merken
PLUS Riesa

Wie lassen sich Lehrlinge im Landkreis halten?

Noch immer sind Hunderte Lehrstellen im Elbland unbesetzt. Eine Aktion in Stauchitz denkt schon weiter.

Wird jetzt an die Schüler im Landkreis verteilt: Der Lehrstellenkompass für den Kreis Meißen. Als erste erhielten ihn die Zehntklässler der Stauchitzer Oberschule, im Bild Josi, Laura, Tabea und Amanda (v.l.).
Wird jetzt an die Schüler im Landkreis verteilt: Der Lehrstellenkompass für den Kreis Meißen. Als erste erhielten ihn die Zehntklässler der Stauchitzer Oberschule, im Bild Josi, Laura, Tabea und Amanda (v.l.). © Klaus-Dieter Brühl

Stauchitz. Die Dresdner Arbeitsagentur lädt Jugendliche zum Riesenrad-Fahren ein, in Stauchitz besucht der Chef der Riesaer Arbeitsagentur eine Oberschule. Das Ziel ist bei beiden Aktionen dasselbe: Sie wollen Jugendliche und passende Ausbildungsplätze zusammenbringen. Während in Dresden Firmenvertreter und Schulabgänger zu Kennenlerngesprächen in die Gondeln kletterten, denkt man an der Stauchitzer Oberschule schon ein Jahr weiter - an die Abgänger des Folgejahres.

"Schön wäre es, euch in der Region zu behalten", sagt Jens-Torsten Jacob zu den rund 40 Zehntklässlern. Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Meißen hat zu dem Termin in Stauchitz eingeladen, um gemeinsam mit Vertretern von Handwerkerschaft, IHK, Jobcenter, Arbeitsagentur den neuen Lehrstellenkompass zu präsentieren.

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

"Wer von euch weiß denn schon, was er werden will?", fragt Jacob. Eher zaghaft meldet sich ein knappes Drittel der Schüler. Lokführer, Mechatroniker, Landwirt werden als Wunschberuf genannt. Die Frage nach dem Wunschberuf zu beantworten, fällt Jugendlichen in Zeiten von Corona-Beschränkungen noch deutlich schwerer als sonst: Schulpraktika und Ausbildungsmessen fielen aus. Und auch in der Stauchitzer Oberschule gab es zwangsweise Einschränkungen beim Schulbetrieb und bei der sonst sehr ausführlichen Berufsorientierung.

Eine, die die Frage nach dem Wunschberuf hinter sich hat, sitzt mit im Podium: Stefanie Schütz hat erst vor wenigen Tagen ihre Zeugnisse und ihren Gesellenbrief erhalten. Bei der Riesaer Bäckerei Brade hat sie eine Lehre zur Bäckereifachverkäuferin absolviert. "Erst hatte ich befürchtet, dass der Beruf vielleicht langweilig wird", sagt die 19-Jährige. "Aber tatsächlich ist jeder Tag auf Arbeit anders." Man lerne hinter dem Tresen ständig neue Leute kennen, dazu komme auch mal ein Schwatz mit Stammkunden.

Stefanie Schütz erzählt Schülern von ihren Erfahrungen bei der Ausbildung in der Bäckerei Brade.
Stefanie Schütz erzählt Schülern von ihren Erfahrungen bei der Ausbildung in der Bäckerei Brade. © Klaus-Dieter Brühl

Eigentlich wollte Stefanie Schütz Drogistin lernen, das hatte aber nicht geklappt. Der Bruder als Bäckermeister gab den Ausschlag für die Alternative: "Mit dem backe ich hobbymäßig. So habe ich das Hobby quasi zum Beruf gemacht", sagt die frisch ausgelernte Verkäuferin, die aus einem Ortsteil von Bad Liebenwerda stammt.

Der Einstellungstest sei mittelschwer gewesen, erklärt sie den Zehntklässlern vor ihr. Auch Rechnen, Allgemeinbildung, Grammatik seien dabei gewesen. "Wenn man für die Kunden ein Angebot an die Tafel schreibt, möchte schon alles stimmen."

Die künftigen Absolventen haben jedenfalls die Wahl: Barbara Jonas von der IHK Dresden verweist auf mehrere Hundert freie Ausbildungsplätze in der Lehrstellenbörse. Kreishandwerksmeister Peter Liebe ergänzt, dass im Kreis Meißen noch mehr als 150 Lehrstellen im Handwerk frei seien: "Ob Metall- oder Holzberufe, Fleischer, Bäcker, Koch - es wird querbeet gesucht", sagt der Bäckermeister aus Nossen. Seinen eigenen Arbeitstag hat er beim Vormittagstermin in Stauchitz schon fast hinter sich: Wie jeden Tag ist er früh um eins aufgestanden und stand bis gegen neun in der Backstube.

Ganz so früh muss die frisch ausgelernte Bäckereifachverkäuferin nicht aufstehen. Aber zur Frühschicht geht es morgens halb fünf los: Wenn die Filiale um 6 Uhr aufmacht, muss schon alles eingeräumt und vorbereitet sein. Gelernt hat die junge Frau im Brade-Firmensitz an der Nossener Straße, dazu kamen Einsätze in fast allen der knapp 20 Filialen des Bäckers. Jetzt ist sie erstmal als Springer in den Riesaer Filialen im Einsatz.

Ein Blick ins Podium (v.l.): Bäckereifachverkäuferin Stefanie Schütz, Jobcenter-Chefin Susann Lenz, Kreishandwerksmeister Peter Liebe, Barbara Jonas von der IHK Dresden, Thomas Stamm, Chef der Arbeitsagentur Riesa
Ein Blick ins Podium (v.l.): Bäckereifachverkäuferin Stefanie Schütz, Jobcenter-Chefin Susann Lenz, Kreishandwerksmeister Peter Liebe, Barbara Jonas von der IHK Dresden, Thomas Stamm, Chef der Arbeitsagentur Riesa © Klaus-Dieter Brühl

Ist das auch ein Beruf für die Stauchitzer Zehntklässler? Ein Mantra wiederholen alle, die im Podium sitzen - ob von Kreishandwerkerschaft, IHK, Jobcenter oder Arbeitsagentur: Die Schüler sollten Praktika machen oder Ferienarbeit, um rechtzeitig herauszufinden, ob der Beruf tatsächlich passt. "Wenn der Praktikumsvertrag erst abgeschlossen und die Probezeit vorbei ist, muss man es drei Jahre lang mit dem Ausbilder aushalten", sagt Peter Liebe.

Allein die für den Landkreis Meißen zuständige Arbeitsagentur Riesa verzeichnete zuletzt noch an die 500 offene Ausbildungsstellen, gleichzeitig knapp 200 unversorgte Bewerber - wobei sich dieser Wert täglich ändert, sagt Agenturchef Thomas Stamm. Trotz dieser Zahlen sollten Jugendliche aber nicht warten, sondern sich sputen, ergänzt Jens-Torsten Jacob von der Kreishandwerkerschaft. "Begehrte Jobs sind schnell weg."

Haben jetzt den Überblick: die Zehntklässler der Oberschule Anne Frank mit dem neuen Lehrstellenkompass.
Haben jetzt den Überblick: die Zehntklässler der Oberschule Anne Frank mit dem neuen Lehrstellenkompass. © Klaus-Dieter Brühl

Weiterführende Artikel

Lehrstellen im Riesenrad: Manche Bewerber schwänzen

Lehrstellen im Riesenrad: Manche Bewerber schwänzen

Schulabgänger treffen Personalchefs in Riesenrad-Gondeln - das Speed-Dating soll freie Ausbildungsplätze füllen. Einige Kandidaten zeigen aber Höhenangst.

Das gilt im Kreis Meißen wie überall. Aber wer will denn nun eigentlich in der Region bleiben? Wieder meldet sich ein knappes Drittel der Stauchitzer Zehntklässler. Unbedingt weg dagegen will etwa jeder Vierte, glaubt man den hochgereckten Händen - der Rest ist wohl noch unentschieden. "Schaut euch nach der Schule ruhig die Welt an", sagt Jacob. "Aber kommt danach zurück in die Region." Der von der Kreishandwerkerschaft herausgegebene Lehrstellenkompass mit fast 90 Seiten soll dabei helfen. Immerhin: Die Heimat werde wieder attraktiver für die jungen Leute, sagt Kreishandwerksmeister Liebe. "Wir hatten auch schon Jahrgänge, da wollten fast alle Jugendlichen weg."

Mehr zum Thema Riesa