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Risiken im Theater

Ministerpräsident Kretschmer will, dass in Görlitz und Zittau wieder Tarif gezahlt wird. Doch wo kommt das Geld her?

© Nikolai Schmidt

Von Sebastian Beutler

Görlitz/Zittau. Für Wagners Oper „Tannhäuser“ hob und senkte sich gerade zum letzten Mal der Vorhang im Görlitzer Theater. Wie geplant wird die Oper nach nur wenigen Vorstellungen vom Spielplan genommen. Dabei war das Interesse der Opernfans riesig, bei der letzten Vorstellung reichten sogar die Programmhefte nicht für alle Interessierten. Aber die Produktionskosten waren auch hoch: der Gasttenor, der verdoppelte Chor – all das ging ins Geld. Trotzdem, so sagt Generalintendant Klaus Arauner, hat es sich gelohnt. „Wenn wir schon ein Opernhaus sind, dann wollen wir auch solche aufwendigen Produktionen unseren Besuchern zeigen.“ Trotz finanziell schwieriger Zeit.

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Genau deswegen sorgen sich im Kreis Politiker, ob das Theater diesen Weg auch künftig bestreiten kann. Wird das Budget künftig noch ausreichen, um Stücke auf den Spielplan zu setzen, die nicht die Kosten einspielen, die aber wichtig sind, vielleicht auch gesellschaftliche oder ästhetische Debatten lostreten? Für Jens Hentschel-Thöricht, den Geschäftsführer der Linksfraktion im Kreistag, ist das keine Frage. Für seine Fraktion auch nicht. Deswegen finanzieren ja Kreis, Freistaat und die Städte Zittau und Görlitz das Theater.

Seit Monaten beschäftigt sich die Linkspartei mit den Finanzen des Theaters Görlitz/Zittau. Bereits Mitte April sprach die Linke von „alarmierenden Zahlen, die einen dringenden Handlungsbedarf“ zeigten. Auch forderte sie ein „Nothilfeprogramm für von der Schließung bedrohte Kultureinrichtungen“ des Freistaates, aus dem dem Gerhart-Hauptmann-Theater eine finanzielle Hilfe gewährt werden soll. Nun hat sie einen Antrag in den Kreistag eingebracht, der spätestens auf der Sitzung im September behandelt werden muss. Das Nothilfeprogramm, das ja auch suggerierte, dass das Theater ansonsten vor der Schließung steht, ist darin nicht mehr zu finden. Dafür soll der Landrat mit der Staatsregierung über eine „nachhaltige finanzielle Sicherung des Theaters“ sprechen, verschiedene Ausschüsse des Kreistages sollen sich mit den Finanzen und dem Spielbetrieb des Theaters beschäftigen. Eine Anhörung von Sachverständigen vor dem Kreistag wird ebenso vorgeschlagen. Ein Beirat soll ein Zukunftskonzept erarbeiten, und regelmäßig soll das Theater Thema im Kreistag und seinen Ausschüssen sein. Einen solchen Beirat von Fachleuten kann sich auch Generalintendant Klaus Arauner vorstellen. Doch sieht er die Situation nicht ganz so dramatisch wie die Linkspartei, wenn auch nicht ganz risikolos. Das hängt mit der Entlohnung am Hause zusammen. Der Haustarifvertrag endete zum 1. Januar dieses Jahres. Er sieht einen Abschlag von 15 Prozent zum Tarifgehalt für die Mitarbeiter vor. Eigentlich sollte in diesen Tagen ein neuer Haustarifvertrag verhandelt werden. Doch dann kam der Richtungswechsel von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Er wolle weg davon kommen, Sachsen als Billiglohnland zu vermarkten, erklärte er auch anlässlich des Firmenjubiläums des Software-Testers SQS in Görlitz. Und das bedeutet auch: Der Freistaat will, dass die Theater wieder Tarif bezahlen. Es wäre eine Revolution. Denn Haustarifverträge, so sagt Arauner, seien auch an vielen westdeutschen Bühnen üblich – allerdings mit geringeren Abschlägen zum Tarif als in Görlitz.

Wegen der Kehrtwende der sächsischen Politik läuft im Moment der Haustarifvertrag weiter in der Annahme, wie Arauner sagt, dass den Worten nun auch Taten folgen. Für das Görlitzer Theater bedeutet das: 1,9 Millionen Euro höhere Zuweisungen für vollen Lohn. Wie, von wem und zu welchen Konditionen diese Gelder zu den Theatern fließen, das ist aber weiterhin ungeklärt. Im Raum steht auch ein höherer Anteil der Kommunen, in dem Fall also des Kreises und der beiden Städte. Unklar ist auch die Rolle des Kulturraumes bei der Finanzfrage. Arauner hofft auf eine mindestens fünfjährige Lösung. „Es macht nur Sinn, wenn es über einen längeren Zeitraum mehr Geld vom Freistaat gibt.“

Davon ist nun alles abhängig. Und diese Unsicherheit nimmt eben auch die Linksfraktion wahr. „Wenn alle Mitarbeiter nach Tarif bezahlt werden, dann ergibt sich eine erhebliche Lücke“, sagt Hentschel-Thöricht. „Dafür muss zusätzliches Geld aufgebracht werden, egal ob über den Kulturraum oder die Gesellschafter oder über den Freistaat.“ Deswegen lancierte die Linke auch jetzt den Vorstoß, um „Genaueres über die Finanzen“ zu erfahren, wie Hentschel-Thöricht gegenüber der SZ sagt.

Völlig unabhängig von den langfristigen Überlegungen, müssen Kreis und die Städte Görlitz und Zittau in diesem Jahr ohnehin tiefer für ihr Theater in die Taschen greifen. Denn die beiden Tariferhöhungen aus dem öffentlichen Dienst in diesem Jahr macht das Theater mit, damit der Abstand zum Tarif nicht weiter wächst. Doch diese Summen kann es aus dem Budget nicht erwirtschaften. Deswegen müssen die drei Kommunen nachschießen. Das ist schon beim Hauptausschuss des Kreises nächsten Dienstag Thema, die Stadträte von Görlitz und Zittau folgen demnächst. Denn in einem stimmen Arauner und Hentschel-Thöricht überein: „Schließen ist keine Option.“