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"Noch keine größeren Entlassungswellen"

Die Corona-Pandemie wirkt sich zunehmend auf den Arbeitsmarkt aus. Ein Gespräch mit dem Riesaer Agenturchef Thomas Stamm.

Thomas Stamm ist seit 2020 Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Riesa. Die ist für den kompletten Landkreis Meißen zuständig.
Thomas Stamm ist seit 2020 Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Riesa. Die ist für den kompletten Landkreis Meißen zuständig. © Sebastian Schultz

Riesa. Herr Stamm, Sie sind kurz nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 als neuer Chef der Arbeitsagentur Riesa gestartet. Sind Sie bislang gesund durch die Krise gekommen?

Diese Frage kann ich zum Glück mit einem Ja beantworten.

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In den vergangenen Jahren war die Arbeitslosigkeit in der Region kontinuierlich gesunken. Damit dürfte es nun vorbei sein, oder?

Die Corona-Pandemie hat auf dem regionalen Arbeitsmarkt deutliche Spuren hinterlassen. Die Kurzarbeit sichert weiterhin Beschäftigung und verhindert eine höhere Arbeitslosigkeit. Im Landkreis Meißen waren im Jahr 2020 im Jahresdurchschnitt 7.211 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet. Im Vergleich zu 2019 sind das 521 Personen beziehungsweise 7,8 Prozent mehr. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote nahm um 0,4 auf 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Mit 7.552 Arbeitslosen wurde im August die höchste Arbeitslosigkeit verzeichnet, während sie im März – vor Beginn der Corona-Pandemie – mit 6.693 Personen am Geringsten war.

Wie wirken sich die Folgen der Corona-Maßnahmen auf dem regionalen Arbeitsmarkt aus: Welche Branchen sind am meisten von Kurzarbeit und Entlassungen betroffen?

Im Juni 2020 haben 1.135 Betriebe für insgesamt 10.297 Personen Kurzarbeitergeld erhalten. Die Top 3 der von Kurzarbeit betroffenen Wirtschaftsbereiche waren nach Anzahl der Personen der Großhandel (ohne Kfz-Handel) mit 1.069 Personen in 52 Betrieben, der Maschinenbau mit 826 Personen in 24 Betrieben und die Gastronomie mit 782 Personen in 145 Betrieben. Da die Unternehmen für die Abrechnung der realisierten Kurzarbeit drei Monate Zeit haben, liegen uns noch keine aktuelleren, detaillierten Auswertungen vor. Aus unseren Hochrechnungen wissen wir aber, dass die Inanspruchnahme in den Sommermonaten weiter zurückgegangen ist. Erst seit dem erneuten Lockdown im November nehmen die Anzeigen zur Kurzarbeit wieder deutlich zu. Erfreulich ist, dass wir bisher noch keine größeren, Corona-bedingten Entlassungswellen verzeichnen mussten. Jedoch sind die Unternehmen spürbar zurückhaltender bei Neueinstellungen.

Gab es denn jemals zuvor so ein Ausmaß von Kurzarbeit wie jetzt?

Der Höchststand an Kurzarbeitern seit Januar 2009 war mit 14.396 Personen im April 2020. In den Jahren 1990/1991 waren noch mehr Arbeitnehmer von Kurzarbeit betroffen, aber diese wirtschaftlichen Situationen lassen sich so nicht vergleichen.

Lässt sich das von den Unternehmen noch lange durchhalten?

Ein größerer Arbeitsplatzabbau konnte bisher durch das Kurzarbeitergeld sowie die Förderprogramme von Bund und Land verhindert werden. Aus unseren Unternehmensgesprächen wissen wir aber, dass die Lage zunehmend angespannter wird.

Neben Corona gibt es ja noch andere Entwicklungen, die sich auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen dürften – etwa der Trend weg vom „klassischen“ Verbrenner-Pkw. So hatte jetzt etwa Neways als Automobil-Zulieferer angekündigt, in Riesa fast 200 Stellen zu streichen. Wie stehen die Chancen für Betroffene, neue Jobs in der Region zu finden?

Trotz der Einschränkungen in einigen Branchen haben viele Betriebe weiterhin Personalbedarf, und es herrscht eine hohe Dynamik auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitsvermittler in unserem Arbeitgeber-Service akquirierten im Jahresverlauf 5.240 neu zu besetzende Arbeitsstellen von den Unternehmen in der Region, darunter 5.214 sozialversicherungspflichtige Stellen. Im Bereich der sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, im verarbeitenden Gewerbe sowie im Gesundheits- und Sozialwesen setzte sich die hohe Nachfrage nach Personal auch im Jahr 2020 fort. Ebenso bestand im Handel ein großer Bedarf an Arbeitskräften.

Manche Branche gilt ja auch als „Gewinner“ des Lockdowns, Lieferdienste etwa. Merkt man davon auch etwas in der Agentur Riesa?

Zum 30. Juni 2020 waren 88.650 Personen im Landkreis Meißen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Mit einem Minus von 1.735 Personen beziehungsweise – 1,9 Prozent zum 30. Juni 2019 wurde der kontinuierliche Beschäftigungsanstieg der Vorjahre gestoppt. Einen Zuwachs gab es jedoch im Bereich Verkehr und Lager mit 107 Personen – das sind die angesprochenen Lieferdienste, in der öffentlichen Verwaltung mit 96 Personen sowie im Gesundheitswesen mit 74 Personen. Beschäftigungsrückgänge waren dagegen im verarbeitenden Gewerbe, in der Arbeitnehmerüberlassung sowie im Gastgewerbe zu verzeichnen.

Der Sitz der Arbeitsagentur an der Riesaer Breitscheidstraße.
Der Sitz der Arbeitsagentur an der Riesaer Breitscheidstraße. © Sebastian Schultz

Wie hat sich die Pandemie auf die Arbeitsweise in Ihrer Behörde ausgewirkt? Gab es größere Ausfälle unter den Mitarbeitern?

Wir haben unser Serviceangebot im herausfordernden Jahr 2020 flexibel angepasst und unsere Arbeitsprozesse den jeweils aktuellen Aufgabenschwerpunkten angeglichen. Die Leistungsgewährung sowie die telefonische Erreichbarkeit hatten und haben oberste Priorität. Ebenso stehen die Vermittlung in systemrelevante Bereiche und die Begleitung Jugendlicher bei ihrem Start in die Ausbildung im Fokus. Der Gesundheitsschutz unserer Mitarbeiter und Kunden hat einen hohen Stellenwert, und dadurch konnten wir bisher größere Ausfälle in der Belegschaft verhindern. Die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, ist in der Bundesagentur für Arbeit schon seit Längerem möglich. Seit März nutzen wir dies verstärkter im Sinne von Flexibilität und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Vermeidung von Kontakten.

Wie sieht das tägliche Prozedere jetzt in der Agentur aus? Bekomme ich als Kunde noch einen „echten“ Ansprechpartner?

Wir verlagerten unser Beratungsgeschäft auf Telefon und Online-Angebote. Bundesweit sicherten statt 4.000 in diesem Jahr bis zu 18.000 Beschäftigte die telefonische Beratung. Seit März haben wir die regionale Servicerufnummer 03525 711250 geschaltet, die durch die Kollegen der Riesaer Arbeitsagentur betreut wird. Unsere Berater und Vermittler stehen telefonisch mit ihren Kunden in Kontakt. Zusätzlich wurde das Online-Angebot binnen kurzer Zeit weiter ausgebaut, so dass viele Anliegen auch auf diesem Weg erledigt werden können.

Wie beraten Sie jetzt Berufsanfänger oder Interessenten, die sich neu orientieren wollen?

Unsere Berufsberater waren seit dem Sommer bis Ende Oktober in den Schulen, um persönlich zu beraten. Seit November steht die telefonische Beratung nun wieder an erster Stelle und wird ergänzt durch Videotelefonie und persönliche Beratung im notwendigen Einzelfall.

Was ist Ihre Prognose für die Arbeitslosenquote in der Region am Ende des Jahres 2021?

Aktuell kann ich keine verlässliche Prognose für die Arbeitsmarktentwicklung im Jahr 2021 abgeben. Die weitere Entwicklung ist vom Pandemiegeschehen abhängig. Ich weiß aber, dass Sie eine Zahl hören wollen. Meine Prognose ist daher eine Fünf vor dem Komma, und die Zahl dahinter darf gern niedrig sein.

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