Merken

Riskante Strategie

Stephanie und ihre Eltern wollen reden. Über die Entführung des Mädchens, ihre Todesangst, den Missbrauch und die späte Befreiung durch die Polizei. Die Öffentlichkeit und die Justiz sollen erfahren, wie sehr Stephanie in den Wochen der Gefangenschaft gelitten hat.

Teilen
Folgen

Karin Schlottmann zum Fall Stephanie und die Medien

Stephanie und ihre Eltern wollen reden. Über die Entführung des Mädchens, ihre Todesangst, den Missbrauch und die späte Befreiung durch die Polizei. Die Öffentlichkeit und die Justiz sollen erfahren, wie sehr Stephanie in den Wochen der Gefangenschaft gelitten hat.

Die Familie glaubt, dass sie diesen Schritt gehen muss, um den Prozess in die richtige Richtung zu lenken. Zu groß ist die Angst, dass die Justiz nicht hart durchgreift und der Täter auf freien Fuß kommt. Die Wut der Eltern auf die Ermittlungsbehörden ist verständlich. Schließlich hat es viel zu lange gedauert, bis das Mädchen gefunden und der Täter gefasst wurde. Doch die Forderung nach Schadensersatz gegen die Behörden wirkt wie Schaumschlägerei.

Die Medienoffensive ist nicht frei von Risiken. Detaillierte Interviews des Opfers können im Strafprozess Angriffspunkte für die Verteidigung bieten. Psychologen haben schon im Fall Natascha Kampusch davor gewarnt, traumatisierte Menschen zu früh der Öffentlichkeit vorzuführen – unabhängig davon, wie stark sich die Betroffene fühlt.

Opfer einer Medienschlacht ist die 14-Jährige nicht, ihre Anwälte versuchen im Gegenteil, den Spieß herum zu drehen und die Justiz unter Druck zu setzen. Für die Macher der TV-Talksendung ist das nicht wichtig. Sie suchen Themen, die möglichst viele Zuschauer sehen wollen. Es wäre albern, das zu kritisieren. Das Interesse an extremen Kriminalfällen ist nicht per se unmoralisch. Merkwürdig ist nur, dass nicht die Täter im Blickpunkt stehen, sondern deren Opfer. Im Fall Natascha Kampusch, der, nach allem was wir bisher wissen, ein Happy-End hat, ging es um die Frage, wie sich ein junger Mensch entwickelt, der jahrelange Isolation ertragen musste.

Vielleicht war die Medienstrategie der Österreicherin ein Vorbild für Familie R. und deren Anwälte. Dort ging es um viel Geld. Stephanie wird dagegen noch einen Strafprozess erleben. Es stellt sich die Frage, ob ihre Eltern sich die richtigen Berater ausgesucht haben.