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Polizei untersucht Druckwelle in Jacobsthal

Eine Detonation auf dem Sprengplatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes soll Anwohner zufolge ungewöhnlich stark gewesen sein. Was ist dran?

So sieht es von Weitem aus, wenn auf dem Sprengplatz in der Gohrischheide geübt wird.
So sieht es von Weitem aus, wenn auf dem Sprengplatz in der Gohrischheide geübt wird. © Klaus Dieter Bruehl

Jacobsthal. Elisabeth Förster wohnt seit ihrer Geburt in Jacobsthal-Bahnhof. Die 66-Jährige ist mit dem Sprengplatz am Rand der Gohrischheide aufgewachsen. Sie erinnert sich noch an die Worte ihrer Mutter: "Macht alle die Fenster auf! Heute wird gesprengt."

Seit 1953 wird hier alte Munition aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt. Man könnte meinen, dass sie und ihre Familie sich daran gewöhnt haben, dass es ab und zu sehr laut knallt. Doch ein Erlebnis vor etwa zwei Wochen hat sie aufgeschreckt.

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Es war der 4. März, früh gegen neun Uhr. Elisabeth Förster kam gerade vom Einkauf. Sie wusste, an diesem Tag soll wieder gesprengt werden. "Es kam also nicht unerwartet", erzählt sie. "Ich habe auch noch das Auto auf dem Feld gesehen." Das gehört dem diensthabenden Sprengmeister, der sich in etwa 900 Meter Entfernung vom Sprengplatz aufhält und per Funk die Sprengung freigibt.

Die Rentnerin fuhr mit ihrem Pkw auf ihr Grundstück, stieg aus, machte die Heckklappe hoch und wollte gerade die Einkaufstasche herausnehmen. "Und da knallte es", sagt Elisabeth Förster. Sie habe einen unheimlichen Druck auf den Ohren verspürt, so dass sie leicht benommen war. "Dass mich eine Druckwelle so stark erreicht, das habe ich noch nicht erlebt", erzählt sie. Es folgten noch zwei weitere Sprengungen, aber sie sollen nicht so intensiv wie die erste gewesen sein.

Der Sprengplatz liegt etwa 1,6 Kilometer Luftlinie von der Siedlung Jacobsthal-Bahnhof entfernt.
Der Sprengplatz liegt etwa 1,6 Kilometer Luftlinie von der Siedlung Jacobsthal-Bahnhof entfernt. © Karte: SZ Riesa

Die Reaktionen der Einwohner von Jacobsthal-Bahnhof in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe ließen nicht lange auf sich warten. Jemand schrieb: "Die haben einen Knall." Und ein anderer: "Ich dachte, es bricht alles zusammen." Elisabeth Förster sah sich bestätigt, dass nicht nur sie so empfand. In der kleinen Siedlung leben 15 Familien mit insgesamt rund 40 Einwohnern im Alter von zwei bis 80 Jahren. Elisabeth Förster fragt: "Was passiert, wenn diese Druckwelle auf Kinder trifft?"

Daraufhin rief sie beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen an, dem der Sprengplatz gehört, und beschwerte sich beim stellvertretenden Leiter der Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung (KMZE) Zeithain. Er verwies auf die übergeordnete Behörde, das Polizeiverwaltungsamt Dresden. Sie solle sich dorthin für eine schriftliche Beschwerde wenden. Doch auch so kam der Fall bis dorthin, nicht zuletzt durch eine Presseanfrage der SZ.

Das Polizeiverwaltungsamt antwortete auf die Frage, ob es eine derartige Druckwelle für möglich hält, wie folgt: "Aufgrund der eingesetzten Menge an Sprengmittel und der Entfernung zu dem angegebenen Wohnort ist das sehr unwahrscheinlich. Selbst Einsatzkräfte vor Ort berichteten nicht von einer Druckwelle."

Die Sprenglöcher werden mit alte Munition gefühlt und von Hand mit Schaufeln verfüllt.
Die Sprenglöcher werden mit alte Munition gefühlt und von Hand mit Schaufeln verfüllt. © Klaus Dieter Bruehl

Konkret sollen am 4. März zu Ausbildungszwecken alte Kampfmittel und Besatz mit jeweils rund 17 Kilogramm Netto-Explosivstoffmasse gesprengt worden sein. Zwei Tage zuvor besuchte die SZ das Areal. Dabei wurden pro Sprengung rund 25 Kilogramm Netto-Explosivstoffmasse verwendet. Von einer Druckwelle war nichts zu spüren. Laut Auskunft des KMZE-Leiters Holger Klemig dürfen zu Übungszwecken sogar bis zu 50 Kilo gesprengt werden.

Elisabeth Förster bleibt dennoch bei ihrer Beschreibung des Falls und wird dabei von ihrem Mann Lutz Förster unterstützt. Er gehört zum Ortsvorstand Jacobsthal und durfte im Februar zusammen mit dem stellvertretenden Bürgermeister Dieter Wamser und Hauptamtsleiter Ronny Werner den Sprengplatz besuchen. Sie wollten sich vor Ort von der Arbeit des Kampfmittelbeseitigungsdienstes ein Bild machen, nachdem es zuvor bereits Beschwerden auch aus anderen umliegenden Dörfern gegeben hatte.

Klemig führt den Unmut der Anwohner darauf zurück, dass wegen der jahrelangen Sanierung und den letzten drei Dürrejahren selten bis gar nicht gesprengt wurde. Im Dezember wurde wieder damit begonnen, um neue Sprengmeister auszubilden bzw. erfahrene Sprengmeister üben zu lassen. Daran mussten sich die Anwohner erst wieder gewöhnen.

Die Ausbildungssprengungen finden auf einem Sandplatz statt, der mit fünf Meter hohen Stahlbetonwänden umgeben ist. Sie sind u-förmig angeordnet. Nur in Richtung des rund 200 Meter entfernten Zündbunkers ist die Sicht frei. Etwa in der gleichen Richtung liegt in 1,6 Kilometer Entfernung Jacobsthal-Bahnhof. Lutz Förster hält es für möglich, dass Schallwellen von den Wänden zurückgeworfen werden und sich zu einer Druckwelle aufbauen. Auch das hält das Polizeiverwaltungsamt für unwahrscheinlich, zumal der gesamte Sprengplatz mit einem Wall umgeben ist.

Etwa fünf Meter ragen die Stahl-Beton-Wände auf dem Sprengplatz heraus. Nur in einer Richtung ist die Sicht frei.
Etwa fünf Meter ragen die Stahl-Beton-Wände auf dem Sprengplatz heraus. Nur in einer Richtung ist die Sicht frei. © Sebastian Schultz

In den vergangenen zwei Wochen war es auf dem Sprengplatz ruhig. Familie Förster vermutet, dass es an ihrer Beschwerde lag. Das verneint eine Sprecherin des Polizeiverwaltungsamtes Dresden und führt es darauf zurück, dass nicht genügend Personal vorhanden war.

Das Ehepaar ist nicht auf Konfrontation zum Kampfmittelbeseitigungsdienst aus. "Wir wollen gut miteinander leben", sagt Elisabeth Förster. Und ihr Mann ergänzt: "Wir haben auch Verständnis dafür, dass die Sprengmeister hier ausgebildet werden. Aber die Sprengungen sollten verträglich sein."

Noch Anfang des Jahres wurde in Salven, mit kurzen Abständen, gesprengt. Nach seinem Sprengplatz-Besuch mit Wamser und Werner nicht mehr. Da hatte das Trio sich mit Sprengmeister Klemig auf längere Abstände der einzelnen Sprengungen verständigt. "Das ist erträglicher", sagt Lutz Förster und freut sich, dass seine Kritik angenommen wurde. Und mehr noch: Wie Andreas Weiner, der Leiter der Stabsstelle Kommunikation im Polizeiverwaltungsamt, mitteilt, soll der Kontakt zu Familie Förster gesucht werden. Elisabeth Förster bestätigte der SZ, dass sich entsprechender Besuch angemeldet hat.

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