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Risiko Schulweg

© Karl-Ludwig Oberthür

Um zum Schulbus zu kommen, müssen Kinder in Bannewitz bald über die B 170 laufen. Eltern sind besorgt.

Von Verena Schulenburg

Hänichen. Ein Auto nach dem anderen rauscht am frühen Morgen an der Mittelinsel vorbei. Es herrscht reger Berufsverkehr auf der B 170 in Bannewitz. Jene Mittelinsel am Käferberg in Hänichen soll Fußgängern dabei helfen, die neue Busbucht auf der anderen Straßenseite zu erreichen, die seit einer Woche von den Linien des Regionalverkehrs Dresden angefahren wird – bis auf eine einzige Linie.

Der Bus mit der Nummer 353, der über Rippien kommt und um 7.26 Uhr am Käferberg ist, fährt derzeit noch eine Runde durch das Wohngebiet, hält an der Käferbergstraße, um die Grundschüler einsteigen zu lassen, und fährt dann weiter in Richtung Possendorf. Ab dem 10. Dezember, zum Fahrplanwechsel, ist damit Schluss. Von da an muss auch der Nachwuchs aus der Siedlung die Bundesstraße queren, um mit dem Bus zur Possendorfer Grundschule zu gelangen.

Viele Eltern sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder, die bald jeden Morgen über die stark befahrene Bundesstraße gehen müssen. Es sind zwischen 30 und 40 Schüler. „Es kann nicht sein, dass hier eine halbwegs sichere Möglichkeit, in den Schulbus zu steigen, abgeschafft wird und wir die Kinder bewusst einer Gefahr aussetzen“, ärgert sich Lars Enzmann. Er sei vor zwei Jahren in das Wohngebiet nach Hänichen gezogen. Auch sein Sohn, der derzeit die zweite Klasse in Possendorf besucht, muss in Zukunft jeden Morgen hier über die Bundesstraße. Aufgrund der großen Anzahl der Kinder und des großen Verkehrsaufkommens dauere das Überqueren der Straße mehrere Minuten. „Dabei stehen die Kinder oftmals lange Zeit auf der schmalen Mittelinsel zwischen den stark befahrenen Fahrspuren“, schildert der junge Mann seine Beobachtungen von der jüngsten Schulwegübung.

Mit Unterstützung der Polizei hat das Bannewitzer Ordnungsamt kürzlich gemeinsam mit den Schülern und in Begleitung einiger Eltern die Überquerung der Bundesstraße zur neuen Haltestelle geübt. „Manchmal mussten Autos extra für die Kinder anhalten“, erzählt Enzmann. Einige fuhren angesichts der Polizeipräsenz sogar langsamer als das zulässige Tempo 50. „In der Realität dürfte die morgendliche Situation viel kritischer werden“, befürchtet der Vater, vor allem jetzt, wo es morgens immer später hell wird.

„Das ist eine Frage der Zeit, bis hier etwas passiert“, schimpft ein weiterer Vater. Schon des Öfteren habe er beobachtet, wie sich die Kinder beim Warten auf den Schulbus schubsen und necken oder im Winter eine Schneeballschlacht anzettelten. Zum Glück geschah dies noch an der „alten“ Haltestelle, etwas abseits der B 170.

Viele Eltern der betroffenen Grundschüler vom Käferberg sind sich einig: Die Mittelinsel allein ist keine sichere Hilfe, um die neue Haltstelle auf der anderen Seite der Bundesstraße zu erreichen. Sie fordern zusätzlich einen Zebrastreifen oder eine Bedarfsampel an der Stelle.

Im Bannewitzer Rathaus sieht man jedoch keine Möglichkeit, einen dieser Wünsche zu erfüllen. Da es sich bei der B 170 um keine kommunale Straße handelt, ist die Gemeinde auf übergeordnete Verkehrsbehörden angewiesen, wie den Landkreis oder das Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Sowohl ein Zebrastreifen als auch eine Ampel seien nicht genehmigt worden. „Wir nehmen die Sicherheit der Kinder ernst“, beteuert Bürgermeister Christoph Fröse. Deshalb habe die Gemeinde beim Bau der neuen Busbucht auch die Mittelinsel errichten lassen, ebenso ein Geländer entlang der Bundesstraße, damit die Kinder nicht irgendwo über die Straße huschen, erklärt er. Ein Blitzer in Fahrtrichtung Dresden bremst Tempo-Sünder bereits aus. Ein weiterer Blitzer soll 2019 in Richtung Possendorf installiert werden. Bis zur Fahrplanänderung am 10. Dezember wolle man auch noch die Schilder auf der Mittelinsel etwas höher montieren. Denn derzeit befinden sich diese genau auf Höhe der Kinderköpfe. Der Nachwuchs hat daher kaum eine Chance, den Verkehr einzusehen.

Für den neuen Bushalt aber gibt es kein Zurück. Laut Personenbeförderungsgesetz müssten bis 2021 alle Haltestellen behindertengerecht ausgebaut sein. Dafür brauche es eine konkrete Aufstellfläche. Diese sei an der Käferbergstraße nicht gewährleistet, heißt es seitens der Gemeinde. Bis zum 10. Dezember, wenn die alte Haltestelle im Wohngebiet für die Grundschüler abgeschafft wird, soll es aber noch weitere Schulwegübungen geben.

Um selbst für die Sicherheit der Kinder zu sorgen, warb das Bannewitzer Rathaus bei Eltern am Käferberg darum, sich allmorgendlich als Verkehrshelfer zu engagieren – ohne Erfolg. „Es hat sich niemand dazu bereiterklärt“, sagt der Bürgermeister. Lars Enzmann und viele andere Eltern fühlen sich angesichts dieser Idee verspottet. „Eine sichere Schulweglösung wird hier von der Gemeinde ohne Not durch eine unsichere ersetzt“, sagt Enzmann. Dafür sollten nun die Eltern, vor allem aber die Kinder herhalten.