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Unterstützung für Riesas Nudelhersteller

Nach dem Bruch mit Kaufland bieten Politiker den Teigwaren Hilfe an. Doch die wünschen sich etwas ganz anderes.

Claudia Pigors ist Betriebsleiterin im Nudelcenter der Teigwaren Riesa. Ob der Werkverkauf von der Auslistung bei Kaufland profitiert, ist offen. Dem Bauchgefühl nach steigt aber die Nachfrage im Onlineshop des Unternehmens.
Claudia Pigors ist Betriebsleiterin im Nudelcenter der Teigwaren Riesa. Ob der Werkverkauf von der Auslistung bei Kaufland profitiert, ist offen. Dem Bauchgefühl nach steigt aber die Nachfrage im Onlineshop des Unternehmens. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Die Mitarbeiter der Teigwaren Riesa müssen in diesen Tagen mehr Zuschriften und Anrufe beantworten, als üblich. Zuletzt gehen fast täglich Nachrichten am Unternehmenssitz an der Merzdorfer Straße ein. Man versuche, alle davon zu beantworten, sagt Teigwaren-Geschäftsführer Mike Hennig.

Hennig und die anderen Mitarbeiter dürften sich vor allem über den Zuspruch freuen, den sie in den vergangenen Tagen von ihren Kunden bekommen haben. Vor knapp zwei Wochen hatten die Teigwaren gegenüber sächsische.de bestätigt, dass der Handelsriese Kaufland momentan nicht mehr mit Riesaer Nudeln beliefert wird. Ein halbes Jahr lang habe man verhandelt, sagt Mike Hennig. Eine Einigung auf einen neuen Lieferpreis blieb aber aus. Im Kaufland-Regal liegen seither nur noch Restbestände aus.

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Während bei den Teigwaren eher Treuebekenntnisse und ermutigende Nachrichten ankommen, entlud sich in den sozialen Netzwerken der Frust - von der Aufforderung, die Nudeln aus Riesa schnell wieder ins Regal zu nehmen, bis hin zu Boykottaufrufen. Das rief schließlich auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf den Plan. Sie kritisierte in einem offenen Brief die Marktmacht der großen Lebensmitteleinzelhändler - und forderte Politiker dazu auf, etwas dagegen zu tun.

Auch der Arbeitskampf hatte Folgen

Nach der Linke-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann, die Kaufland zu einer Kurskorrektur aufforderte, schrieb der AfD-Landtagsabgeordnete Carsten Hütter, man betreibe "Preisdumping auf dem Rücken einer Riesaer Traditionsfirma". Das widerspreche dem vom Händler gepflegten Image eines Unternehmens, dessen Herz für regionale Produkte schlägt. Ähnlich äußert sich der CDU-Bundestagskandidat Sebastian Fischer. "Die Riesaer Teigwaren sind qualitativ hochwertig, man bezieht die Rohstoffe komplett aus Deutschland, was wenig Transport- und Energieaufwand bedeutet. Die heimische Landwirtschaft mit ihrer gesunden Hartweizenerzeugung wird gestärkt, die Eier kommen aus Deutschland, der Grieß wird in der Dresdner Mühle hergestellt." Auch Fischer fordert Kaufland dazu auf, die Auslistung zu überdenken.

Die Bundestagsabgeordneten Thomas de Maizière (CDU) und Susan Rüthrich (SPD) drücken ebenfalls ihr Bedauern über die Auslistung aus. Während der CDU-Mann seine Unterstützung zusagt, er habe dazu schon kurz mit dem Unternehmen Kontakt aufgenommen und Hilfe angeboten, weist Rüthrich darauf hin, dass sich die Teigwaren-Mitarbeiter erst vor wenigen Monaten einen Tarifvertrag erkämpft hatten. Das Vorgehen von Kaufland gefährde Arbeitsplätze, "für die gerade erst gute tarifliche Bedingungen erkämpft worden sind. Das finde ich besonders bitter."

2019 war bei den Teigwaren in Riesa mehrfach gestreikt worden, am Ende stand ein Lohnplus im zweistelligen Bereich. Die Lohnkosten stehen laut Mike Hennig bei der Nudelherstellung an zweiter Stelle, nach den Preisen für die Rohstoffe. Natürlich habe auch der vorangegangene Arbeitskampf letztendlich eine Rolle gespielt, als das Unternehmen mit neuen Lieferpreisen in die jährlichen Verhandlungen trat. Dort erzielte der regionale Marktführer aber mit jedem Händler eine Einigung - außer eben mit Kaufland.

Die Unternehmensleitung hofft nun, dass in der nächsten Tarifrunde die Forderungen kleiner ausfallen. Derzeit werde seitens der NGG eine Lohnerhöhung von knapp 30 Prozent gefordert, sagt Hennig. "Das würde uns wahrscheinlich in die Insolvenz treiben." Denn als Lieferant können die Riesaer den Verkaufspreis für ihre Nudeln nicht selbst festlegen. Im Zweifel nimmt der Einzelhändler sie einfach aus dem Sortiment, wie zuletzt Kaufland. Da ist es nahezu egal, ob der Kunde aus Sachsen auch bereit wäre, mehr als einen Euro für die Packung Riesa-Nudeln zu zahlen, argumentiert der Teigwaren-Geschäftsführer. Die NGG kündigt auf Nachfrage an, man werde sich davon nicht beeindrucken lassen. "So etwas darf uns nicht ausbremsen", sagt Gewerkschafter Thomas Lißner. "Eine Auslistung kann immer passieren. Man muss aber auch sehen, was die Teigwaren-Mitarbeiter im vergangenen Jahr geleistet haben." Von politischer Seite könne man das Verhalten der Händler schon beeinflussen, indem man etwa Fördermaßnahmen genauer prüfe und deren Gebaren öffentlich mache.

Teigwaren wollen keine politische Einmischung

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst hält eine politische Einmischung dagegen nicht für nötig. In einer Marktwirtschaft entscheide die Politik nicht über Produkte im Supermarktregal oder über Preise. "Letztendlich haben die Kunden die Macht: Durch ihr Nachfrageverhalten entscheiden sie, welche Produkte sich gut verkaufen." Das Interesse an regionalen Produkten nehme zu, er begrüße, dass sich mehr regionale Waren in den Regalen befinden. Sollten Supermarktketten ihre Einkaufsmacht missbrauchen, biete das Wettbewerbsrecht Instrumente dagegen.

Der Teigwaren-Geschäftsführer sieht das ähnlich, wird sogar noch etwas deutlicher. "Wir wollen nicht, dass die Politik sich einmischt." Wenn überhaupt, dann sei das Kartellamt gefragt, zu große Konzentrationen zu verhindern. Abgesehen davon, handle es sich aber um normales marktwirtschaftliches Gebaren, erklärt Mike Hennig. Zu den nächsten Jahresgesprächen im August werde man sich wieder zusammensetzen, auch mit Kaufland, und sehen, ob sich dann eine Einigung erzielen lässt.

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Vielmehr hofft der Nudelproduzent darauf, dass die Kunden mit den Füßen abstimmen - und die regional produzierten Nudeln einfach bei der Konkurrenz kaufen. Oder im hauseigenen Nudelcenter. Dort ist es noch zu früh, um einen Trend festzustellen. "Aber wir bemerken schon, dass öfter Nachfragen zu unserem Onlineshop kommen", sagt dessen Betriebsleiterin Claudia Pigors.

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