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Rotation statt Gigantismus

Biathlet Arnd Peiffer sorgt sich um die Zukunft der Olympischen Spiele. Er kritisiert das IOC und hat einen Vorschlag.

© Robert Michael

Von Daniel Klein

Die Meldungen der vergangenen Tage passen gut ins schlechte Bild. Die Bewerbung von Stockholm, neben Calgary und Mailand ein Kandidat für die Olympischen Winterspiele 2026, gerät ins Schlingern. Die Mehrheit im Stadtrat sorgt sich um die Steuergelder, es gebe andere, große Herausforderungen für Stockholm, heißt es. Über einen Rückzug wird diskutiert. Ums Geld geht es auch in Tokio, dem Ausrichter der Sommerspiele 2020. Laut einem Bericht des staatlichen Rechnungshofes könnten die Ausgaben auf umgerechnet 22 Milliarden steigen – das wäre das Vierfache dessen, was Tokio ursprünglich veranschlagt hatte.

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Geworben wird schon fleißig für die Winterspiele 2022 in Peking. Die Vorfreude der Athleten hält sich jedoch in Grenzen.
Geworben wird schon fleißig für die Winterspiele 2022 in Peking. Die Vorfreude der Athleten hält sich jedoch in Grenzen. © dpa

Arnd Peiffer fühlt sich durch solche Berichte in seiner Kritik bestätigt. Vergangenen Winter erlebte der 31-Jährige in Pyeongchang seine dritten Spiele, der Biathlet weiß also, wovon er spricht. Unmittelbar nach der Siegerehrung, bei dem er die Goldmedaille für den Sieg im Sprint überreicht bekam, prangerte er – und das nicht zum ersten Mal – den zunehmenden Gigantismus an, was ihm den Ruf des olympischen Chefkritikers einbrachte. Mit dieser Formulierung kann er wenig anfangen, seine Haltung zum weltgrößten Sportereignis und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) formuliert er jedoch weiterhin unmissverständlich. „Man hat das Gefühl, es geht nur darum, dass alles immer größer wird“, erklärt er im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. „Olympia ist zur Riesenvermarktungsmaschinerie geworden.“

Die nächsten Winterspiele werden erneut in Asien ausgetragen, diesmal in Peking. Ob es Peiffers vierte werden, ist fraglich, er plant nicht mehr langfristig, sondern nur noch von Jahr zu Jahr. Der Austragungsort, der für vieles bekannt ist, nur nicht für Wintersport, treibt ihn trotzdem um. „Olympia entfernt sich immer weiter von den Ursprüngen. Dem IOC geht es um den asiatischen Markt, die dortigen Sponsoren. Punkte wie: Wo kann man es gut durchführen, wo sind die Leute begeistert – das spielt bei der Vergabe keine Rolle mehr“, mahnt er und nennt ein Beispiel: „Bei den Bewerbungsvideos dreht es sich bei fast der Hälfte um die Shoppingmöglichkeiten vor Ort. Da frage ich mich: Wen interessiert das außer den Funktionären und deren Frauen?“

Ein weiterer Punkt, der ihm Sorgen macht, sind die Kosten. „Für die Ausrichter ist es extrem teuer, die müssen das ganze Geld in die Hand nehmen und bleiben oft auf Schuldenbergen sitzen. Das IOC verdient dagegen Unsummen mit den Rechten. Da haut irgendwas nicht hin, da ist man auf dem falschen Weg“, findet Peiffer. „Der Mythos Olympia hat bei der Bevölkerung sehr viel eingebüßt.“

Und das hat Folgen – zumindest in Mitteleuropa. Wenn die Stockholmer Bewerbung auch noch scheitern sollte, würde sie sich in eine unheilvolle Reihe einordnen. In Oslo, München, St. Moritz und Innsbruck waren zuletzt Kandidaturen aufgrund der mangelnden Unterstützung durch die Bevölkerung zurückgezogen worden. Das ist nicht nur bedauerlich, weil alle vier Orte eine lange Tradition im Wintersport sowie eine bereits bestehende Sportstätten-Infrastruktur vorweisen können. Es ist auch verwunderlich, weil in den jeweiligen Regionen der Tourismus, vor allem in der kalten Jahreszeit, eine gewichtige Rolle spielt. Olympia lehnen die Einwohner dennoch ab. „Die Leute sind nicht mehr bereit, das mitzutragen. Sie haben keine Lust darauf, weil sie denken, dass alles korrupt ist im IOC“, meint Peiffer und zeigt Verständnis für diese Haltung.

Sein Rezept gegen den Imageverlust: kleiner und nachhaltiger. „Man sollte die Sportstätten auch hinterher noch verwenden“, fordert er. Doch wie soll das funktionieren, wenn für die Winterspiele, wie zuletzt in Sotschi und Pyeongchang und nun gerade in der Nähe von Peking, immer neue Bobbahnen und Skisprungschanzen aus dem Boden gestampft werden, der Weltcup-Kalender aber nicht weiter aufgebläht werden kann? „Man könnte sich doch darauf einigen, dass jeder Kontinent jeweils einen Standort für Sommer- und einen für Winterspiele auswählt. Und dann lässt man die Spiele unter diesen Städten rotieren“, schlägt er vor, kennt aber selbst den großen Haken an seiner Idee: „Da werden sich Länder, die leer ausgehen, benachteiligt fühlen.“

In Deutschland wäre Berlin ein logischer Kandidat für Sommerspiele, selbst, wenn die bisherigen Bewerbungen kläglich scheiterten. 1993 verlor die Hauptstadt bei der IOC-Abstimmung deutlich, 2015 gewann Hamburg den nationalen Ausscheid. In diesen Tagen sprachen sich die sechs größten Profiklubs Berlins – Hertha BSC, 1. FC Union, Eisbären, Alba, Füchse und BR Volleys – für einen erneuten Anlauf aus. „Gerade angesichts aktueller Debatten um Korruption, Gigantismus und Doping kann Berlin ein Gegenmodell entwickeln. Dafür, wie Großveranstaltungen in einer modernen, demokratischen Metropole aussehen sollten“, heißt es in einem Schreiben. Das klingt gut, doch die Skepsis bleibt. Daran ist nicht nur der Berliner Flughafen schuld.