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Corona: Jeder Baumarkt öffnet anders

Der Riesaer Toom hat offen, kursiert am Dienstag ein Gerücht. Es erweist sich als wahr. Offenbar durchschaut kaum noch jemand die Vorschriften.

Beim Toom-Baumarkt im Riesaer Riesapark konnte man schon am Dienstagvormittag ganz normal einkaufen.
Beim Toom-Baumarkt im Riesaer Riesapark konnte man schon am Dienstagvormittag ganz normal einkaufen. © Sebastian Schultz

Riesa. Frühlingszeit, Baumarktzeit. Diese gerade auf dem Land geltende Grundregel wird gerade durch die Corona-Vorschriften auf die Probe gestellt. Noch vergangene Woche durften Baumärkte in Sachsen öffnen. Zumindest die Gartenabteilungen. Oder Kunden konnten zum Abholen vorbestellter Waren vorbeikommen. Dann war damit Schluss: Denn Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) hatte am Dienstag vor einer Woche verlauten lassen, dass Baumärkte "komplett zu" bleiben sollten - mit Verweis auf das Bundesinfektionsschutz-Gesetz.

Eine Woche später sieht schon wieder alles ganz anders aus. Am Dienstagvormittag kursiert in Riesa eine private Facebook-Mitteilung. Toom in Riesa habe offen, heißt es dort - was für viele hochgereckte Daumen als Reaktion sorgt. Ein Riesaer macht sich gleich auf den Weg. Und stößt tatsächlich auf einen regulär geöffneten Markt, bei dem Paletten mit Gartenprodukten vor dem Eingang warten. Aber auch die Regale mit Werkzeug, Holzleisten oder Farbeimern stehen jedem Besucher offen.

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Der Handelshof in Riesa verkauft derzeit nur an Gewerbetreibende.
Der Handelshof in Riesa verkauft derzeit nur an Gewerbetreibende. © Sebastian Schultz

Wie das? Von der für Toom zuständigen Pressestelle der Rewe-Group heißt es auf Anfrage, "Gartenmärkte" dürften gemäß Infektionsschutzgesetz öffnen. "Unsere Gartencenter zählen ebenfalls hierzu." Man halte sich "selbstverständlich" jederzeit an die geltenden Verordnungen der jeweiligen Landkreise oder Kommunen und stehe in regelmäßigem Austausch mit den Behörden.

Bei der Konkurrenz zieht man aus denselben Regeln ganz offenkundig andere Schlüsse. Beim Baustoff- und Werkzeugspezialisten Handelshof, gleich auf der anderen Straßenseite von Toom im Riesapark, gilt schon seit dem ersten Lockdown 2020 die Regel: "Verkauf nur an Handwerker". Daran hat sich auch am Dienstagvormittag nichts geändert, ergibt eine Frage an das Verkaufspersonal.*

Zwei Kilometer weiter, beim Stabilo-Baumarkt am Neubauernweg, bleiben die elektronischen Schiebetüren gleich ganz zu: Ein an die Tür geklebter Aushang weist darauf hin, dass nur das Abholen vorbestellter Waren möglich ist - nach Terminvereinbarung. Auf dem Parkplatz verlieren sich drei Kleinwagen, die offenbar Mitarbeitern gehören. Da kommt noch ein Auto, ein Paar steigt aus, greift zu Mund-Nasen-Maske und Einkaufswagen - und dreht dann frustriert an der Tür um.

Im Riesaer Stabilo-Baumarkt blieben am Dienstagvormittag die Türen zu: Verkauf nur nach Terminvereinbarung, so ein Aushang.
Im Riesaer Stabilo-Baumarkt blieben am Dienstagvormittag die Türen zu: Verkauf nur nach Terminvereinbarung, so ein Aushang. © Sebastian Schultz

Das Riesaer Ordnungsamt, so heißt es auf Anfrage von sächsische.de, habe am vergangenen Freitag neben Toom und Stabilo auch Wreesmann und Tedi direkt kontaktiert und auf die geltende Gesetzeslage hingewiesen. "Daraufhin haben alle erklärt, zu schließen", sagt Rathaus-Sprecher Uwe Päsler. "Nach unserem Kenntnisstand wurde daraufhin nur vorbestellte Ware an Kunden ausgegeben, etwas anderes ist der Verwaltung nicht bekannt."

Da gäbe es aber auch noch ein Schreiben vom Rechts- und Kommunalamt des Landkreises an die Märkte: Demnach sei eine Öffnung möglich, wenn mehr als 50 Prozent des Umsatzes über den sogenannten Grundbedarf entstehe - wobei Gartenbedarf dazugehöre.

"Nachvollziehbar war diese gesamte Regelung weder für die Märkte noch für die Stadtverwaltung und schon gar nicht für die Bürgerinnen und Bürger", sagt Uwe Päsler.

Der Glaubitzer Baustoff-Spezialist hat nach wie vor auch für Privatkunden geöffnet. Man zähle nicht als Baumarkt, sondern als Großmarkt, heißt es zur Erklärung.
Der Glaubitzer Baustoff-Spezialist hat nach wie vor auch für Privatkunden geöffnet. Man zähle nicht als Baumarkt, sondern als Großmarkt, heißt es zur Erklärung. © Sebastian Schultz

Regulär geöffnet für alle Kunden hat am Dienstag dagegen der Baustoff-Fachhändler Paulich in Glaubitz. Dort gibt es Dübel und Schaufeln genauso wie Betonsteine oder Rindenmulch. "Wir sind kein Baumarkt, sondern ein Großmarkt", heißt es zur Erklärung. Und außerdem führe man Heizöl im Sortiment und habe Post-Dienstleistungen - alles Gründe, um auch unter Corona-Regeln auf zu bleiben.

Noch ein paar Kilometer weiter beim Baumarkt Landmaxx in Großenhain geht es auf dem Parkplatz - anders als sonst - recht beschaulich zu. Drei, vier Fahrzeuge fahren aufs Gelände. Die Tür öffnet sich trotz Corona-Kaufeinschränkungen. "Sie hatten telefonisch vorbestellt?" Der Mitarbeiter freut sich über das "Ja" seines Gegenüber. Dem jungen Mann sind spezielle Schrauben für die Dachbefestigung am Gartenhaus ausgegangen. "Hinten links", so der Wegweiser des Landmaxx-Beschäftigten: So bleibt das Einkaufen möglich.

Im Großenhainer Baumarkt Landmaxx wird man vor dem Einkauf gefragt, ob man telefonisch vorbestellt hat.
Im Großenhainer Baumarkt Landmaxx wird man vor dem Einkauf gefragt, ob man telefonisch vorbestellt hat. © Kristin Richter

Beim zuständigen Branchenverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) in Köln wird man am Dienstag mit Anfragen aus ganz Deutschland überrannt. "Hier hat die Politik noch einmal, bevor sich die Lage hoffentlich entspannt, ein großes Chaos ausgelöst", sagt Sprecher Jörn Brüningholt. Nach Wochen der Verwirrung durch regionalspezifische Öffnungsbestimmungen habe die Bundesregierung versucht, die Bestimmungen durch eine Schärfung des Infektionschutzgesetzes zu vereinheitlichen und so nachvollziehbar und verständlich zu machen.

Man müsse allerdings feststellen, "dass dieses Unterfangen nicht nur gescheitert ist, sondern im Gegenteil noch mehr Verwirrung ausgelöst hat", so BHB-Chef Peter O. Wüst.

Das abgeänderte Infektionsschutzgesetz lasse sehr große Interpretationsspielräume zu, die nicht nur von den einzelnen Bundesländern, sondern auch bis in die Ebene lokaler Ordnungsämter stark unterschiedlich ausgelegt würden.

Die Bürger würden sich deshalb eigene Wege suchen - und etwa in angrenzenden Landkreisen in die Märkte strömen. Dabei würden sie genau den Einkaufstourismus schaffen, den die Politik verhindern will. Dabei seien Baumärkte aus infektionstechnischer Sicht kein Problem: Menschen würden Baumärkte zu mehr als 90 Prozent allein und im PKW anfahren. "Wir fordern die Politik dringend auf, bundesweit die unsinnigen Schließungsmaßnahmen zu beenden und einen geregelten, abgesicherten Zugang zu Bau- und Gartenfachmärkten zu ermöglichen", so Wüst. Dadurch würden sich auch die Kundenströme im Lebensmitteleinzelhandel, der seine Nonfood-Sortimente augenblicklich drastisch erweitert habe, entzerren.

Und wie handhabt das nun der Freistaat? Auf Anfragen ans Sozialministerium vom Dienstagvormittag schickt die Pressestelle kurz vor 16 Uhr einen Youtube-Link auf ein 48-minütiges Video der Kabinetts-Pressekonferenz vom Mittag. Gegenüber der Görlitzer SZ hatte der Ministerpräsident schon am Mittag verkündet, dass die Gartenbau-Abteilungen von Baumärkten in Sachsen nun mit Gartenmärkten gleichbehandelt werden sollen - also öffnen dürfen. Das bestätigte schließlich auch Gesundheitsministerin Köpping. Im Riesaer Rathaus hofft man jedenfalls, dass der Freistaat jetzt für bessere Übersichtlichkeit und Eindeutigkeit sorgt. (mit rt)

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*Ergänzung vom 9. Mai: Die Handelshof-Geschäftsführung verweist darauf, von den Behörden nicht als Baumarkt, sondern als "Fachgroßhandel für das örtliche Handwerk" eingestuft zu werden - und deshalb nicht schließen zu müssen.

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