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Rivalität im Automatenkönigreich Japan 

Dass es in Asien mitunter etwas anders zugeht als in Europa, dürfte eigentlich jedem klar sein. Etwas, das im Okzident aber fast noch gar nicht angekommen, in Fernost aber kaum noch aus den Straßen wegzudenken ist, sind Selbstbedienungsautomaten. Ein neues Konzept könnte nun auch für Europa interessant sein. 

Bild: Getränke, Essen und sogar Unterwäsche - in Japan existiert kaum etwas, das es nicht im Automaten zu kaufen gibt. | Bildquelle: cowardlion - 519482542 / Shutterstock.com

Mehrere Milliarden Euro werden jährlich in Japan mithilfe von Verkaufsautomaten umgesetzt. Angesichts von circa fünf Millionen Automaten, den sogenannten „jido hambaiki“, dürfte dies nicht wundern. Auf jeden 25. japanischen Staatsbürger kommt ein Verkaufsautomat - ein unerreichter Wert auf dem gesamten Globus.

Zwar gibt es auch in Deutschland viele Automaten, diese beschränken sich in der Regel jedoch auf Snacks und Getränke. Ganz anders sieht dies im fernen Osten aus. An jeder Straßenecke gibt es Selbstbedienungsautomaten zu finden, die nicht nur Schokolade und Kaffee offerieren, sondern auch Reis, Hot Dogs, Bier, Bananen, Dosenbrot und sogar Hummer oder - Achtung - auch Unterwäsche feilbieten.

Zu den beliebtesten Blechbüchsen am städtischen Straßenrand zählen aber zweifelsohne Spielautomaten, mit denen "Pachinko" gespielt werden kann. In ganz Japan sind circa 12.000 Pachinko-Spielhallen zu finden. Zu erklären ist der Hype um das "vertikale Flipperspiel" aber wohl aufgrund der strengen japanischen Glücksspielgesetzgebung, die die bei den Japanern extrem beliebten Online-Glücksspiele wie Starbust oder The Wild Chase an Automaten nur in Ausnahmefällen gestattet.Zumindest was Verkaufsautomaten betrifft, könnte es in naher Zukunft aber bergab gehen, was die Umsatzzahlen anbelangt. 24-Stunden-Läden und Convenience Stores machen dem Automatengeschäft derzeit das Leben schwer. Während Mitte der neunziger Jahre noch fast die Hälfte aller Japaner ihre täglichen Getränke über einen Verkaufsautomaten bezogen, waren es 2016 nur noch 29 Prozent, wie aus Zahlen des Getränke-Forschungsinstituts Inryo Soken hervorgeht.

Innovationen sollen Geschäft ankurbeln

Trotz sinkender Verkaufszahlen sieht man in der japanischen Automatenindustrie aber noch keinen Grund zur Panik. Noch sei die Gewinnspanne trotz rückläufiger Zahlen nämlich noch immer mehr als attraktiv, was obendrein mit den vielen betriebswirtschaftlichen Vorteilen der Automaten zu tun hat.Diese benötigen nämlich nur selten eine Wartung oder Reparatur, können zudem kostengünstig unterhalten werden - und das gar 24 Stunden lang. Zudem braucht es kein teures Personal. Lediglich das Befüllen der Automaten muss noch von Menschenhand erledigt werden.Trotzdem möchte die Automatenindustrie in Zukunft wieder mehr vom Kuchen abhaben, den die 24-Stunden-Geschäfte den Verkaufsautomaten allmählich streitig machen. Hierfür ist man wie üblich bereit, auch unkonventionelle Wege zu beschreiten - natürlich mithilfe modernster Technik.

"Wir wollen, dass der Verkaufsprozess zu einem wahren Erlebnis wird, der über den simplen Automatenkauf hinausgeht."

Toshinari Sasagawa, Vertriebschef von JR East Water Business Co.

Aktuell werden daher vor allem bei Getränkeautomaten Modelle getestet, die mit einer Gesichtserkennungssoftware ausgestattet sind. Sie können bereits das Geschlecht sowie das ungefähre Alter der Person erkennen. Über eine Stimmensoftware treten die Automaten sogar mit ihrem menschlichen Gegenüber in Kontakt und bieten diesem basierend auf den gewonnenen Informationen passende Getränke an.Hierfür werden sogar die Außentemperatur und Tageszeit berücksichtigt. Jungen Männern wird an heißen Sommerabenden also zum kühlen Bier geraten, für Kinder gibt es Fruchtcocktails und älteren Damen werden verschiedene Teesorten angeboten. Ob dieses System am Ende den Ausschlag geben wird, um Marktanteile zurückzugewinnen, bleibt vorerst aber abzuwarten.

In Deutschland spielen Automaten eine untergeordnete Rolle

Zumindest im Vergleich zum ostasiatischen Inselstaat im Pazifik besitzen Verkaufsautomaten eine viel geringere Bedeutung in Deutschland. Wer hierzulande zum Automaten geht, steuert vordergründig auf Geldautomaten zu, von denen die deutschen Lande immerhin knapp 60.000 Exemplare zählen.Dabei können sich die deutschen Verkaufszahlen von Snacks und Getränken zumindest im europäischen Vergleich durchaus sehen lassen. Hier belegt die Bundesrepublik mit circa 5,5 Milliarden verkauften Produkten im Jahr nämlich den Spitzenplatz im europäischen Binnenraum, wie aus Zahlen der Deutschen Vending-Automatenwirtschaft e.V. hervorgeht.Der Vending-Markt, wie die Automatenwirtschaft im Fachjargon betitelt wird, zählt darüber hinaus zu einem wichtigen Arbeitgeber in Deutschland. Rund 15.000 Arbeitnehmer umfasst die Vending-Branche derzeit, die seit Jahren wächst, wenn auch nur kleinschrittig. Abseits der Lebensmittelindustrie besitzen Automaten aber einen schweren Stand, werden sogar sukzessive abgebaut und durch andere Techniken ersetzt, wie es beispielsweise bei Parkautomaten der Fall ist.Der deutlich größere Erfolg von Automaten in Japan kann aber nicht allein durch kulturelle Unterschiede erklärt werden. Letztendlich hänge der Erfolg eines Verkaufsautomaten auch immer davon ab, ob er dem Nutzer einen Mehrwert bringe oder eben nicht, meint Professor Shoji Yamamoto von der japanischen Kwansei Gakuin Universität.Und so werden Automaten in Japan auch im Katastrophenfall eingesetzt. In Erdbebenregionen beispielsweise geben Verkaufsautomaten im Fall der Fälle kostenlos Getränke aus. 2011 wurden nach der Tsunami-Katastrophe über 100.000 kostenlose Getränke bereitgestellt.

Keinen Nutzen für Deutschland?

In Deutschland, wo derartige Katastrophenfälle nicht zu erwarten sind, beschränkt sich der Nutzen meist auf Warenangebote, falls der Bäcker am Sonntagabend schon geschlossen hat, er seine Brötchen aber trotzdem auch außerhalb der Öffnungszeiten über einen Verkaufsautomaten anbieten möchte.Zumindest auf dem Lande sind solche Einsatzgebiete bereits gang und gäbe. In städtischen Regionen scheinen Verkaufsautomaten aufgrund der dortigen Infrastruktur aber fast obsolet, zumal der Deutsche sich lieber mit frischgebrühtem Kaffee vom nächstgelegenen Café eindeckt, als zum Dosenkaffee aus dem Automaten zu greifen.Wohl auch deswegen sind Automaten in Deutschland vor allem in Gebäuden zu finden, in Bürokomplexen oder im Krankenhaus, mitunter an Schulen und Universitäten oder an öffentlichen Plätzen, die hochfrequentiert sind und wo Menschen, ähnlich wie in Japan, nur auf der Durchreise sind und auf die Schnelle etwas für zwischendurch suchen.

In Japans Hauptstadt Tokio ist man mittlerweile soweit, dass am Getränkeautomaten mithilfe des eigenen Smartphones sogar Getränke vorbestellt werden können. Hierfür wird das gewünschte Getränk einfach online bestellt und es wartet daraufhin nach der Ankunft bereits am Automaten auf den Abholer. Sogar Geschenke an andere Personen lassen sich auf diese Weise verteilen. Dies wiederum könnte auch in Deutschland von Interesse sein. Bis es soweit ist, dürfte es aber gewiss noch dauern.