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Riesas bekanntester Trabi

Beim Tag der Sachsen 1999 wurde eine ungewöhnliche Staatskarosse versteigert. Die SZ ging auf Spurensuche.

© André Wirsig

Von Christoph Scharf

Riesa. Was für ein Spektakel: Eine unübersehbare Menschenmenge drängelt sich, mitten drin Ministerpräsident Kurt Biedenkopf samt Frau und Wolfgang Stumph. Der Schauspieler wird bis heute wie kein zweiter mit der Automarke Trabant in Verbindung gebracht – gelang ihm doch mit „Go Trabi Go“ der Durchbruch. Das Auto mit den markanten Scheinwerfern ist auch der eigentliche Star im Festzelt an diesem Septembertag 1999: Auf dem Areal am Riesaer Riesenhügel wird beim Tag der Sachsen einer der bekanntesten Trabis überhaupt versteigert. Bei 26 000 DM steht das Höchstgebot.

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Höchstbieter war Tischlermeister Lutz Preusche aus Röderau.
Höchstbieter war Tischlermeister Lutz Preusche aus Röderau. © Sebastian Schultz

Die Aktion ist fast 20 Jahre her. Während Riesa derzeit über eine Neubewerbung für das Volksfest debattiert, kann sich Lutz Preusche noch minutiös an den Tag erinnern. Denn der Chef einer Röderauer Tischlerei und eines Riesaer Küchenhauses hatte die 26 000 DM für den schwarz-metallic lackierten Trabant mit den roten Ledersitzen geboten. „Ich hab Benzin im Blut, schon immer!“, sagt der 60-Jährige. Zu DDR-Zeiten fuhr er nicht nur selbst Trabis, sondern restaurierte auch welche – vom runden 500er bis zum bekannten 601er. Deshalb hörte er 1999 ganz genau hin, als im Radio kam, dass Biedenkopfs Trabant versteigert wird. „Die Summe stieg von 3 000 über 5 000 auf 17 000 DM“, erinnert sich Lutz Preusche. Schließlich war das keiner der gewöhnlichen Zweitakter, die in Zwickau millionenfach vom Band gelaufen waren: Ein Trabantclub hatte das restaurierte Exemplar zuvor dem damaligen Ministerpräsidenten geschenkt. „Der sollte wissen, wie bei uns zu DDR-Zeiten Auto gefahren wurde“, sagt der Tischlermeister.

Biedenkopf nahm das Geschenk an, erinnert sich Lutz Preusche. Er ließ den ursprünglich gelb-weißen Trabant dann sogar – auf eigene Kosten – optisch in eine Staatskarosse umwandeln: außen schwarz, innen rot, am Kotflügel rechts vorn eine Sachsenstandarte. Allerdings habe man in Dresden schnell gemerkt, dass ein Trabant aus Sicherheitsgründen schlecht für einen Ministerpräsidenten geeignet ist. So gab Biedenkopf das Kultauto an den Sender Radio PSR, der im Vorfeld des Tags der Sachsen eine Versteigerung für einen guten Zweck plante. Deshalb hörte der Röderauer Tischlermeister stets aufmerksam Radio – und musste mitbekommen, dass das Höchstgebot für den Trabi mittlerweile bei 25 333 DM stand. Abgegeben hatte es offenbar eine Frau aus den alten Bundesländern.

Da kam Preusche eine Idee: „Ich sprach alle Firmen an, mit denen wir Geschäfte machten. Jeder sollte was dazugeben.“ 3 000 DM für einen Kotflügel, 5 000 für die Motorhaube: Das sollte möglich sein. Im Gegenzug winkte den Teilhabern die Zusage auf Werbeflächen und kostenlose Nutzungsmöglichkeiten für das Auto.

Damit hatte der Tischler offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen: Schon nach einer Woche hatte er die Zusagen für 25 000 DM, er selbst legte einen Tausender drauf – fertig war das neue Höchstgebot. Das ging gerade noch rechtzeitig ein. Ein Fax mit einer Zusage über 40 000 DM von einer westdeutschen Hausbaufirma ging zu spät an den Radiosender, so dass Lutz Preusche beim Tag der Sachsen auf die Bühne klettern durfte. Dort warteten Biedenkopf, Wolfgang Stumph und das Duo Klaus & Eileen von Radio PSR. „Der Ministerpräsident bekam den Scheck – und ich bin in den Trabi gestiegen und mit den Kindern nach Hause gefahren“, erinnert sich der Tischler. In Röderau kam das Auto gleich in die Garage, bevor Preusche zurück zum Fest nach Riesa lief, um zu feiern.

Anschließend wurde der Trabi mit Werbung der zwölf Firmen beklebt, die sich an der Aktion beteiligt hatten, darunter der Handelshof Riesa, Sachsenküchen, die ELG Holz Großenhain. In den Kofferraum kam ein kleiner Werkzeugkoffer, so dass man den Zweitakter bei Preusche auch für Kundenbesuche, kleinere Reparaturen und Küchenmontagen nutzen konnte. Das Auto besuchte in der Folge Trabitreffen, nahm an einer Rallye teil, gar bei einer Präsentation im Leipziger Porsche-Werk – wo man das berühmte Ost-Auto dem neuen Porsche Carrera GT gegenüberstellte. Fast 30 000 Kilometer war Preusches Trabant in den Folgejahren unterwegs – bis er ihn 2007 aus Platzmangel verkaufte. Diese Versteigerung brachte deutlich weniger ein: Für 3 000 Euro ging der Trabant nach Achim bei Bremen. Dort steht er noch heute in der Ausstellung einer Firma für Schwimmbadtechnik, wie sich Preusche versichert hat. „Heute würde ich ihn gern zurück haben“, sagt der Röderauer, der sonst VW und Audi fährt, für Oldtimerrallyes aber auch mal ein Triumph-Cabrio aus der Garage holt.

Für den Tag der Sachsen sollte sich Riesa ruhig erneut bewerben, findet Lutz Preusche. Es helfe, in der Öffentlichkeit präsent zu bleiben. Er selbst war auch bei den Terminen in Wurzen, Großenhain, Limbach-Oberfrohna dabei. Ein Auto allerdings hat er nur in Riesa ersteigert.