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Was aus den Blühwiesen in der Region geworden ist

Vor drei Jahren startete zwischen Gröditz und Zeithain ein Projekt für mehr grünen Wildwuchs. Jetzt ziehen die Macher Bilanz.

Von Jörg Richter
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Das sieht doch schön aus. Landschaftsarchitektin Jana Lippert und Bauhofleiter Andreas Schneider freuen sich über die scheinbar wilden Kräuter- und Blumenoasen auf der Wiese hinterm Wülknitzer Gemeindeamt.
Das sieht doch schön aus. Landschaftsarchitektin Jana Lippert und Bauhofleiter Andreas Schneider freuen sich über die scheinbar wilden Kräuter- und Blumenoasen auf der Wiese hinterm Wülknitzer Gemeindeamt. © Sebastian Schultz

Wülknitz. Der Auffangkorb am Rasenmäher ist so ziemlich der größte Blödsinn, der je erfunden wurde. Eigenheimbesitzer, die einen unkrautfreien Rasen haben möchten, sollten auf ihn verzichten und stattdessen lieber das gemähte Gras liegen lassen. Das verrottet dann, macht die Böden nährstoffreich, wodurch der Rasen besser wächst. Gleichzeitig verdecken die abgetrennten Halme den Boden, was dazu führt, dass Unkraut kein Licht zum Wachsen erhält und damit zurückgedrängt wird.

Das Gegenteil dieses Ratschlages für Rasen-Fetischisten ist das, was Naturschützer „blühende Grünflächen“ nennen. Sie wollen Kräutern und Wiesenblumen eine Chance geben, damit Insekten von Blüte zu Blüte fliegen können, um genügend Nahrung zu haben.

76 Prozent weniger Insekten

„Vor fünf Jahren hat die Krefelder Studie gezeigt, dass es in Deutschland immer weniger Insekten gibt“, sagt Sebastian Wünsch, der Regionalmanager für Natur und Landschaft im Elbe-Röder-Dreieck. Insektenkundler hatten über einen längeren Zeitraum in 63 deutschen Schutzgebieten die Bestände der Fluginsekten erforscht. Sie konnten nachweisen, dass es zwischen 1989 und 2016 einen drastischen Rückgang von 76 Prozent der Fluginsekten gegeben hat. Wünsch: „Wenn wir ihnen und damit uns helfen wollen zu überleben, dann brauchen wir mehr naturbelassene Flächen.“

Das Regionalmanagement Elbe-Röder-Dreieck hat deshalb 2019 das Projekt „Blühende Grünflächen“ ins Leben gerufen. Auf insgesamt 16 Demonstrationsflächen in den sieben beteiligten Kommunen wurden verschiedene Anlagenmethoden erprobt, um Pflegestrategien zu entwickeln.

Flockenblumen blühen an der Wülknitzer Dorfstraße und verschönern das Ortsbild. Vor ein paar Jahren wurde hier noch alles kurz und klein gehalten.
Flockenblumen blühen an der Wülknitzer Dorfstraße und verschönern das Ortsbild. Vor ein paar Jahren wurde hier noch alles kurz und klein gehalten. © Sebastian Schultz

Die Zeit war schon längst reif für derartige Initiativen, aber in diesem Fall auch noch ungünstig. Denn das Projekt startete in einem Dürrejahr, dem noch ein weiteres folgte. „Für unsere Flächen waren die Dürren alles andere als optimal“, sagt Wünsch. Die extra eingekauften Saatmischungen eines führenden deutschen Herstellers hatten es deshalb schwer aufzugehen.

Das bestätigt auch Andreas Schneider. Der Leiter des Wülknitzer Bauhofs wird gelegentlich von Einwohnern angesprochen, ob die mageren Halme auf der quadratischen Versuchsfläche vorm Gemeindeamt schon alles gewesen seien. „Die Leute erwarten bunte Blumen wie auf der Verpackung“, sagt Schneider. „Das hat im ersten Jahr schon zu heftigen Diskussionen geführt“, erinnert er sich. „Aber man braucht Geduld. Erst recht in Dürrezeiten.“ Das hätten schon die Vertreter der Rieger-Hofmann GmbH gesagt, die die Samenmischungen herstellt.

2021 dann die Erleichterung. Der verregnete Sommer hob den Grundwasserspiegel an und ließ die Natur aufatmen. Dieses Jahr ist aber wieder sehr trocken. „Eine so krasse Hitze bereits im Juni ist schon ungewöhnlich“, sagt Wünsch, der in Tharandt Forstwissenschaften studiert und anschließend noch eine Ausbildung zum Gartenbau-Meister gemacht hat. Er kennt sich aus, weiß, was Pflanzen brauchen. Langanhaltende Trockenheit ist es nicht.

„Eine Blühfläche anlegen ist das eine, aber sie muss auch gepflegt werden“, sagt Jana Lippert. Die Landschaftsarchitektin vom Atelier-Grün in Krögis begleitet fachlich das Projekt "Blühende Grünflächen". Sie empfiehlt, die Pflanzen hoch wachsen zu lassen und sie zwei-, maximal dreimal pro Jahr zu mähen. Mehr nicht.

Ein enormer Vorteil

Der geringere Aufwand bringt für die Gemeinden einen enormen Vorteil mit sich. Weil sie nicht mehr alle paar Wochen die Grünflächen mähen müssen, sparen sie Kraftstoff für Motorsensen und Rasenmäher ein. Und natürlich auch Arbeitszeit, die für andere Aufgaben in der Gemeinde genutzt werden kann.

Doch wenn die Grünflächen mal gemäht werden, dann darf die Mahd nicht liegen bleiben. Sie muss weggefahren werden, damit Licht an den Boden kann und sich Kräuter und Wildblumen wie die Königskerze, der Natternkopf, die Malve, das Johanniskraut und die Flockenblume entwickeln können. Sie sehen, wo man sie wachsen lässt, sogar wunderschön aus.

"Blütenreiche und magere Wiesen gibt es kaum noch", sagt Wünsch mahnend. In Wülknitz findet man sie jetzt zum Glück häufiger. So auch an der Kegelbahn und an der Dorfstraße, auf einem Streifen zwischen Fußweg und Gartenzäunen. Jetzt im Sommer sehen die hochragenden Blumen und Kräuter besonders schön aus. "Mittlerweile werden die blühenden Grünstreifen von den Wülknitzern akzeptiert", bestätigt Schneider. Und auch Bienen und Hummeln fühlen sich hier wohl.