwendige Verbrennungsluft nur über den Abgasschornstein der Gastherme nachziehen. Statt zum Dach strömten die toxischen Abgase zurück in die Wohnung – und kosteten dem Mann in der Badewanne das Leben.

Diesen Hergang des Unglücks wies der Schornsteinfeger damals den Ermittlungsbehörden nach. Für Jürgen Wagner war es auch der Beginn der Arbeit als Sachverständiger, zu dem er nach der Wende bestellt wurde. Mehrfach schrieb er Expertisen für Gerichte, war Gutachter in Prozessen.

Nach der Wende wieder an die Schulbank

Die Wiedervereinigung habe für seine Zunft ohnehin eine große Veränderung bedeutet, erinnert sich der 74-Jährige. Nicht nur, dass die zu DDR-Zeiten marode gewordenen Schornsteine und Dächer in Ordnung kamen, die den Beruf in den Jahren davor zunehmend gefährlich gemacht hatten. Öl- und Gasheizsysteme eroberten das Land – und die bis dahin vor allem mit Kohleheizungen vertrauten hiesigen Schornsteinfeger mussten die Schulbank drücken, um die neue Technik kennenzulernen. Was abnahm, war der Kontakt mit den Leuten. Heute werde manch Schornstein nur noch einmal in zwei Jahren gekehrt, sagt Jürgen Wagner. Bis zur Wende sei jeder genutzte Schornstein sechsmal dran gewesen. „Wir hatten zu den Menschen im Kehrbezirk schon ein persönliches Verhältnis, kannten die Probleme und haben auch mal geholfen, die Kohlen in die oberen Stockwerke zu tragen“ sagt Jürgen Wagner. Und man sei geachtet gewesen als Schornsteinfeger. Manchmal sei er, wie von einer Dame an der Oswald-Bleier-Straße in Riesa, mit an den Mittagstisch gebeten worden.

Mit den Neuerungen der Nachwendezeit hat sich Jürgen Wagner, der seit 1974 selbstständig und in einem von Zeithain über Strehla bis Riesa reichenden Kehrbezirk unterwegs war, dennoch anfreunden können. 2010 hing er den Kehrbesen dann an den Nagel. Der Senior, der seinen Betrieb aufgelöst hat, nachdem seine beiden Söhne andere berufliche Wege gegangen sind, kümmert sich heute gern um seine sechs Enkel. Das jüngste ist drei Jahre alt und hat bald Geburtstag. Wie auch Jürgen Wagner selbst, der im Oktober 75 wird. Vorher steht aber noch eine besondere Ehrung an: Am Montag erhält der Schornsteinfegermeister in Dresden seine Goldenen Meisterbrief.

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