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Riesas berühmtester Name

Die Biermarke Sternburg kennt jeder. Aber wer weiß schon, dass der Gründer aus Gröba kommt?

© Repro: Sebastian Schultz, aus dem Band „Maximilian

Von Christoph Scharf

Riesa. Eine Werbeaktion hatte im August auf der Hauptstraße für Aufsehen gesorgt: Zwischen Sparkasse und Kino legten Helfer aus 15 000 Kronkorken von Sternburg-Bierflaschen das Riesaer Stadtwappen. Warum war die Leipziger Brauerei gerade nach Riesa gekommen? Das Riesaer Stadtwappen eigne sich gut für die rot, blauen, gelben, grünen, schwarzen Sternburg-Kronkorken – und man wolle die Biermarke in Städten bekannter machen, die sonst nicht im Fokus großer Marken stehen, so ein Sprecher.

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Gekauft: das heutige Sortiment der Leipziger Brauerei.
Gekauft: das heutige Sortiment der Leipziger Brauerei. © Sebastian Schultz
Gebraut: die Sternburg-Brauerei 1930.
Gebraut: die Sternburg-Brauerei 1930. © Repro: Sebastian Schultz, aus: Der Speck von Stern

Dabei gäbe es gar keine Marke Sternburg – wäre nicht vor gut 140 Jahren im heutigen Riesaer Ortsteil Gröba in einem Gasthof ein Kind geboren worden. Der Gastwirts-Sohn mit dem unauffälligen Namen Maximilian Speck wuchs im Gasthof „Zum Goldenen Schiff“ auf, der später Gasthof Große hieß und vielen Riesaern noch heute als Klub der Reifenwerker „Gummioper“ bekannt ist. Allerdings ist davon kaum mehr übrig als eine Wiese nahe dem Hafengelände. Dafür erzählen mehrere Bücher im Bestand des Stadtmuseums über das Leben des Gröbaer Sohns.

Denn der legte nach der Kinderzeit an der Döllnitzmündung eine beachtliche Karriere hin: Ein Pfarrer nimmt ihn mit zur Ausbildung nach Beucha bei Leipzig, wo der 14-Jährige Lesen und Schreiben lernt. Anschließend wird er Handelsgehilfe in Leipzig – und bringt sich selbst Französisch, Englisch, Italienisch bei. Er steigt in einem Leipziger Wollhandelshaus ein, macht dort Karriere und baut Zweigstellen in England, Russland, Frankreich, Belgien, Österreich und Preußen auf. Handelsreisen führen ihn ab 1802 – Speck ist mittlerweile 25 Jahre alt – durch halb Europa. Er studiert in England die wirtschaftlichen Verhältnisse, in Wien die Gemäldegalerie, er besucht Weißrussland genauso wie Holland und Dänemark.

Unterwegs in halb Europa

Bald fängt der Kaufmann an, selbst Gemälde zu sammeln. Es gelingt ihm, in eine Leipziger Patrizierfamilie einzuheiraten. Das Paar bekommt mehrere Kinder. Mittlerweile ist der Sohn Gröbas so wohlhabend, dass er, kurz nach der Leipziger Völkerschlacht, in bester Stadtlage ein Geschäftshaus kaufen kann. Dessen Nachfolgerbau nahe der Nikolaikirche ist noch heute als „Specks Hof“ bekannt.

Damit ist die Karriere des Gastwirt-Sohns aber noch lange nicht vorbei. Maximilian Speck etabliert ein Handelshaus für Wollsortierung in Wien, pflegt Kontakte zu Grafen, Baronen, Fürsten. Er gründet eine eigene Wollgroßhandlung, die selbst niederländische Tuche und Kaschmir führt, er handelt europaweit mit Kupfer, Talg, Schweinsborsten. Nebenbei wächst und wächst seine Gemäldesammlung.

1822 schließlich kauft Speck das Lehngut Lützschena bei Leipzig aus einer Zwangsversteigerung. Damit wird er Erb-, Lehns- und Gerichtsherr. Dort baut er ein Mustergut auf, züchtet Schafe, Schweine, Ziegen, Rinder, Federvieh. Mit einer englischen Knochenmühle lässt Speck Düngemittel erzeugen, mit neuartigen Methoden verbessert er die Landwirtschaft. Und endlich kommt auch das Bier ins Spiel: Der Unternehmer führt in Lützschena den Hopfenanbau an und wandelt die gutsansässige Brauerei in eine bayerische Bierbrauerei um – die Geburtsstunde des heutigen Sternburg-Biers. – Dass das Bier heute nicht Speck-Bier, sondern Sternburg heißt, liegt an einer Ehrung durch den bayerischen König, der Speck 1829 in den Freiherrenstand erhebt und ihm das Recht zuspricht, seinen Namen um „von Sternburg“ zu erweitern. Zuvor hatten schon der russische Zar und die Könige von Preußen und Sachsen den gebürtigen Gröbaer mit einem Orden, einer Medaille, einem Brillantring ausgezeichnet – vor allem für seine Verdienste um die Schafzucht und den Fortschritt in der Landwirtschaft.

Für dauerhaften Ruhm sorgt seine Gemäldesammlung: Die war nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet und nach der Wende an die Familie zurückgegeben worden. Speck von Sternburgs Nachkommen allerdings gründeten eine Stiftung und gaben die Sammlung dem Leipziger Museum der bildenden Künste als Dauerleihgabe – eine Lösung, die in den 90ern sowohl der damalige Ministerpräsident Biedenkopf als auch Leipzigs OB Tiefensee lobten.

Riesa dagegen bleibt eine Reihe von Monografien, die ein Ururenkel des Freiherrn dem Stadtmuseum vermachte – und das Bewusstsein, dass ohne den Gröbaer Gastwirtssohn wohl heute kaum jemandem der Name „Sternburg“ geläufig wäre.

Zum Weiterlesen: Herwig Guratzsch (Hrsg.): Maximilian Speck von Sternburg: ein Europäer der Goethezeit als Kunstsammler,Leipzig 1998;

Wolf-Dietrich Speck von Sternburg, Peter Guth: Der Speck von Sternburgsche Schlosspark Lützschena, Leipzig 1999;

Susan Hastings: Der Wollhändler: Das Leben des Maximilian Speck, Freiherrn von Sternburg, Leipzig 2008.