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Wohnen im Spatzennest

Raus aus der Stadt wollte eine junge Radebeuler Familie. In Bahra ist sie fündig geworden und will dort sesshaft werden.

Das Spatzennest ist Baustelle. Sten Fischer und Nikol Kraft aus Radebeul bauen die ehemalige Kinderkrippe in Bahra zum Wohnhaus um.
Das Spatzennest ist Baustelle. Sten Fischer und Nikol Kraft aus Radebeul bauen die ehemalige Kinderkrippe in Bahra zum Wohnhaus um. © Klaus-Dieter Brühl

Hirschstein. "Machen wir's den Schwalben nach, bau'n wir uns ein Nest", heißt es in einem Lied in Emmerich Kálmáns Operette "Die Csárdásfürstin". Ihr Nest bauen sich gerade Sten Fischer und Nikol Kraft. Das junge Paar aus Radebeul will der Stadt entfliegen. Und hat ein Nest gefunden. Es ist ein Spatzennest.

So jedenfalls hieß die Kinderkrippe im Hirschsteiner Ortsteil Bahra. Bis vor rund fünf Jahren wurde sie noch genutzt, dann zogen die Kinder in ein neues Haus nach Prausitz um. Seitdem steht das 1853 gebaute Haus, das der Gemeinde gehört, leer und zum Verkauf. Das junge Paar aus Radebeul hat es nun gekauft und baut es wieder zum Wohnhaus um. Bis Weihnachten wollen die beiden mit der neunjährigen Hündin Cooky hier einziehen. "Das muss auch werden, denn die Weihnachtsdekoration haben wir schon hergebracht, sie liegt auf dem Boden", sagt die 25-jährige Nikol und lacht.

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Ein Haus mit Charakter und Geschichte

Schon längere Zeit trug sich das Paar mit dem Gedanken, ein eigenes Haus zu haben. In Radebeul und Umgebung hätten sie aber nicht gesucht, und das habe weniger mit den dort sehr hohen Grundstückspreisen zu tun. "Für uns stand immer fest, dass wir raus aus der Stadt und aufs Land wollen. Wir haben uns mehrere Objekte angesehen, unter anderem in Nossen, aber das richtige war nicht dabei", sagt der 30-jährige Industriekaufmann Sten Fischer.

Auch das ziemlich große Haus in Bahra war nicht unbedingt die Liebe auf den ersten Blick. "Wir haben zwei, drei Nächte drüber geschlafen und uns dann entschieden", sagt der Industriekaufmann, der in Dresden arbeitet. Ein großes Grundstück, mindestens 1.000 Quadratmeter, sollte es schon sein. "Ein Neubau sollte es nicht sein. Wir wollten ein Haus mit Charakter, mit Geschichte", ergänzt seine Lebensgefährtin. Beides haben sie nun, ein 1.300 Quadratmeter großes Grundstück, ein fast 70 Jahre altes Haus und darin ganz viel Platz. Etwa 230 Quadratmeter Wohnfläche werden es sein. Das ist so viel, dass es für eine Einliegerwohnung reicht. Nikols Vater soll dort einziehen.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, liegt viel Arbeit vor den beiden. Fast jeden Tag sind sie seit April auf ihrer Baustelle in Bahra, nach der Arbeit und am Wochenende. Auch den Urlaub werden sie mindestens in diesem Jahr hier verbringen. Einen Tag in der Woche nehmen sie sich aber eine Auszeit vom Bau.

Die beiden wollen so viel wie möglich selbst machen. So baut Sten gerade die Fußbodenheizung ein. Beziehungsweise er möchte es gern machen, bekommt aber die derzeitige Knappheit von Baumaterial zu spüren. Auf die Heizungsrohre wartet er nun schon etliche Wochen. "Es macht Spaß, ich komme ja als Karosseriebauerin aus dem Handwerk", sagt Nikol Kraft. Sie zeigt den ehemaligen großen Gruppenraum, der mal das Wohnzimmer wird. Die Wand zur Küche soll aber noch durchbrochen werden.

Auch Familie, Freunde und Verwandte helfen mit. "Immer wenn sie hier sind, schwärmen sie von der Landschaft und der Ruhe, die hier herrscht", sagt die 25-Jährige, die in Meißen arbeitet. Sie könnte dahin sogar mit dem Bus fahren. Eine Haltestelle ist jedenfalls direkt vor der Haustür. Auch Nikol ist von der Landschaft begeistert. "Man kann hier so schöne Radtouren durch die wunderbare Landschaft machen", sagt sie. Dafür ist im Moment aber kaum Zeit.

Der Garten muss noch warten

Dass das Haus fast 170 Jahre alt ist, sieht man ihm kaum an. "Das Gute ist, dass es der Gemeinde gehörte und immer instandgesetzt und repariert wurde", sagt die Radebeulerin. Dennoch ist viel zu tun. Die alten Nachtspeicheröfen müssen raus, werden durch eine moderne Gasheizung ersetzt. Wände müssen eingezogen, Bäder und Toiletten eingebaut werden. "Wir machen alles nach und nach, wollen erst einmal das Gästezimmer fertig machen und dann dort wohnen, damit die viele Fahrerei wegfällt", sagt Sten Fischer. Das Dach, das in den 1990er Jahren erneuert wurde, und die Fenster sind aber noch in Ordnung. Irgendwann soll dann auch die Fassade einen neuen Anstrich erhalten.

Warten muss dagegen das Außengelände, das in den vergangenen Jahren der Natur überlassen wurde. "Das hat jetzt keine Priorität", sagt der Radebeuler, aber seine Partnerin hat schon ganz konkrete Vorstellungen. Was Gartengestaltung betrifft, da haben sie ja schon Erfahrung, hatten sie doch in Radebeul einen kleinen Garten.

Bürgermeister Conrad Seifert (CDU) jedenfalls ist hocherfreut, dass in die ehemalige Kinderkrippe wieder Leben einzieht und weitere junge Leute in die Gemeinde ziehen. Neben dem Paar wird ja auch Nikols Vater dann Hirschsteiner. Und vielleicht gibt es ja irgendwann noch weiteren Zuwachs.

Trotz der vielen Arbeiten haben die beiden den Kauf des Hauses nicht bereut, freuen sich auf ihr "Schwalbennest" im Spatzennest. Und deshalb lassen wir es auch mit Emmerich Kálmán ausklingen: "Ich lasse mir nicht bange machen, richte mir das ein schon wie ich′s brauch'. Finde die Idee famos, genau so mach ich's auch."

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