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"Nicht jeden Obdachlosen abstempeln"

Viel Verständnis - aber auch Vorurteile: Ein Artikel übers Obdachlosenheim hat unter unseren Lesern eine breite Debatte ausgelöst.

Lisa Smyrek leitet das Obdachlosenheim in Riesa. Hier leben derzeit 24 wohnungslose Menschen.
Lisa Smyrek leitet das Obdachlosenheim in Riesa. Hier leben derzeit 24 wohnungslose Menschen. © Sebastian Schultz

Riesa. Der Winter rückt näher - und noch immer herrscht beim Thema Obdachlosenheim in Riesa Stillstand. Der geplante Umzug lässt jedenfalls weiterhin auf sich warten. Das Thema wurde in den vergangenen Tagen auch im Internet heftig diskutiert. Zum Teil finden sich dort allerdings auch Aussagen, über die Obdachlosenheim-Leiterin Lisa Smyrek nur den Kopf schütteln kann. 

Eine davon etwa ist der Vorwurf, wer obdachlos werde, der sei doch in aller Regel selbst schuld an seiner Lage. "Ehe man soweit abrutscht, muss schon viel schief laufen und Alkohol und Drogen im Spiel sein", schreibt beispielsweise ein Leser auf dem Facebook-Auftritt der SZ Riesa. "Ich finde es sehr schade und bedauere es, dass einige Leute noch immer sehr an Klischees festhalten und stets nur allein die Schuldfrage stellen", sagt die Chefin des Obdachlosenheims dazu. Die alleinige Schuld bei den Betroffenen zu suchen, lasse häufig "komplexe Zusammenhänge persönlicher Krisen gänzlich außer Acht".

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Viele Ursachen führen in die Obdachlosigkeit

Die Realität sei eben nicht immer so einfach, soll das heißen. Das legen auch die Beispiele nahe, über die die SZ in den vergangenen Jahren schon berichtet hatte. Öfter ist da zu lesen gewesen, dass manch einer tatsächlich irgendwann auf die schiefe Bahn geraten ist, ins Gefängnis kam, nach der Haft auf der Straße landete. Da ist aber auch der Riesaer, der wegen eines Arbeitsunfalls erst den Job verliert, Mietschulden anhäuft, und dem dann die Wohnung gekündigt wird. Oder der Senior, der sich offenbar keine Wohnung leisten kann, keinen Pflegegrad hat, aber auch sonst niemanden, der sich um ihn kümmert. Das deckt sich auch mit Daten der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe. Neben aufgelaufenen Miet- und Energieschulden rangieren Ortswechsel und Trennungen beziehungsweise Scheidungen an der Spitze der Gründe für den Wohnungsverlust

Der aktuelle Standort des Obdachlosenheims an der Klötzerstraße in Riesa.
Der aktuelle Standort des Obdachlosenheims an der Klötzerstraße in Riesa. © Foto: Lutz Weidler

Alkohol oder Drogen spielen zwar eine Rolle, auch in Riesa. Aber "nicht allein Suchtproblematiken, sondern häufig gescheiterte Beziehungen, Krankheiten et cetera führen dazu, dass Menschen ihr Leben nicht mehr ohne Hilfe eigenverantwortlich leben können und in der Konsequenz sogar ihre Wohnmöglichkeit verlieren", sagt Lisa Smyrek. Sie wünscht sich, "dass sich solche Vorurteile in Zukunft auflösen und man nicht mehr jeden abstempelt".

Ganz ähnlich sehen das immerhin auch andere Kommentatoren auf Facebook. Marina Goan schreibt dort beispielsweise: "Was hier manche von sich geben, ist an Unverschämtheit kaum zu überbieten. Es sind Menschen wie wir alle, jeder dort in diesem Heim hat seine Geschichte." Es stehe niemandem zu, diese Menschen zu be- oder verurteilen. 

Kritik gibt es auch daran, dass die Standortsuche für das neue Obdachlosenheim so lang dauert. "Diese Heimdebatte geht schon seit Jahren und ich bekomm jedesmal einen Blutstau wenn ich Artikel darüber lese", schreibt Sindy Roßberg. "Unglaublich, dass es Riesa nicht schafft, einen Platz für ein neues Obdachlosenheim zu schaffen. Es gibt mit Sicherheit genug Standorte die 'annehmbar' für alle wären. Das alte Heim sieht innen wie außen aus wie eine Ruine. Ich finde das unmöglich." Marlies Liesel gibt ihr recht.  Riesa solle besser "erstmal das Problem mit dem Obdachlosenheim lösen, ehe schon wieder ein neuer Einkaufsmarkt entstehen soll". 

Leere Wohnblöcke offenbar kein Thema

Facebook-Nutzerin Isa Gerste fragt sich, warum immer wieder Wohnblöcke leergezogen oder abgerissen werden. "Da könnte einer der Großvermieter mal ein Nachsehen haben und statt Abriss mal einen Block umbauen für das Obdachlosenheim. In der heutigen Zeit kann jeder ungewollt zum Absturz im Leben kommen und am Ende im Obdachlosenheim landen." Sie ärgert sich auch darüber, dass das Beschaffen von Wohnraum für Asylbewerber augenscheinlich besser funktioniert habe. Für deren Unterbringung allerdings ist der Kreis zuständig, nicht die Stadt Riesa.

Einfach einen Wohnblock herzurichten, ist offenbar aber auch nicht im Sinne der Stadt. "Nach wie vor ist es städtische Sache, zu entscheiden, wo und wie ihre jeweiligen obdachlosen Bürger untergebracht werden", erklärt Lisa Smyrek. "Für Riesa soll es demnach weiterhin eine Gemeinschaftsunterkunft sein." Ob ein ganzer Wohnblock für derzeit 24 Wohnungslose nicht ohnehin ungeeignet wäre, lässt sie offen - und gibt sich sonst weiter optimistisch: "Wir hoffen immer noch auf eine baldige positive Entwicklung hinsichtlich eines neuen Gebäudes für unsere Obdachlosenunterkunft." Ein Umzug an den ehemaligen Standort des SC Riesa in der Freitaler Straße ist übrigens keine Alternative: Wie die Stadt auf Nachfrage mitteilt, sei eine weitere Nutzung des Haues unrealistisch: "Perspektivisch ist das Haus zum Abriss vorgesehen."

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