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Unterwegs mit dem Erntekapitän im Elbland

Auf den Feldern herrscht Hochbetrieb. Dabei kommt es auf jede Stunde an.

Ernte am Dorfrand: Die Felder reichen in Kreinitz bis an die Wohngrundstücke ran. Da geht es bei der Ernte schon mal staubig zu.
Ernte am Dorfrand: Die Felder reichen in Kreinitz bis an die Wohngrundstücke ran. Da geht es bei der Ernte schon mal staubig zu. © Lutz Weidler

Kreinitz. Ist das ein Feldbrand oder ganz normale Ernte? Das kann man derzeit auf den Feldern des Elblands schon verwechseln: Die dunklen Staubwolken sind schon von weitem zu sehen. Aber das gehört dazu, wenn der Mähdrescher seine Schneisen in das Weizenfeld zieht, die fast acht Meter breite rote Haspel das Getreide aufrichtet, die Förderschnecke die Ähren in den Bauch der Maschine befördert.

Es ist seit Tagen trocken. Und das findet Philipp Dittmann auch gut so. "Jeder starke Regen jetzt würde die Qualität des Weizens verschlechtern", sagt der 24-Jährige am Steuer des weiß-grünen Mähdreschers. Um acht Uhr früh hat er am Freitag mit seinen Kollegen vom Agrarbetrieb Milchproduktion Kreinitz angefangen. Und das wird auch noch bis 22 Uhr so weitergehen. "Wir fahren so lange, bis es nicht mehr geht", sagt der Agrarwirt.

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Philipp Dittmann steuert den Mähdrescher. Der ist derzeit zwölf bis 14 Stunden am Tag unterwegs.
Philipp Dittmann steuert den Mähdrescher. Der ist derzeit zwölf bis 14 Stunden am Tag unterwegs. © Lutz Weidler

In der Landwirtschaft bestimmt nicht die Uhr den Tagesablauf, sondern das Wetter. Wenn Erntezeit ist, gibt es erst dann Feierabend, wenn das Korn abends zu feucht ist, um im Mähdrescher zu landen. Das wäre schlecht für die Qualität. Und auf die kommt es an. Schließlich soll der Weizen nicht geschrotet als Futter für die 800 Kühe enden, die gleich nebenan am Kreinitzer Ortsrand in ihren Ställen gerade Grünfutter kauen. "Für die Kühe bauen wir Gerste und Roggen an. Den Weizen wollen wir eigentlich als Qualitätsweizen verkaufen", sagt Dittmann. Und deshalb sitzt er genauso wie all die anderen Landwirte derzeit den ganzen Tag auf dem Fahrersitz. Gut gefedert ist der, so dass die Vibrationen der Maschine nur gedämpft wahrzunehmen sind. Und die klimatisierte Kabine lässt auch den Lärm von draußen kaum herein, den Staub und die Wärme sowieso nicht.

Routiniert dreht Philipp Dittmann mit der Linken das kleine Lenkrad mehrfach um die eigene Achse, um die Maschine am Rand des Felds zu wenden. Die Rechte bedient einen Joystick, mit dem sich die vorn angebrachte Technik steuern lässt. Ein Bildschirm zeigt wie auf einem Fabrik-Leitstand schematisiert, was sich hinter ihm im Mähdrescher tut.

Die Störche sind bei jeder Ernte dabei: Sie hoffen darauf, Kleintiere zu erbeuten.
Die Störche sind bei jeder Ernte dabei: Sie hoffen darauf, Kleintiere zu erbeuten. © Lutz Weidler

Währenddessen haben sich längst ein halbes Dutzend große Vögel eingefunden: Rotmilane kreisen im Tiefflug um den Mähdrescher, Störche segeln, um dann langsam durch den Weizen zu stolzieren. "Die warten auf Grashüpfer oder Mäuse, die neugierig aus den Löchern schauen", sagt der Fahrer. Es gibt Tage, da versammeln sich 18 Störche gleichzeitig um die Erntefahrzeuge. Offenbar wissen sie genau, dass es was zu holen gibt, wenn irgendwo große Staubwolken über den Feldern auftauchen.

Andere freuen sich weniger darüber. Die Bewohner der Eigenheime etwa, die in Kreinitz direkt an das Weizenfeld grenzen. Da zieht der Staub dann auch in den Pool im Kleingarten. Und da wächst mancher Kürbis noch hinter dem Gartenzaun in das Getreide hinein. So gut es geht, kurvt Philipp Dittmann mit der tonnenschweren Maschine um die Pflanzen herum. Er will nichts Fremdes in den Bunker bekommen – aber auch keinen Weizenhalm unnötig stehen lassen. "Unschön ist es, wenn manche Leute ihren Kompost einfach auf dem Feld abladen", sagt er. Das verstopfe dann das Schneidwerk. Aber schimpfen will er nicht. "Wir wollen ja klarkommen miteinander."

Die Ernte muss ins Lager - das geht nicht ohne Traktor samt Hänger.
Die Ernte muss ins Lager - das geht nicht ohne Traktor samt Hänger. © Lutz Weidler

Die Milchviehanlage am Kreinitzer Ortsrand prägt schon seit Jahrzehnten das Dorf. Beim Elbehochwasser 2013 war der Ort komplett von Wasser eingeschlossen, Hubschrauber flogen Sandsäcke ein, um die Rinderställe zu schützen. Die gestressten Tiere gaben noch lange danach weniger Milch, als üblich. Mittlerweile gehört das Unternehmen Sander Hendriks, einem Holländer, der auch in Zeitz einen Milchviehbetrieb leitet. Der neue Chef hat gerade Bürotag in Kreinitz, fährt aber auch selbst mit auf die Felder, wenn es nötig ist.

Die liegen nicht alle gleich um die Ecke, wie das Weizenfeld, auf dem gerade der Mähdrescher seine Geraden zieht. Manche sind 15 Kilometer entfernt. Wenn da der Mähdrescher mit Tempo 32 hinfährt, braucht er seine Zeit. Genauso wie die Traktoren mit Hängern, Sprühtechnik oder Güllefässern. Das kostet Arbeitszeit, Diesel – und auch Nerven. Manche Autofahrer drängeln oder schneiden einen beim Überholen, stellen die Traktor- oder Mähdrescherfahrer fest. Schöner wäre gegenseitige Rücksichtnahme.

800 Kühe gehören insgesamt zur Kreinitzer Milchviehanlage.
800 Kühe gehören insgesamt zur Kreinitzer Milchviehanlage. © Lutz Weidler

Um die Wege zum Vorteil aller zu verkürzen, bemüht Sander Hendriks sich mit benachbarten Agrarbetrieben, Flächen zu tauschen: Früher waren sich die Traktoren der verschiedenen Unternehmen noch mehrmals täglich auf den Straßen begegnet, weil der eine hier und der andere dort sein Feld bestellen musste. Manchmal klappt der Tausch, manchmal nicht.

"Aber es wäre schön, wenn die Leute Verständnis für die Landwirtschaft hätten", sagt der Geschäftsführer. Ohnehin sei es merkwürdig, dass die Preise für Lebensmittel in Deutschland so extrem gering seien. Und wie viel Essen weggeschmissen würde.

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Die Milch der Kreinitzer Kühe geht nach Jessen, zwischen Torgau und Jüterbog. Dort wird sie zu Käse verarbeitet, Mozzarella etwa. Der Weizen, den Philipp Dittmann gerade erntet, landet erst einmal in der Lagerhalle nebenan. Er wird verkauft, wenn der Preis günstig steht. Der 24-Jährige selbst schaut auf die Uhr: "Die Zeit sitzt uns im Nacken." Zweieinhalb Stunden hat er für das knapp sechs Hektar große Feld eingeplant. Mehr als 90 Hektar stehen aber noch auf den Feldern. Sonntagabend soll alles drin sein: Dann ist Regen angesagt.

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