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Was die Pandemie für die Arbeitslosigkeit im Elbland bedeutet

Die Kurzarbeit hat größere Entlassungswellen verhindert - sie kostet allerdings. Gleichzeitig gibt es im Kreis Meißen viele freie Stellen.

Von Christoph Scharf
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Thomas Stamm ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Riesaer Agentur für Arbeit. Der 49-Jährige und seine Kollegen sind für das Gebiet des Landkreises Meißen zuständig.
Thomas Stamm ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Riesaer Agentur für Arbeit. Der 49-Jährige und seine Kollegen sind für das Gebiet des Landkreises Meißen zuständig. © Sebastian Schultz

Riesa. Die Bekämpfung der Corona-Krise kostet: 2021 hatte es bei der Bundesagentur für Arbeit erneut ein großes Defizit gegeben. Der Fehlbetrag belaufe sich auf etwa 22 Milliarden Euro, teilte die Behörde in Nürnberg der Agentur dpa mit. Die endgültige Zahl stehe Mitte Januar fest. 17 Milliarden Euro werde der Bund mit einem Zuschuss decken. Das meiste Geld gab die Arbeitsagentur für Kurzarbeit aus, die in der Pandemie stark ausgeweitet wurde. Wie ist die Situation im Landkreis Meißen? Darüber sprach Sächsische.de mit Thomas Stamm, Chef der Agentur für Arbeit Riesa.

Herr Stamm, laut Medienberichten haben fast zwei Jahre Pandemie die Kassen der Bundesagentur für Arbeit geleert, vor allem wegen der Ausgaben für das Kurzarbeitergeld. Sind Sie damit quasi pleite?

Die Beitragsmittel, die die Bundesagentur für Arbeit vor der Pandemie angespart hatte, sind tatsächlich mittlerweile aufgebraucht. Aber pleite sind wir deshalb nicht! Wenn wir Gelder für Pflichtzahlungen ausgeben und diese nicht mehr haben, springt uns der Bund finanziell bei. Und das Kurzarbeitergeld gehört zu den Pflichtzahlungen. Es wird also weitergehen, auch wenn die Reserven aufgebraucht sind.

Das Jahr 2021 ist vorbei. Wie entwickelt es sich im Kreis Meißen mit der Kurzarbeit?

Seit Mitte November gehen die Kurzarbeitergeld-Anmeldungen wieder stark nach oben. Betroffen sind dabei die Branchen Metall, Elektro, Stahl einerseits, Gastgewerbe und Handel andererseits. Da gibt es aber einen wichtigen Unterschied.

Nämlich?

Handel und Gastgewerbe werden direkt durch die Lockdown-Regelungen geprägt, die der Freistaat erlässt. Beim verarbeitenden Gewerbe hängt es dagegen an den durch die Pandemie unterbrochenen Lieferketten und den Materialengpässen, die sich noch längerfristig auswirken werden. Letzteres betrifft uns schon seit dem Sommer.

Wie war die Entwicklung bei der Kurzarbeit im Landkreis Meißen, wenn man die bisherige Corona-Zeit Revue passieren lässt?

Aussagekräftige Zahlen liegen uns erst bis August 2021 vor. Zunächst war die Zahl im Frühjahr 2020 von knapp über null auf rund 14.000 Kurzarbeiter stark angestiegen, um dann bis zum Oktober 2020 auf unter die Hälfte zurückzugehen. Im Winter 2020/21 stieg die Zahl noch einmal an, blieb aber bei unter 10.000 Betroffenen. Im Sommer ging es dann wieder auf 3.000 Kurzarbeiter zurück. Für den Zeitraum danach haben wir lediglich die Anzeigen, aber noch nicht die Daten über die tatsächlich realisierte Kurzarbeit. Es dürfte aber manche Firmen geben, die schon seit fast 24 Monaten Kurzarbeit haben. Ansonsten wirken sich die jeweils geltenden Pandemie-Regeln deutlich aus.

Inwiefern?

Beim Handel etwa gab es im Mai 2021 noch mehr als 1.000 Kurzarbeiter, einen Monat später nur noch gut 600. Bei körpernahen Dienstleistungen wie Massage, Kosmetik, Friseur ging die Zahl im selben Zeitraum von 839 auf 501 zurück. Über alle Branchen betrachtet, ging im Sommer innerhalb eines Monats die Zahl der Kurzarbeiter von knapp 6.000 auf gut 4.300 zurück. Seinerzeit hatte der Freistaat die Corona-Regeln deutlich gelockert.

© SZ Grafik

Wie steht denn der Kreis Meißen bei der Arbeitslosigkeit im Vergleich zu seinen Nachbarn da?

Mit einer Arbeitslosenquote von 5,5 Prozent im Jahresdurchschnitt liegen wir im Jahr 2021 doch deutlich unter dem sächsischen Durchschnitt von 5,9 Prozent. Das dürfte auch mit den zahlreichen Berufspendlern zu tun haben: Vom Kreis Meißen ist man schnell in Dresden oder Leipzig. Darauf deuten auch die guten Werte im Kreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und vom Erzgebirgskreis hin. Die einen können leicht nach Dresden zur Arbeit pendeln, die anderen sind schnell in Bayern - wo fast Vollbeschäftigung herrscht. Am anderen Ende liegt der Kreis Görlitz mit 7,9 Prozent. Die ohnehin hohe Pendlerquote im Kreis Meißen ist in den vergangenen Jahren übrigens weiter gestiegen. Das hat sicherlich mit dem Wohnungsmarkt zu tun. Die steigenden Preise in den Großstädten machen das Wohnen im Umland attraktiver. Bei der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind wir schon fast wieder auf Vor-Corona-Niveau unterwegs.


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Wie sieht Ihr Ausblick auf das Jahr 2022 aus?

Ohne Corona würde ich sagen: Die Arbeitslosigkeit geht weiter zurück. Wir haben schließlich jede Menge offene Stellen. Das große Aber ist die Pandemie. Wir wissen nicht, wie es sich mit dem Kurzarbeitergeld weiter entwickelt und ob Firmen nicht doch noch aufgeben müssen, wenn Corona vorbei ist. So oder so aber sollten Arbeitgeber die demografische Entwicklung im Auge behalten und langfristig denken - auch wenn das unter den aktuellen Bedingungen schwerfallen mag. Die Qualifizierung der Beschäftigten bleibt wichtig und die Arbeitsagentur hat dafür auch genug Mittel zur Verfügung. Da der von der Schule kommende Fachkräftenachwuchs nicht ausreichen wird, bleibt die Qualifizierung sowohl von Arbeitslosen als auch von Beschäftigten wichtig. Auch die Zuwanderung samt der Rückkehrer spielt eine Rolle, wenn auch im Kreis Meißen keine so große wie anderswo.

Stichwort Berufsanfänger: Die Berufsorientierung dürfte unter den Corona-Maßnahmen ziemlich gelitten haben, oder?

Viel geht auch per Telefon und per Video, aber natürlich nicht alles. Wir sind deshalb sehr froh, dass es mit der großen Ausbildungsmesse am BSZ Riesa im Oktober noch geklappt hat. Es macht schon einen Unterschied, wenn sich Schüler dort mit Lehrlingen austauschen können, die selbst noch Jugendliche sind. Davon abgesehen stehen bei uns die Ansprechpartner in den Startlöchern, um die jungen Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben zu begleiten. Berufsorientierung bleibt ein wichtiger Punkt!

Und wie steht es bei der Zahl der Langzeitarbeitslosen? In Sachsen insgesamt hatte sie recht deutlich zugenommen.

Das gilt auch für den Kreis Meißen: Hier hatten wir 2021 knapp 3.100 Arbeitslose, die länger als ein Jahr ohne Job sind. Das ist ein Plus von 566 zum Jahr davor. Der Großteil der Betroffenen wird allerdings nicht von der Arbeitsagentur, sondern vom Jobcenter betreut. Tatsächlich war das Risiko, arbeitslos zu werden, durch Corona nicht gestiegen - aber das Risiko, arbeitslos zu bleiben. Arbeitgeber stellen in dieser Situation neue Leute sehr zurückhaltend ein. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Gesamtarbeitslosigkeit im Dezember 2021 geringer war als im Dezember 2019, kurz vor Corona. Die Zahl der Arbeitslosen ist um rund 200 auf 6.200 zurückgegangen. Gleichzeitig haben wir aktuell fast 2.700 offene Stellen. Das ist eine sehr ordentliche Zahl - so viel wie nie seit 2018.