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So wohnte es sich am Kaiser-Wilhelm-Platz

Das Eckhaus am heutigen Puschkinplatz in Riesa fällt durch seine verzierte Fassade auf. Zunächst lebten hier Offiziersfamilien.

Mitte der 1990er-Jahre wurde das Haus am Alexander-Puschkin-Platz 3b von den Eigentümern verkauft. Die neuen Hauseigentümer sanierten das Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude.
Mitte der 1990er-Jahre wurde das Haus am Alexander-Puschkin-Platz 3b von den Eigentümern verkauft. Die neuen Hauseigentümer sanierten das Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude. © Bernhardt

Von Helga und Lutz Bernhardt

Riesa. Das große Eckwohnhaus mit Nebengebäude am heutigen Alexander-Puschkin-Platz 3b wurde 1895 durch den Baumeister Louis Schneider an der Ecke Kaiser-Wilhelm- Platz/Augusta-Straße gebaut. Gleichzeitig wurden auch ein Pferdestall und eine Gartenlaube errichtet. Der Erker über der 1. Etage ist mit Sandsteinreliefs verziert. Rechts und links eine gefüllte Vase und in der Mitte Kaiser Wilhelm I., dessen Abbild wie durch ein Wunder alle nachfolgenden Ordnungen überstanden hat.

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Das Haus ist mit sehr viel Hauszier ausgestattet. Über den Fenstern schauen verschiedene Gaffköpfe auf die Straße. Ursprünglich bestand das Haus aus vier Etagenwohnungen für kaiserliche Offiziere und deren Familien, die den Pferdestall nutzen durften. Im Jahre 1904 erwarb Minna verw. Despang das Grundstück. Die Gebrüder Despang betrieben damals am Kaiser-Wilhelm-Platz 10a eine Kaffeerösterei. Darüber wurde in der Sächsische Zeitung im August 2012 berichtet. Die Familie Despang bewohnte das 2. Obergeschoss mit einer Fläche von etwa 150 Quadratmetern, so erzählt Klaus-Dieter Werner, ein Enkel der Familie Despang. 

Umbau in den 1930ern

Bei der Übernahme des Hauses wohnten z. B. ein Assistenzarzt, ein Stadtkassenbuchhalter, ein Kontorist und ein Hauptmann im Hause. Gegen Ende der 1920er Jahre zog die Familie ins Erdgeschoss, da Minna, Jahrgang 1864, nicht mehr die Treppen steigen konnte. In den 1930er Jahren wurden die Etagenwohnungen durch Umbau geteilt. Die zusätzlich geschaffenen Wohnungen mit Blick auf den Puschkinplatz hatten kein Bad mehr und das Klo und die Gosse mit Wasserentnahme waren eine halbe Treppe tiefer.

Das Haus ist auffällig verziert, auch der Kaiser hat die Zeit überdauert.
Das Haus ist auffällig verziert, auch der Kaiser hat die Zeit überdauert. © Bernhardt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es in allen Wohnungen eng, da nicht mehr die Hausbesitzer die Vermietungen vornahmen, sondern das Wohnungsamt wies die Mieter zu. So wohnten im Erdgeschoss die Großeltern Despang, die Familie Werner mit drei Personen, eine Frau mit Tochter und eine vierköpfige Familie aus Schlesien. Schränke teilten die Zimmer in Schlaf- und Wohnräume. Wohin mit den ganzen Möbeln, Herrenzimmer, Speisezimmer und dem Flügel? Der Flügel, das Meißner Porzellan, echte Teppiche und einen Teil des silbernen Bestecks tauschte man bei den Großbauern gegen Kartoffeln, Mehl , Holz und andere bäuerliche Erzeugnisse ein.  Es blieben trotzdem immer noch genug Möbel übrig, berichtet Klaus-Dieter Werner.

Mehr als 50 Hausbewohner nach dem Krieg

Im Haus wohnten 1949 laut Adressbuch 26 Erwachsene als Haushaltvorstand. Rechnet man die Familienangehörigen dazu, wohnten über 50 Personen im Haus. Ab 1954 wurde die Wohnsituation durch den Auszug von Familien wieder besser. Der Pferdestall wurde bis Ende der 50er Jahre zum Teil an einen Fuhrunternehmer zur Unterbringung seiner Zugpferde vermietet. Einen weiteren Teil des Stalls mietete der bekannte Riesaer Pferdeschlächter Busch als Garage. 

Pferdestall muss Wohnhaus weichen

Der Eckturm des Hauses, auch Laterne genannt, musste 1957 wegen Baufälligkeit abgebrochen werden. Walter Despang ließ das Gebäude 1974, nachdem er entsprechende Bilanzen vom Amt bekommen hat, neu abputzen. Weitere größere Reparaturarbeiten konnten nicht mehr durchgeführt werden, da die Einnahmen durch die Mieten nicht ausreichten. Nachdem Hedwig Despang 1982 gestorben war, schlugen alle Erben das Erbe des Hauses aus. Dazu gehörten auch die noch vorhandenen Möbel, die einst vom Glasfabrikbesitzer Emil Menzel dem Brautpaar Hedwig und Walter Despang geschenkt wurden. Die Möbel holte das Antiquariat Pirna im Auftrag des Devisenbeschaffers der DDR Schalck-Golodkowski ab. Das Haus wurde vom VEB Gebäudewirtschaft Riesa verwaltet.

An die Erben wurde das Haus 1994 zurückgegeben und von den Erben verkauft. Der Pferdestall wurde abgerissen und es entstand dort ein Wohnhaus. Die neuen Besitzer sanierten und modernisierten das Eckhaus, bauten das Dachgeschoss aus und haben den Eckturm wieder errichten lassen, so dass das Haus wieder in alter Schönheit zu sehen ist.

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