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Weißiger Bahnhäuser kommen ins Museum

Die denkmalgeschützten Bahnsteiggebäude sollen im Sächsischen Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf für die Nachwelt erhalten bleiben.

Noch ein bisschen nach rechts. Und dann rauf damit auf den Tieflader.
Noch ein bisschen nach rechts. Und dann rauf damit auf den Tieflader. © Sebastian Schultz

Nünchritz. So viele Menschen gleichzeitig sieht man selten auf der Straße in Weißig-Bahnhof. Auch Menschen aus den umliegenden Dörfern sind in die kleinen Ortschaft zwischen Leckwitz und Weißig gekommen. Es hat sich nicht nur unter Eisenbahnfans rumgesprochen, dass an diesem Montagmorgen etwas Besonderes passiert.

Sie wollen dabei sein, wenn hier die mehr als hundert Jahre alten Bahnsteighäuser von einem Autodrehkran angehoben und auf Tieflader verladen werden. Ihr Ziel: das Sächsische Eisenbahnmuseum in Chemnitz-Hilbersdorf.

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Auch Claudia Röder steht mit ein paar Nachbarn seit den Morgenstunden am ehemaligen Bahnhof. Die 62-Jährige ist etwas traurig gestimmt. "Es kommt ein Stück Kindheitserinnerung weg", sagt sie und zeigt auf ein Teil der beiden hölzernen Bahnsteighäuser, das gerade in Richtung Lkw schwebt. Sie erzählt: "Als Kinder haben wir dort auf den Holzzäunen gesessen und die Waggons der Züge gezählt."

Das letzte von insgesamt drei Teilen wird am Bahnhof Weißig angehoben.
Das letzte von insgesamt drei Teilen wird am Bahnhof Weißig angehoben. © Sebastian Schultz
Vorsichtig hat sich der Autodrehkran mit seiner zerbrechlichen Fracht zum Tieflader gedreht.
Vorsichtig hat sich der Autodrehkran mit seiner zerbrechlichen Fracht zum Tieflader gedreht. © Sebastian Schultz
Nur noch weniger Augenblicke, dann ist es geschafft.
Nur noch weniger Augenblicke, dann ist es geschafft. © Sebastian Schultz
Einer der drei Tieflader steht schon zur Abfahrt bereit.
Einer der drei Tieflader steht schon zur Abfahrt bereit. © Sebastian Schultz

In den vergangenen Wochen hatte eine Dresdner Firma im Auftrag der Deutschen Bahn die Weißiger Bahnsteiggebäude mit Holzbohlen und Stahlstäben ausgesteift, damit sie beim Verladen und Transport nicht auseinanderfallen. Nicht nur Claudia Röder ist froh darüber, dass die Holzhäuser nicht einfach abgerissen werden, sondern einen neuen Platz erhalten. "Es ist schön, dass sie nicht ganz verschwinden und in Sachsen bleiben", sagt die Weißigerin. Das hat sie von den Bauarbeitern gehört.

Zu verdanken ist es zwei Chemnitzer Vereinen. Die Eisenbahnfreunde "Richard Hartmann" und das Sächsische Eisenbahnmuseum haben in Hilbersdorf den Schauplatz Eisenbahn gegründet. Das Museumsgelände war im vergangenen Jahr einer der Gastgeber für die Sächsische Landesausstellung, die die hiesige Industriekultur zum Thema hatte. Und da gehört die Eisenbahn natürlich auch dazu. Erst recht, weil die erste deutsche Fernstreckenverbindung von Leipzig nach Dresden verlief.

Umso schöner ist es für Maximilian Claudius Noack, dem Kurator des Schauplatzes Eisenbahn, dass jetzt zwei historische Bahnsteiggebäude ins Sächsische Eisenbahnmuseum nach Chemnitz-Hilbersdorf kommen. "Solche Bahnsteiggebäude werden immer weniger", sagt der promovierte Kunsthistoriker.

Dr. Maximilian Claudius Noack ist Kurator vom Schauplatz Eisenbahn. So heißt die gemeinsame Ausstellung zweier Chemnitzer Vereine auf dem Gelände des Sächsischen Eisenbahnmuseums in Hilbersdorf. Der Meißner war beim Abbau der Bahnsteiggebäude mit vor Ort.
Dr. Maximilian Claudius Noack ist Kurator vom Schauplatz Eisenbahn. So heißt die gemeinsame Ausstellung zweier Chemnitzer Vereine auf dem Gelände des Sächsischen Eisenbahnmuseums in Hilbersdorf. Der Meißner war beim Abbau der Bahnsteiggebäude mit vor Ort. © Sebastian Schultz

Die beiden Holzhäuser stehen unter Denkmalschutz. "Das ist unser Glück", so Noack. Eigentümer ist die Deutsche Bahn, die zurzeit den Ausbau der ICE-Strecke zwischen Zeithain und Leckwitz vorbereitet. Er soll im September starten. Dann hätten die Bahnsteiggebäude im Wege gestanden. "Die Bahn musste sich deshalb etwas einfallen lassen", erzählt der 48-jährige Meißner.

Über Umwege kam bereits vor drei Jahren die Information zum Sächsischen Eisenbahnmuseum, dass die Bahn die historischen Holzhäuser verschenkt und sowohl den Ab- und Aufbau als auch den Transport bezahlt. Ein Gewinn für alle Beteiligten. Die Bahn ist zwei denkmalgeschützte Hindernisse los und das Museum in Chemnitz-Hilbersdorf um eine Attraktion reicher.

Das kleinere der beiden Gebäude soll sogar wieder an einem Bahnsteig errichtet werden. Denn auf dem Schauplatz-Gelände fahren Lokomotiven auf einer etwa anderthalb Kilometer langen Strecke hin und her. "Wer ein Eisenbahnmuseum besucht, möchte ja schließlich auch Eisenbahn fahren", sagt Noack.

Bereits in den vergangenen Wochen hatte eine Dresdner Firma die Weißiger Bahnsteiggebäude mit Holzbohlen und Stahlstäben versteift, um sie transportfähig zu machen.
Bereits in den vergangenen Wochen hatte eine Dresdner Firma die Weißiger Bahnsteiggebäude mit Holzbohlen und Stahlstäben versteift, um sie transportfähig zu machen. © Jörg Richter

Er verspricht, dass die Weißiger, wenn sie nach Chemnitz kommen, auch ihre Bahnsteiggebäude wiedererkennen. Alle Exponate der Sammlung erhalten ein Schild, auf dem die Herkunft vermerkt ist. Der einstige Bahnhof Weißig, wo früher Reisende ein- und aussteigen konnten und der heute nur noch ein Rangierbahnhof ist, erhält einen würdigen Platz im Sächsischen Eisenbahnmuseum.

Trotz Corona besuchten im vergangenen Jahr mehr als 12.000 Eisenbahnfans das Museum in Chemnitz-Hilbersdorf. An einigen Tagen waren sogar mehr als 500 Besucher da. Am kommenden Wochenende sollte im Schauplatz Eisenbahn die neue Saison beginnen. Die Weißiger Bahnsteiggebäude wären also noch rechtzeitig angekommen. Doch wegen der steigenden Infektionszahlen wurde der Museumsstart erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben.

Am späten Montagabend sind die drei Tieflader in Weißig losgefahren. Ihr Weg verlief über die B 98 bis zur Autobahnauffahrt in Thiendorf und dann weiter auf der A 13 und A 4 bis nach Chemnitz. Am Dienstagmorgen wurden die Bahnsteiggebäude im Sächsischen Eisenbahnmuseum abgeladen.

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