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"Wir brauchten einen Notdienstplan"

Andreas Wnuck leitet seit einem Jahr das Polizeirevier Riesa. Ein Gespräch über Corona-Ausfälle, verbotene Partys und Autoaufbrüche.

Der Besprechungsraum im Polizeirevier ist so groß, dass Revierleiter Andreas Wnuck dort die Maske abnehmen darf. Der denkmalgeschützte Saal war als Verhandlungsraum des einstigen Gerichts gebaut worden.
Der Besprechungsraum im Polizeirevier ist so groß, dass Revierleiter Andreas Wnuck dort die Maske abnehmen darf. Der denkmalgeschützte Saal war als Verhandlungsraum des einstigen Gerichts gebaut worden. © Sebastian Schultz

Riesa. Im Januar 2020 hatte der Döbelner Andreas Wnuck die Leitung des Polizeireviers Riesa von Hermann Braunger übernommen. Sächsische.de traf ihn zum Gespräch.

Herr Wnuck, hatten Sie sich ihr erstes Jahr als Chef des Polizeireviers Riesa so vorgestellt?

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Wenn ich jetzt ja sagen würde, wäre es verstörend. Vorgestellt hätte ich mir das völlig anders. Es war schon schwierig, das letzte Jahr. Aber es ist, wie es ist.

Im Januar hatten Sie angefangen. Im März hatten wir die Schlagzeile "Polizei warnt vor Ansammlungen am Elbufer". Sind solche Spontan-Partys wie beim ersten Lockdown noch immer ein Thema oder hat sich das durch den Winter erledigt?

Im öffentlichen Raum hat sich das erst einmal erledigt: Die Vollzugsbediensteten des Rathauses sind mit uns gemeinsam in die Offensive gegangen, dann hat sich das geklärt. Die Ansammlungen, die wir jetzt haben, sind im nichtöffentlichen Raum.

Mir fällt da etwa ein Treff junger Männer Heiligabend in einer Riesaer Gartensparte aus dem Polizeibericht ein ...

Ja, oder der Weihnachtsmarkt in Poppitz Mitte Dezember.

War das nicht eher ein großes Missverständnis? Die privaten Veranstalter waren doch davon ausgegangen, eine Genehmigung zu haben ...

Nein, das war kein Missverständnis. Das war schlicht und ergreifend nicht gestattet. Festzustellen bleibt dazu, dass im Anschluss Infektionen bei Beteiligten zu verzeichnen waren.

Werden Sie denn auch im aktuellen Lockdown zu verbotenen Partys gerufen?

Was aufmerksame Nachbarn heute noch melden, sind meist kleinere Zusammenkünfte von Personen, die man schon kennt. Keine organisierten Feiern, sondern Treffs von fünf, sechs Leuten. Richtig große Feste finden nicht statt.

Monatelang hatten wir in Riesa das Phänomen der Corona-Protestler, die Montag für Montag durch die Innenstadt zogen, diese Woche waren aber nur eine Handvoll zu beobachten. Haben die Einsätze für Überstunden bei Ihren Kollegen gesorgt?

Ja. Anfangs waren das knapp 100 Leute, das wurden dann immer weniger. Sicher ist der eine oder andere Teilnehmer angesichts der Entwicklung mittlerweile in sich gegangen. Aber längere Zeit waren es mehrere Dutzend Protestler. Die zu begleiten, können wir aus dem täglichen Dienst nicht stemmen. Das waren dann zusätzlich einbestellte Kräfte aus dem Revier oder von der Bereitschaftspolizei.

Was passiert dann mit den so angelaufenen Überstunden?

Die haben wir an anderer Stelle eingespart. So wurde unter den Corona-Bedingungen das Thema Weiterbildung bei der Polizei ohnehin nach unten gefahren, um die direkten persönlichen Kontakte zu verringern. Deshalb hat uns das nicht zum Wanken gebracht, ein Kraftakt war es trotzdem.

Sie verfügen über rund 100 Polizisten im Revier. Gab es darunter schon Corona-Ausfälle?

Ja, einige. Zeitweise hatten wir ein komplettes Kommissariat im Beschäftigungsverbot, das sind etwa zehn Leute. Vorübergehend waren um die 25 Prozent vom Streifendienst zu Hause. Deshalb mussten wir einen Notdienstplan installieren, um 24 Stunden am Tag komplett abzudecken.

Wie kann man verhindern, dass sich Polizisten anstecken: Mit Maskenpflicht auch im Streifenwagen?

Das lässt sich nicht immer gewährleisten. Wir haben strenge Maskenpflicht im Revier, fast jeder hat ein Einzelzimmer. Und die Streifenbesatzungen wechseln derzeit nicht durch, sondern fahren immer zusammen. So muss, wenn einer Corona hat oder Kontaktperson ist, nur ein Kollege mitgehen. Es sei denn, Einsätze erfordern, dass die ganze Dienstgruppe handelt. Wenn dort das Geschehen infektiös ist, trifft es natürlich mehr Kollegen.

Ist denn die Motivation der Kollegen unter diesen Bedingungen noch immer hoch?

Unsere Kollegen sind immer 100 Prozent motiviert! Auch wenn es schwierig ist und wir Dienstbesprechungen teils unter freiem Himmel machen müssen, um den Abstand wahren zu können. Immerhin: Video- und Telefonkonferenzen klappen gut.

Ein Thema, was Riesa im vergangenen Jahr bewegt hat, waren regelmäßige Auto-Aufbrüche. Das scheint sich beruhigt zu haben, oder?

Ja, aktuell ist es relativ ruhig. Einerseits hatten wir mehrere Tatverdächtige ermitteln können, die angeklagt und auch verurteilt wurden. Andererseits machen es uns die Corona-Maßnahmen in dieser Hinsicht derzeit einfacher: Wer jetzt nachts unterwegs ist, ist oft mit unlauteren Absichten unterwegs.

Na klar, keiner geht mehr ins Kino, keiner in die Kneipe ...

Ja, das erleichtert es uns, den öffentlichen Raum zu überwachen.

Haben im Gegenzug eigentlich die Fälle häuslicher Gewalt zugenommen? Das könnte man ja wegen der geschlossenen Kneipen vermuten ...

Das hatten wir zunächst auch angenommen. Tatsächlich gibt es nun sogar weniger solcher Einsätze. Es gab keine Verlagerung der öffentlichen Gewalt in den häuslichen Bereich, auch keine Verlagerung andere Kriminalitätsbereiche, etwa Drogen.

Wie steht es um die Asyl-Unterkünfte in Riesa?

Auch dort ist es verhältnismäßig ruhig. Wir machen dort auch regelmäßige Kontrollen gemeinsam mit dem Ausländeramt. Wir versuchen, Probleme zu erfassen und zu lösen, bevor sie eskalieren.

Im Riesaer Polizeirevier an der Klosterstraße arbeiten rund 100 Beamte. Sie sind für den kompletten Altkreis Riesa und die Stadt Lommatzsch zuständig.
Im Riesaer Polizeirevier an der Klosterstraße arbeiten rund 100 Beamte. Sie sind für den kompletten Altkreis Riesa und die Stadt Lommatzsch zuständig. © Eric Weser

Gab es bei der Personalstärke des Reviers eigentlich Änderungen - oder ist da was geplant?

Nein. Wir können unsere Aufgaben sehr gut erfüllen, wenn uns nicht gerade wegen Corona wieder eine ganze Dienstgruppe ausfällt. Wir sind mit aktuell 101 Polizisten in Riesa gut aufgestellt, und das bleibt auch in der Zukunft so.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was wäre das für einer?

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Andreas Wnuck ist jetzt Chef von 100 Polizisten – und für die Sicherheit von 69.000 Menschen verantwortlich.

Ich würde mir wünschen, dass unsere Gesellschaft bei einer Pandemie wie der jetzigen zusammenrückt. Leider ist gefühlt aber das Gegenteil der Fall. Wir als Polizei sollen die Regeln des Infektionsschutzes durchsetzen. Gleichzeitig leiden viele Bürger unter den bestehenden Regelungen, zum Teil geht es denen finanziell an die Existenz. Und die Polizisten stehen als sichtbare Vertreter des Staats zwischen den Stühlen - und müssen sich teils beschimpfen lassen, teils gibt es auch Tätlichkeiten. Das ist eine echte Belastung, nicht nur für die Polizei - auch für Feuerwehr und Rettungsdienst. Diese Zerreißprobe müssen wir gemeinsam meistern.

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