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Feuilleton

Sympathien für Simon*e

Inklusions- und Genderfragen sind allgegenwärtig auf dem Filmfest Dresden. Ein Langfilm lässt das Konzept implodieren. Der dritte Teil des Festival-Tagebuchs.

Unser SZ-Redakteur Maximilian Helm ist auf dem Filmfest Dresden unterwegs. © imago

Simon*e Jaikiriuma Paetau heißt der junge Mensch, der bei der „Gender Talks“-Diskussion in der Schauburg den bleibendsten Eindruck hinterlässt. Simon*e ist queer und will sich keinem Geschlecht zuordnen. 

Dass sein, nur als Trailer gezeigter Dschungel-Roadmovie ein explizit queerer Film ist, fällt erst nach der Erwähnung auf. Ist das überhaupt wichtig? Primär geht es bei der Diskussion um die Rolle von Männern und Frauen in der Filmbranche. Dass die Herren es, vor allem beim Einstieg in die Industrie, leichter haben, darüber sind sich alle einig. 

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Doch als der deutsche Regisseur Steve Bache vorgibt, dass an seiner Uni keinerlei Ungleichberechtigung herrsche, wird er von den Diskutierenden mitsamt Moderatorin freundlich, aber bestimmt zurechtgewiesen. Die Haltung von Podium und Publikum ist relativ klar. Schließlich überzeugt besagter Simon*e vor allem mit starken und reflektierten Plädoyers für Frauenquote und mehr queere Filme. Danach hat man tatsächlich Lust, sich den abgedrehten Roadmovie in Gänze anzuschauen. Wobei die angekündigte Zweckentfremdung eines Maiskolbens als Zäpfchen eine Geschmacksfrage bleiben dürfte.

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Fast direkt im Anschluss läuft „Blue“ von Derek Jarman. Auf einem Kurzfilmfestival einen 70-Minüter zu zeigen, ist ungewöhnlich. Doch anlässlich des 25. Todesjahres von Jarman drückte man ein Auge zu und widmet dem Briten zwei Sonderprogramme. Jahrgang 1942, verstarb der Maler und Regisseur 1994 an Aids. Seinem Tod voraus ging eine lange Leidensgeschichte. Besonders traf ihn der Verlust seines Augenlichts in den letzten Jahren seines Lebens. 

Der Film „Blue“ handelt von dieser Blindheit. Jarman beschrieb vor seinem Tod, dass alles, was er sah, ein reines Himmelblau war. Sein Film zeigt dieses Blau, sodass der Streifen durchgängig wie eine nicht zurückgespulte Videokassette aussieht. Im Hintergrund erzählen mehrere Stimmen Episoden aus dem krankenhauszentrierten Leben des Regisseurs. Es geht um das Hängen am Tropf, um die Freunde, die er durch geteilte Leiden gewinnt, und immer wieder um sein Augenlicht. Alles wird von Musik umrahmt. Sehen kann man nichts.

Das alles könnte eine unglaublich sinnliche Erfahrung sein. Besonders der gänzlich blaue Bildschirm vermittelt das Gefühl von Blindheit. Schließt der Zuschauer die Augen, sieht er schwarz und die üblichen bunten Muster, die von den Sehnerven kommen. Öffnet er die Augen, sieht er einen blauen Bildschirm. Sind die leichten Bildstörungen reine Einbildung? Der Zuschauer hat die Wahl zwischen dunklem Nichts und etwas hellerem Nichts. Und das ist äußerst beklemmend.

Beziehungsweise hätte er diese Wahl, wenn der Film keine Untertitel hätte. Und so wird das Konzept gestört, statt der Wahl zwischen Nichts und Nichts bleibt die Wahl zwischen Nichts und Text. Der Zuschauer ist nicht mehr blind. Und nun stellt sich die auch nach dem Film heiß diskutierte Frage: Ist die Inklusion oder das Filmerlebnis wichtiger? 

Das Festival hat es gut gelöst: Der Film wird noch einmal am Samstagabend im Thalia Kino gezeigt, dort von einer originalen 35-Millimeter-Filmrolle und ohne Untertitel. Einfach nur blau. In der Schauburg durften auch Hörgeschädigte in die Welt von Derek Jarman eintauchen, auch, wenn die gut hörenden deshalb einenTeil ihres Erlebnisses einbüßten. Der Tag endet mit einem Kompromiss. Das ist auch schon wertvoll genug.

Der SZ-Kurzfilm

Zum Abschluss des Filmfest-Tagebuches präsentieren wir noch einmal zwei Kurzfilme. Einer ist aus dem Tribute-Programm zu "blue"-Regisseur Derek Jarman. Der andere ist animiert aus ihrem internationalen Wettbewerb.

Die Sächsische Zeitung verlost zwei Karten für das Filmfest. Wenn Sie an dem Gewinnspiel teilnehmen wollen, senden Sie bitte eine Mail an: [email protected]ächsische.de

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