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Ringen um Stasi-Aufarbeitung

Eine ehemalige Führungsfigur der Stasi stellt sich der öffentlichen Diskussion - auch 25 Jahre nach dem Mauerfall die Ausnahme. Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde hofft auf Nachahmer. Es gehe um Verantwortung, sagt er.

© dpa

Von Andreas Hummel

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Gera. Die Unsicherheit ist Michael Trostorff anzumerken: Er sitzt gebeugt auf dem Podium, nestelt an seinem Brillenetui. „Sie können sich vorstellen, dass mir meine Familie nicht gerade empfohlen hat, hierherzukommen“, gesteht er. Der 65-Jährige war einst Chef von 2 300 hauptamtlichen und noch einmal doppelt so vielen inoffiziellen Mitarbeitern - als letzter Leiter der Stasi-Bezirksverwaltung Gera. 25 Jahre nach deren Besetzung durch Vertreter eines Bürgerkomitees hat er sich am Freitagabend einer öffentlichen Diskussion gestellt.

„Es ist toll, dass Herr Trostorff hier sitzt“, würdigt das Roland Jahn, der in Gera in Stasi-Haft saß und heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen ist. Denn auch 25 Jahre nach dem Mauerfall sei es die Ausnahme, dass sich Verantwortungsträger von einst einer solchen Diskussion stellten. Für Jahn ist das aber unverzichtbar, um zu verstehen, wie die DDR und die Staatssicherheit funktioniert haben. „Die Stasi war kein Apparat, sondern bestand aus handelnden Menschen.“ Dieser Verantwortung müsse sich jeder Einzelne stellen.

Am Tag des Mauerfalls feierte Trostorff seinen 40. Geburtstag. Bis dato in Gera Chef der Spionageabwehr, verhelfen ihm die Wendewirren zunächst zu einem Karrieresprung. Es habe schon zuvor Kontroversen gegeben und er habe den Ruf als Erneuerer gehabt, erzählt er. So wird er Anfang Dezember 1989 Chef der Stasi-Bezirksverwaltung. „Mir war klar: Wir müssen uns selbst öffnen.“ Ende Dezember gab er Jahn, der damals als Journalist arbeitete, ein Fernsehinterview. Darin räumte er ein, dass die Staatssicherheit nach wie vor Zugang zu Waffen habe.

Gut, dass Akten nicht vernichtet wurden

Die Sache mit den Waffen wird nun erneut kontrovers diskutiert. „Für welchen Fall waren die Waffen da?“, will Moderatorin Ulrike Greim wissen. „Das kann ich nicht sagen“, antwortet Trostorff. „Es hat nie einen Schießbefehl gegeben.“ Greim hält dagegen, doch Trostorff beharrt auf seiner Aussage: „Ich wusste gar nicht, was ich hätte mit den Waffen anfangen sollen.“ Höhnisches Lachen im Publikum - ging doch bei den Demonstrationen im Herbst 1989 die Angst vor einer „chinesischen Lösung“ - einer blutigen Niederschlagung - um.

Dass er noch Ende 1989 dafür geworben hat, die Stasi-Akten zu vernichten, räumt der einstige Oberstleutnant ein. Er habe sich einen Neuanfang gewünscht, der nicht vom Alten überlagert werden sollte - und seine IM schützen wollen. Dass die meisten Akten doch erhalten blieben, habe er später „als heilsam“ empfunden, berichtet Trostorff. Denn damit habe „abstrusesten Behauptungen“ etwa über Folter- und Hinrichtungsmethoden der Stasi entgegengetreten werden können.

„Ich wollte nicht, dass das Gift der Stasi weiterwirkt“, begründet Jahn sein Bemühen und das anderer Bürgerrechtler damals, die Akten zu erhalten und zu öffnen. Sie hätten die Grundlage für die Aufarbeitung geschaffen, doch dürfe diese nicht bei den Akten stehen bleiben. „Es geht um Menschen und nicht um Akten allein. Das ist ein Punkt wo ich sage, da hat in den letzten 25 Jahren zu wenig stattgefunden.“ Die Akten gäben nur die Sicht der Stasi wieder; es brauche aber auch die Sicht der Menschen - derer, denen Unrecht angetan wurde, und derer, die die Akten angelegt haben.

Korpsgeist verhindert Aufarbeitung

Bei den ehemaligen Stasi-Offizieren beobachtet er allerdings noch immer einen Korpsgeist, durch den sich kaum jemand einer öffentlichen Aufarbeitung stelle. „Was ich mir wünsche ist“, sagt Jahn: „Jetzt, wo wir unsere einstigen Peiniger befreit haben, sie die Vorzüge des Rechtsstaats genießen und sie ihre Westrente auf Gran Canaria verprassen können - dass sie ihre Redefreiheit nutzen, zu sagen wie es war und welche Verantwortung sie hatten.“ Das seien sie jüngeren Generationen schuldig, damit die ihr Wertegerüst schärfen und Fragen nachgehen könnten, wie sie sich in dieser Diktatur verhalten hätten.

Empfinde er Schuld, wird Trostorff gefragt. Er überlegt eine Weile. „Ein persönliches Schuldgefühl kann ich nicht entwickeln“, sagt er. Er habe im guten Glauben gehandelt, für eine gerechte Sache zu arbeiten. „Was aber zum Teil praktiziert worden ist, war nicht zu verantworten“, gesteht er - genauer wird er nicht.

Nach zweieinhalb Stunden bleiben für manche im Publikum wichtige Fragen offen. Doch die werden sie nicht mehr los. Trostorff, der nach der Wiedervereinigung unter anderem als Autoverkäufer und Gastronom gearbeitet hat, liegt ebenfalls etwas auf dem Herzen: „Ich möchte mich bedanken, dass sie bereit waren, auch mir zuzuhören.“ Das sei nicht immer so gewesen. Jahn zeigt sich insgesamt zufrieden. „Es geht um Aufklärung und Verantwortung“, resümiert er. „Es ist bedauerlich, dass wir da heute nicht so richtig weitergekommen sind, aber es war ein Anfang.“ (dpa)

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