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Klimafreundlicher Stahl aus Sachsen?

Der Freistaat will Standort für eine CO2-neutrale Stahlproduktion werden. Mit dabei: Riesa, Gröditz und Zeithain.

Das braucht viel Energie: Im Mannesmannröhren-Werk in Zeithain schießt ein Dorn ein Loch in einen glühenden Stahlblock. Drei von vier sächsischen Stahlwerken stehen in der Region Riesa.
Das braucht viel Energie: Im Mannesmannröhren-Werk in Zeithain schießt ein Dorn ein Loch in einen glühenden Stahlblock. Drei von vier sächsischen Stahlwerken stehen in der Region Riesa. © Andreas Weihs

Riesa/Dresden. Auf 1.600 Grad wird die Schrottmischung erhitzt, aus der bei Feralpi Riesa neuer Stahl geschmolzen wird. Wer einmal den Lichtbogen im Stahlwerk gesehen und das Tosen erlebt hat, vergisst das so schnell nicht wieder. Mehr Strom als das Gröbaer Werk verbraucht niemand in der Region. Ähnlich große Abnehmer sind das Mannesmannröhren-Werk in Zeithain und die Schmiedewerke in Gröditz: drei der vier sächsischen Stahlwerke stehen im Altkreis. Komplettiert wird das Quartett vom Edelstahlwerk in Freital.

Alle vier Unternehmen stehen wie die gesamte Stahlindustrie vor großen Herausforderungen: Der Freistaat verweist auf weltweite Überkapazitäten, Protektionismus, Wettbewerbsverzerrungen und die Folgen des Strukturwandels in der Automobilindustrie.

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Nicht leichter wird die Lage durch die  klimapolitischen Zielstellungen von EU und Bundesregierung: Der Industriezweig stelle sich der Aufgabe, bis 2030 CO2-ärmeren und bis 2050 gänzlich CO2-neutralen Stahl zu erzeugen, teilte das Dresdner Wirtschaftsministerium am Mittwoch mit. "Allein dafür werden Investitionen von rund 30 Milliarden Euro erforderlich sein", heißt es. Die Covid-19-Pandemie verschärfe die angespannte Situation. 

Das ist der Hintergrund für den 2. Sächsischen Stahlgipfel, für den Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) am 11. November eingeladen hatte. "Die Transformation hin zu einer klimafreundlichen, CO2-neutralen Wirtschaft gelingt nur mit der Stahlindustrie", so Dulig. Wegen der Corona-Beschränkungen fand der Gipfel als Videokonferenz statt – mit Vertretern der vier sächsischen Stahlwerke, der IG Metall und der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die Teilnehmer hätten sich auf ein Positionspapier einigen können – unter dem Titel: "Sachsen will Standort für klimaneutrale Stahlproduktion werden".

Bei den Elbe-Stahlwerken von Feralpi in Riesa setzt man bereits auf umweltfreundliche Technologien - und bleibt dennoch der mit Abstand größte Stromabnehmer der Stadt.
Bei den Elbe-Stahlwerken von Feralpi in Riesa setzt man bereits auf umweltfreundliche Technologien - und bleibt dennoch der mit Abstand größte Stromabnehmer der Stadt. © Sebastian Schultz

"Die hiesige Stahlindustrie ist ein wichtiger Pfeiler des Industriestandorts Sachsen. Sie muss wettbewerbsfähig bleiben", sagt Dulig. Sachsen begrüße das Handlungskonzept Stahl der Bundesregierung, das Chancengleichheit auf dem globalen Stahlmarkt fordert. Die Elektrostahlproduktion sei ein wichtiger Bestandteil einer klimafreundlichen Stahlwirtschaft. "Als Elektrostahlland könnte Sachsen sogar relativ schnell ein Standort für grüne und nachhaltige Stahlproduktion werden", teilt das Wirtschaftsministerium mit.

Bei der Gewerkschaft richtet man den Fokus auf die Arbeitsplätze. "Die Ausrichtung auf eine klimaneutrale Stahlproduktion ist der absolut richtige Ansatz, denn dies sichert strategisch Arbeitsplätze", sagt Birgit Dietze, Bezirksleiterin der IG Metall. "Die Facharbeiterbelegschaften der Stahlwerke sind hervorragend ausgebildet, beherrschen die Prozesse und verfügen über das erforderliche Potenzial, den Strukturwandel in den Werken aktiv mit zu gestalten."

Der Wirtschaftsvereinigung Stahl als Branchenverband ist vor allem wichtig, dass die Strompreise in Deutschland international wettbewerbsfähig bleiben. Die schrottbasierte Elektrostahlproduktion leiste durch ihre nachhaltigen Produkte und eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft schon heute einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung. Umso wichtiger seien politische Rahmenbedingungen, die international wettbewerbsfähige Strom- und Energiepreise sichern.

Die Schmiedewerke in Gröditz gehören zur GMH-Gruppe und liefern weltweit Spezialprodukte aus Stahl.
Die Schmiedewerke in Gröditz gehören zur GMH-Gruppe und liefern weltweit Spezialprodukte aus Stahl. © Lutz Weidler

Im nun verabschiedeten Positionspapier werden Bundesregierung und EU-Kommission aufgefordert, sich für faire Wettbewerbsbedingungen einzusetzen. Dabei geht es etwa um eine freie Zuteilung von Zertifikaten im Rahmen des Emissionshandels, um angemessene Kompensationen für unterschiedliche Strompreise, um Fördergelder zur Transformation der Stahlindustrie – und um Schutzmaßnahmen der EU im Außenhandel.

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"Elektrostahlwerke, so auch die drei sächsischen Elektrostahlwerke, tragen durch das Recycling von Stahlschrott bereits jetzt erheblich zu CO2-Minderungen und einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft bei", heißt es im Positionspapier. Beim Einsatz von erneuerbaren Energien könnten die sächsischen Stahlwerke schon heute so gut wie CO2-neutral produzieren. Dafür müsse es aber genug wettbewerbsfähigen "grünen" Strom  geben – und künftig auch grünen Wasserstoff. "Hierfür braucht es schlüssige Rahmenbedingungen und eine finanzielle Förderung, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit gewahrt bleibt", heißt es weiter.  Der Einsatz von Erdgas bleibe dabei aber eine unverzichtbare Brückentechnologie, die nicht verteuert werden dürfe.

Etwa 11.400 Menschen sind insgesamt in der Metallerzeugung und -bearbeitung im Freistaat tätig.

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